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Medien in Ägypten Wieder einer weniger

Die Arbeit regierungskritischer Medien in Ägypten wird immer weiter erschwert. Radikale Islamisten und Präsident Mursi setzen Journalisten unter Druck - nun wurde einer der angesehensten Kritiker vertrieben.

Die Proteste richten sich auch gegen die Einschränkung der Pressefreiheit. Foto: dpa

Die Medienpolitik der ägyptischen Regierung gleicht dem Beutezug einer Anakonda. Immer enger schlingt sich die mächtige Schlange um ihre Opfer und drückt langsam, aber unnachgiebig allen ihr ungenehmen Publikationen die Luft ab. Jüngstes Opfer der Mediensäuberung ist Hani Schukrallah. Der leitende Redakteur der Tageszeitung Al Ahram gab über Facebook seine Kapitulation bekannt. „Es ist vollbracht: Die Muslimbruderschaft ist an ihr Ziel gelangt und hat es geschafft, mich aus Al Ahram herauszudrängen“, schrieb er.

Schukrallah ist einer der angesehensten Journalisten Ägyptens. Der grauhaarige Mann mit der Nickelbrille ist bekannt für seine scharfen Analysen und dafür, dass er immer wieder kleine Wunder vollbracht hat. Schließlich ist die Tageszeitung Al Ahram nicht bekannt für unabhängige Berichterstattung, im Gegenteil. Eine kurze Periode, 2011 nach dem Sturz Hosni Mubaraks lockerte sich die Kontrolle, doch seit Präsident Mohammed Mursi regiert, ist alles wieder beim Alten: Al Ahram schreibt, was die Regierung dem Volk mitzuteilen hat.

Umso erstaunlicher ist, was in den englischsprachigen Schwesterpublikationen, Al Ahram Weekly und auf der englischen Online-Seite, zu lesen ist: Gut recherchierte, kritische und oft nachdenkliche Texte. Unter der alten Regierung galt das Prinzip: Je weniger Leser eine Publikation erreichen kann, desto mehr Freiheit.

Hani Schukrallah war derjenige, der die Grenzen dieser Freiheiten immer wieder ausreizte. Von 2003 bis 2005 war er Chef von Al Ahram Weekly, seit einem Jahr leitender Redakteur der Tageszeitung und der englischen Online-Seite. Diese spielt eine wichtige Rolle in der aktuellen politischen Diskussion, denn hier steht, was die Tageszeitung Al Ahram nicht druckt. Zugleich sind die Informationen verlässlicher als das, was viele andere Nachrichtenseiten bringen. Dafür stand bisher der Name Hani Schukrallah. Aus Sicht der Regierung wurde dies immer lästiger, den Al Ahram Online berichtete ausführlich und kritisch über die Politik der Muslimbruderschaft.

Absetzung von Moderatoren und Chefredakteuren

Zeitgleich mit der Meldung von Schukrallahs Absetzung sorgte eine Ankündigung der unabhängigen ebenfalls englischsprachigen Zeitung Egypt Independent für Aufregung: Aus finanziellen Gründen wird das Erscheinen eingestellt. Bereits seit längerem stehen die Herausgeber unter großem politischen Druck. So verliert Ägypten eine zweite Qualitätszeitung, und wer in Zukunft wissen will, was am Nil passiert, muss arabische Zeitungen lesen. In Zeiten wachsender internationaler Kritik am autoritären Regierungsstil der Muslimbruderschaft könnte dies durchaus Teil einer Strategie sein.

Die englischsprachigen Medien sind nicht die einzigen Opfer: Bereits kurz nach Machtantritt ging Mursi gegen kritische Talkmaster und Chefredakteure vor. Allerdings traf es zunächst vor allem solche Medien, die tatsächlich bösartig und verleumderisch gegen die neue Regierung gehetzt hatten. So verbreitete die Tageszeitung Al Doustour das Gerücht, die Muslimbruderschaft plane hunderte von Liberalen ermorden zu lassen. Im nächsten Schritt wurden die Chefredakteure und Herausgeber der staatlichen Medien ausgetauscht. Bisher hatten hier Mubaraks Parteigänger das Sagen, nun regiert die Muslimbruderschaft.

Wo sie mit politischen Entscheidungen nicht weiterkommen, setzten die Islamisten auf den Druck der Straße: So belagerten Salafisten wochenlang die Media-City, wo viele Privatsender ihre Studios haben. Sie wollten so dafür sorgen, dass die Sender mehr Islamisten in ihre Sendungen einladen.

Ein besonderer Dorn im Auge der Islamisten ist der Komiker Bassem Youssef. Seine wöchentliche Sendung ist extrem zynisch und extrem lustig. Zu Hochform lief Youssef auf, als er neulich den Mursi-Besuch in Berlin auf die Schippe nahm. Genüsslich kommentierte er den strengen Blick der Kanzlerin, als Mursi während der gemeinsamen Pressekonferenz auf die Uhr schaute. Bassem Youssef ist der Held aller Mursi-Kritiker; selbst derer, die nicht demonstrieren, sondern nur auf dem Sofa sitzen. Noch sendet er, widersteht dem Druck und den Drohungen der Islamisten. Doch wie lange noch?

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