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Medien Ein literarischer Autokorso

Kollegen lesen in Berlin-Kreuzberg die Texte des weiterhin in der Türkei inhaftierten Deniz Yücel.

Na klar, ein Heimspiel. Wohl keiner der rund 500 Besucher im Festsaal von Berlin-Kreuzberg, der nicht sein Mitgefühl und seine Solidarität bekundet wollte für den seit mehreren Wochen in türkischer Haft befindlichen Journalisten der Tageszeitung „Die Welt“, Deniz Yücel. Es sei viel über ihn berichtet und auch gerichtet worden, sagte eingangs Mely Kiyak, Autorin und Mitorganisatorin der Veranstaltung, nun sei es Zeit, die Texte von Deniz Yücel sprechen zu lassen. Und obwohl die Haltung der Zuhörenden wohl so homogen war wie in einem Trachtenverein, brachte die Textpräsentation Verblüffendes zum Vorschein.

Das lag natürlich an den Texten selbst, die überwiegend aus den Zeitungen stammten, für die Deniz Yücel geschrieben hat. „Jungle World“, „taz“ und „Die Welt“. Manche grobschlächtig, draufgängerisch. Deniz Yücel ließ es gerne krachen, eine Art literarischer Autokorso. Manche von subtilem Witz, den er, wenn es, was öfter vorkam, um Fußball ging, ins enervierend Infantile zu steigern wusste. Für eine gute Pointe ging Yücel, wenn es sein musste, sehr weit. Aber dabei war er immer darauf bedacht, sein sprachliches Niveau nicht zu unterschreiten. Und selbst in seinen fein ausgearbeiteten Deutschlandhasstexten schien es ihm Freude zu machen, darin besonders deutsch daherzukommen. Mit tiefer Kenntnis der Volksseele, die er zu verletzen beabsichtigte und einem sicheren Gespür, sich selbst in der größtmöglichen Distanz noch zugehörig zu fühlen.

Das Besondere dieses Abends aber bestand darin, dass allein aus diesen Texten eine unmissverständliche Gewissheit hervorging: Hier spricht einer von uns, dem in Erdogans Präsidialdiktatur großes Unrecht wiederfährt. Und noch etwas geschah mit den Texten von Deniz Yücel im Festsaal Kreuzberg, gelesen von den Musikern Jens Friebe und Sven Regener, den TV-Prominenten Jan Böhmermann und Michel Friedman, dem Schriftsteller Maxim Biller sowie zahlreichen Journalistenkollegen. Man konnte, selbst wenn man Yücels Texte bereits kannte, diese auch ganz neu hören. Insbesondere seine Reflexionen und Reportagen über die Gezi-Park-Proteste in Istanbul aus dem Jahr 2014 sind anrührende Versuche, das eigene Verhältnis zu dieser doppelten Nationalität, die einer wie Yücel geradezu verkörpert, neu zu bestimmen.

Für einen Moment schien sie auf, die zarte Hoffnung auf eine friedliche Revolution in der Türkei. Solidarität, ja natürlich. Aber mehr noch vollzog sich im Festsaal Kreuzberg eine identitätspolitische Selbstverortung.

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