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Medien Das russische Russlandbild zeigen

Das Projekt dekoder.org übersetzt russische Medien ins Deutsche und will so den Diskurs beleben. Denn zu simple Erklärungsmuster beherrschen das Bild eines sehr widersprüchlichen Landes.

05.11.2015 15:28
Inna Hartwich
Russland-Entschlüssler: Martin Krohs, Friederike Meltendorf, Leonid Klimov (v.l.n.r.), am Rechner zugeschaltet: Eduard Klein. Foto: Inna Hartwich

Nein, einfach ist es nicht mit Russland. Immer nur Putin, das kalte Land, ein gewaltdurchsetzter Patriotismus. Oder ist es doch die rätselhafte russische Seele, das gastfreundliche Leben auf der Datscha, mit einem Gläschen Wodka dazu und Balalaika-Klängen im Hintergrund? Schnell ist ein Schwarz-Weiß herbeigeholt, ein simples Erklärungsmuster für das so widersprüchliche Land.

Einfach aber wollen es sich Martin Krohs, Leonid Klimov, Friederike Meltendorf, Eduard Klein und Alena Göbel, Osteuropa-Kenner zwischen 30 und 45 Jahren, ohnehin nicht machen. Sie suchen die Grautöne aus der Masse des äußerst verklärenden Hellen und des allzu dämonisierenden Dunkeln – und zeigen mit ihrem kürzlich gestarteten Projekt dekoder.org, dass es auch ohne Propaganda geht. „Wir liefern ein Bild von Russland aus Russland heraus“, sagt Martin Krohs, Philosoph und Gründer der gemeinnützigen Info-Plattform.

Dekoder.org ist eine Website. Ohne Schnickschnack, ohne aufpoppende Ablenkung. Texte reihen sich da schlicht untereinander: über TV-Staatsjournalismus in Russland, über Straflager im Norden des Landes, auch über russische Künstler, manche leben noch, andere sind längst tot. Geschrieben sind sie von russischen Journalisten, in solchen Medien wie colta.ru, Spektr, Bumaga. Journalisten, die sich mit Russland selbst beschäftigen und zeigen, dass es jenseits der allumfassenden russischen TV-Kanäle auch kritische, unabhängige, investigative Berichterstattung in einem Land gibt, dessen Pressefreiheit die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ in diesem Jahr auf Platz 152 von 180 sieht.

Genau diese Medien will dekoder.org sichtbar machen, will Mythen entzaubern und eine Vielfalt an Stimmen in den deutschen Diskurs über Russland hineinbringen. „Es wäre ein großer Erfolg, wenn wir dabei zu einer Instanz würden, die man zitiert“, sagt Krohs. Zehn Jahre hat der Niedersachse in Moskau gelebt, hat dort für das Goethe-Institut gearbeitet, einen Buchladen für europäische Bücher aufgemacht.

Dann kam die Krise

Dann kam die Krise auf der Krim, es kam die in der Ostukraine. Krohs sah die mediale Aufregung, sah schiefe Bilder. „Was nur kann man da machen?“, dachte er sich, bis er im russischen Online-Sender Doschd eine Diskussion nach einem Urteil gegen den Oppositionellen Alexej Nawalny anschaute und sich sagte: „Solche Debatten müsste man auch bei uns sehen.“

Im Doktoranden Eduard Klein von der Forschungsstelle Osteuropa in Bremen, der Literaturübersetzerin Friederike Meltendorf, dem Museumswissenschaftler Leonid Klimov, der vor vier Jahren nach Deutschland kam und blieb, und der Slawistin Alena Göbel fand er schnell Gleichgesinnte. Noch finanziert sich das Projekt mit privaten Spenden aus dem westdeutschen Mittelstand, die Macher aber gehen nun vermehrt Kulturstiftungen an, damit ihr Ziel, am virtuellen Buch über Russland weiterzuschreiben, sich auch realisieren lässt.

Sie stöbern durch russische Medien, suchen aus, übersetzen und machen so die Berichte nicht nur für Eingeweihte mit Russisch-Kenntnissen zugänglich. Drei neue Stücke pro Woche stellen sie ins Netz und versehen sie mit den sogenannten „Gnosen“, kurzen fachlichen Erklärungen, damit auch der Unwissende weiß, was es mit dem Bolotnaja-Platz auf sich hat, auf dem es vor knapp vier Jahren zu Massendemonstrationen für freie Wahlen gekommen war, dass Wladimir Medinski Russlands Kulturminister auf Patriotisierungskurs ist, oder dass Walenki, diese Filzstiefel, enorme Dienste im trockenen russischen Winter leisten. „Wir sind ein hybrides Format, das Wissenschaft und Journalismus zusammenführt. Wir machen keine Meinung, sondern zeigen lediglich, was es in Russland an Medien gibt“, sagt Friederike Meltendorf im Dekoder-Büro in Hamburg-Altona. Hier läuft alles zusammen, die Vorschläge der freien Mitarbeiter, die Aufsätze der Wissenschaftler, die Debatten über dieses oder jenes übersetzte Wort. Drei Tische stehen im fast leeren Raum, ein paar Äpfel von einer russischen Datscha liegen darauf. Das Büro ist fast wie die Website – auf das Nötigste beschränkt.

„Wir fangen gerade erst an und haben viele Pläne“, sagt Gründer Krohs. Newsletter, bald auch Bilder, vielleicht folgen eines Tages sogar Übersetzungen aus Russlands staatlichen Medien. „Natürlich mit erklärendem Kontext dazu.“ Schulen wollen sie angehen, Universitäten, das „Format vervielfältigen“. Sie konzentrieren sich auf Spenden, vor allem aber auf Inhalte. „Über diesen Teil von Europa sollen die Menschen genauso lesen wie über jeden anderen Teil Europas auch“, ist der Plan der Dekodierer. Wie sie das erreichen wollen? „Posmotrim“, sagt Friederike Meltendorf. Es ist eine sehr russische Antwort: Schauen wir mal.

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