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Medien Griechenland Kritik an Berichterstattung zu Griechenland

Eine Studie kritisiert, wie über Griechenland in der Schuldenkrise 2015 berichtet wurde. Die griechische Position sei in den deutschen Medien systematisch negativ gedeutet worden, sagen die Studienautoren.

Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras am 4. April im Parlament. Foto: dpa

„Die Halbstarken von Athen“, „Keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen“ – derartige Schlagzeilen prägten das erste Halbjahr 2015. Der Streit zwischen der Linksregierung in Griechenland und ihren europäischen Gläubigern – vor allem der Bundesregierung – war voll entbrannt. Der Streit wurde auch über die Medien ausgetragen und in ihnen gespiegelt – verzerrt gespiegelt, wie jetzt eine Studie behauptet. Die griechische Position sei in den deutschen Medien systematisch negativ gedeutet, die Berichterstattung vielfach von Einseitigkeit geprägt gewesen, rügt Kim Otto, Professor für Wirtschaftspublizistik an der Universität Würzburg.

Im Februar 2015 übernahm das Linksbündnis Syriza die Amtsgeschäfte in Athen, forderte ein Ende des drastischen Sparkurses, höhere Sozialausgaben und einen Schuldenschnitt. Dem verweigerte sich die so genannte Troika aus EU-Kommission, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Zentralbank, aber auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), der auf die Einhaltung der griechischen Sparauflagen pochte. Im Juli musste das von der Pleite bedrohte Griechenland nachgeben und unterwarf sich einem weiteren Kredit- und Sparprogramm.

Kim Otto und sein Kollege Andreas Köhler haben nun geprüft, wie dieser Streit in deutschen Medien dargestellt worden ist. Mittels quantitativer Inhaltsanalyse untersuchten sie 1442 Artikel, die zwischen dem 28. Januar und dem 30. Juni 2015 in den Tageszeitungen „Bild“, „Welt“, FAZ, „Süddeutscher Zeitung“ und taz sowie im Internet-Portal Spiegel-Online erschienen. Zwar finden sie große Unterschiede zwischen den einzelnen Medien. Insgesamt fällt aber das Zeugnis der Wissenschaftler nicht gut aus.

Im Fokus der Berichte standen laut Studie mit weitem Abstand griechische Akteure, vor allem Premier Alexis Tsipras und Finanzminister Gianis Varoufakis. Über sie wurde berichtet – doch sie kamen seltener zu Wort als andere Akteure. „Es wurden häufiger Aussagen über sie verbreitet, als dass ihre Aussagen verbreitet wurden“, so die Würzburger. So trat Varoufakis in 109 Artikeln als Sender von Aussagen auf, in 209 Artikeln wurden Aussagen über ihn getroffen, in den meisten Fällen durch Bundesfinanzminister Schäuble. Dieser wiederum macht in 124 Artikeln Aussagen, aber nur in 64 Artikeln wird über ihn gesprochen.

Insgesamt fanden die Wissenschaftler „eine mehrheitlich wertende meinungsorientierte Berichterstattung“. Zwischen Nachricht und Kommentar werde immer häufiger nicht unterschieden. „Journalisten vertreten auch in eigentlich neutralen Darstellungsformen ganz offen ihre Meinungen, in jedem dritten Fall trifft dies auf Nachrichten und Berichte zu.“ Damit werde das Kriterium der Neutralität verletzt.

Die Urteile fanden auf unterschiedliche Weise Eingang in die Artikel. In einem Viertel der wertenden Artikel gingen die Meinungen und Wertungen direkt und offensichtlich vom Verfasser aus. In 72 Prozent der Artikel wertet nicht der Autor selbst, sondern zitiert Quellen mit wertenden Aussagen. Hier seien die Journalisten häufig gezielt vorgegangen: „Akteure wurden mehrheitlich zitiert, um Wertungen der Journalisten zu stützen oder zu forcieren“, diese Akteure seien als „opportune Zeugen“ eingesetzt worden.

Insgesamt wurde über Mitglieder der griechischen Regierung mehrheitlich negativ berichtet – in 51 Prozent der Artikel mit Wertung war diese negativ, nur in 16,9 Prozent positiv und in 32,4 Prozent ausgewogen. Akteure, die sich ausgewogen über Athen äußerten, kamen zwar oft zu Wort, doch wurde ihnen häufiger widersprochen. Dagegen wurde die Bundesregierung viel seltener bewertet und wenn, dann meist positiv (14 Prozent) oder ausgewogen (46 Prozent).

Hier gibt es allerdings deutliche Unterschiede: So habe die „Bild“ fast ausschließlich negativ über die griechische Regierung geurteilt, die „Welt“ immerhin in 60 Prozent der kommentierenden Artikel. In der „Süddeutschen Zeitung“ sei es die Hälfte der Artikel gewesen, bei FAZ und Spiegel-Online immer noch ein Drittel. Nur bei der taz war das Verhältnis von positiven und negativen Wertungen ausgeglichen gewesen. Insgesamt zeige die Studie, dass in der deutschen Berichterstattung zur griechischen Staatsschuldenkrise Qualitätskriterien wie Neutralität, Ausgewogenheit und Vielfalt zu wenig beachtet worden seien.

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