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Nachruf Joachim Kaiser Im Mittelpunkt

Er konnte sich vieles leisten: Zum Tod des Großkritikers und Liebhabers der schönen Künste, Joachim Kaiser.

Joachim Kaiser
Joachim Kaiser, hier 2008, ist am Donnerstag im Alter von 88 Jahren gestorben. Foto: epd

Legendär sein Satz: „Es ist mir eigentlich egal, wer unter mir Feuilleton-Chef ist.“ Er konnte ihn sich leisten. Und es spricht für seine Redaktion, dass sie sich das leisten wollte. Legendär, dass er seine Theaterkritiken diktierte, mündlich oder fernmündlich. Für Kollegen, frühmorgens, im sehr guten Hotel, am Ort einer 1-A-Bühne, war das annähernd niederschmetternd, wenn er seinen Bericht schon durchtelefoniert hatte. Legendär auch, wenn er live im Rundfunk nach nur zwei, drei Takten das Pianisten-Rätsel lösen konnte. Wer war’s? Auf jeden Fall Joachim Kaiser, der auch noch das Jahr der Einspielung nennen konnte.

Legendär seine Auftritte bei der Gruppe 47, erst recht sein Debüt, da war ein gerade mal Mitte zwanzig. An der Seite bereits arrivierter Großkritiker verhielt er sich als „Wunderkind“. So erzählen es Anekdoten, so erzählen es Literaturgeschichten der Nachkriegszeit, so erzählte er es selbst.

Joachim Kaiser ist tot, am Donnerstag starb er in München. 1928 geboren im ostpreußischen Milken, machte der Student in den Seminaren Theodor W. Adornos Furore, auch mit seinen ersten Aufsätzen in den „Frankfurter Heften“. 1959 der Eintritt in das Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“, das Streiflicht auf der Seite 1 über die Affäre Nitribitt extrahierte aus dem ganzen Klatsch um die Ermordung der Frankfurter Prostituierten das „soziale Drama“.

Drama! Nicht dass er zum politischen Kopf geworden wäre, aber als ästhetischer Kopf schrieb er in seinem ungemein zitatfähigen Buch „Große Pianisten in unserer Zeit“, dass man die Etüden Chopins „nicht politisch links oder rechts spielen“ könne, „sondern nur mit linker oder rechter Hand“. Weil er das Anfang der 70er Jahre schrieb, war das alles andere als ein Kalauer, es war couragiert.

Den Chef-Posten im Feuilleton gab er 1977 auf, um als Professor an der Hochschule für Musik und darstellende Künste in Stuttgart zu lehren. Er blieb Kritiker, wurde der Herausgeber von Editionen, die die Einspielungen von Jahrhundert-Pianisten und Jahrhundert-Geigern speicherten. Immer wieder stand er selbst im Mittelpunkt noch dort, wo Größen und Giganten des Geistes- und Kulturlebens einen Rahmen bildeten. Es blieb nicht verborgen, dass er ein fabelhafter Tischtennisspieler war oder mit dem Ghettoblaster am heimischen Pool nicht fremdelte. Er soll ein rasanter Radfahrer gewesen sein. Er beharrte stets darauf, dass er das Pathos liebe.

Bedeutend sind seine Sätze nicht wegen irgendwelcher syntaktischer Skurrilitäten, sondern wegen ihrer schlanken Grazie. Natürlich suchte diese auch die Pointe: „Die zehn Finger eines genialischen Pianisten reichen fürs überlisztete große Beethoven-Orchester gerade noch aus.“ Das „gerade noch“ galt nicht, fürchten mussten ihn die genialischen Begabungen, auch bei einem Gould oder Gulda hatte nicht nur ein Genie die Hände im Spiel. Maßstäbe waren: Shakespeare, Mozart, Beethoven, Wagner; Größen waren: Grass, Handke, ein Martin Walser.

Nicht zuletzt eben dieses eine Problem, „dass es mehr Arten des Pianissimo gibt als Adjektive, sie zu benennen“. Als Stilist hat er den nicht nur erfreulichen Vorsprung der Musik vor dem Wort ungemein leichthändig bewältigt, bewundert von den Lesern, die er zu Tausenden hatte.

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