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Nach Anschlag „Charlie Hebdo“-Zeichner Luz hört auf

„Wir sind keine Helden, wir wollten nie welche sind und wir waren auch nie welche“: Der „Charlie Hebdo“-Karikaturist Luz verlässt das Magazin. Tiefe Gräben tun sich in der Redaktion des Blattes auf.

Der Karikaturist Luz bei einer "Charlie Hebdo"-PK im Januar. Jetzt gibt der Zeichner auf und verlässt das Satiremagazin. Foto: dpa

Riss hat ja Recht. Der Chef des Satireblattes „Charlie Hebdo“, der nach dem Massaker in den Pariser Redaktionsräumen das Kommando übernommen hat, erinnert am Dienstag daran, dass „das Leben bei Charlie noch nie ein ruhiger Fluss gewesen ist“. Und doch ist das nur ein schwacher Trost. Denn was da zurzeit den Redaktionsalltag durcheinanderbringt, sind nicht die üblichen Wasserwirbel. Da sind Opfer zu beklagen. Da lichten sich die Reihen der Überlebenden.

Kürzlich erst hatte sich – für das Satireblatt äußerst ungewöhnlich – eine Kündigung abgezeichnet. Der von Islamisten mit Morddrohungen eingedeckten franko-marokkanischen Journalistin Zuneb Al Rhazoui war Pflichtvergessenheit vorgeworfen und die Auflösung ihres Vertrages angedroht worden. Und nun wirft Luz das Handtuch. Der Zeichner, mit bürgerlichem Namen Renald Luzier, ist mit seinen Kräften am Ende. Im Gespräch mit Kollegen der Tageszeitung „Libération“ hat der 43-Jährige den Offenbarungseid geleistet.

Nach den Terroranschlägen kämen ihm die aktuellen Nachrichten langweilig vor, sie inspirierten ihn nicht mehr, hat Luz eingeräumt. Hinzu kämen die schlaflosen Nächte, die Angst – auch die Angst, ein uninspirierter, mithin ein schlechter Zeichner zu sein. „Wir sind keine Helden, wir wollten nie welche sind und wir waren auch nie welche“, hat Luz klargestellt.

Dabei schien gerade er auserkoren, das Satireblatt, das die Terroristen vernichten wollten, mit seinem zeichnerischen Talent voranzubringen. Er war es schließlich gewesen, der den islamistischen Fanatikern an vorderster Front die Stirn geboten hatte. Aus seiner Feder stammt die Mohammed-Zeichnung, die das Titelblatt der ersten Ausgabe nach dem Terrorüberfall zierte. Und Luz wollte ja auch weitermachen. Bis sich die Last, wie er sagt, nun „als zu schwer erwies“.

Das Selbstverständnis ist dahin

Die zehn ermordeten Kolleginnen und Kollegen sind nicht zu ersetzen. Und auch das Selbstverständnis des Satire-Blattes ist dahin. Jahrzehnte lang waren die Charlie-Hebdo-Macher die Underdogs gewesen, respektlose Lumpenproletarier. Kirche und Kapital waren Luz und Kollegen natürliche Feinde gewesen, Arme und Entrechtete Brüder im Geiste. Doch dann war es eben passiert. Halb Frankreich solidarisierte sich mit den Überlebenden des Massakers. Alle Welt wollte Charlie sein. Zu Helden der Meinungs- und Blasphemiefreiheit verklärt, standen Zeichner und Journalisten über Nacht selbst auf dem Podest. Mit Spenden und Abos überhäuft, avancierten die Habenichtse zu Millionären.

Allseits tun sich nun in der Redaktion Gräben auf. Der sich abzeichnende Gewinn von 12 bis 15 Millionen Euro weckt Begehrlichkeiten. Ein Teil der Zeichner und Journalisten fordert die Gründung einer Kooperative, in der sämtliche Mitglieder zu gleichen Teilen am Betriebskapital beteiligt sind. Riss lehnt das ab.

Um sich wieder zu finden, hat Luz zeichnerisch dokumentiert, wie ihm nach den Anschlägen zumute war und noch immer zumute ist. Unter dem Titel „Katharsis“ kommt der Versuch seelischer Läuterung am heutigen Mittwoch in die Buchhandlungen. Ein Blick in den Comic-Band zeigt, dass das wichtigste Kapital des Karikaturisten ihm nicht abhanden kam. Der Luz auszeichnende feine Humor, er ist noch da.

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