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Mainzer Tage der Fernsehkritik Kuscheln in der Bastion

Den 44. Mainzer Tagen der Fernsehkritik auf dem Lerchenberg fehlte vor allem eins: Kritik am Fernsehen. Das Hohelied des Fernsehens wurde in einer Art und Weise gesungen, dass man sich unversehens bei den Mainzer Tagen der Selbstbeweihräucherung wähnte.

Wer ist der Mörder? Twittern beim „Tatort“. Foto: dpa

Am Ende, ganz am Ende, kam das, was am Anfang hätte stehen müssen. Und es kam nicht von denen, die im Kongresssaal der 44. Mainzer Tage der Fernsehkritik auf dem Lerchenberg saßen, sondern von einem Diskutanten, der sich per Internet zugeschaltet hatte. Der Mann wies bloß darauf hin, dass in zehn Jahren Fernsehen und Netz sowieso über den gleichen Apparat liefen. Und diese Aussicht wäre das Fundament gewesen, auf dem man das Thema „Wissen, was zählt. Wenn Fernsehen und Internet verschmelzen“ hätte diskutieren können. Aber eben erst in der Schlussrunde kam ein Teilnehmer des Podiums, Vox-Geschäftsführer Frank Hoffmann, auf den Begriff „Streaming“ und damit auf die längst bekannte Tatsache, dass der Verbreitungsweg von Inhalten, ob aus dem Internet, dem Fernsehen, dem Radio oder sonst woher, auf einem einzigen Gerät möglich sein wird.

Zuvor aber war wortreich um die Binsenwahrheit herumgeredet worden, dass ein neues Medium ein altes nicht verdrängt, sondern höchstens verändert: Es gibt da nun mal keine Kannibalisierung, sonst hätten wir kein Buch, kein Radio mehr. Darauf wies auch die Medienforscherin Ulrike Wagner noch einmal hin. Und deswegen war der Untertitel auch schon problematisch: „Verschmelzen“ passt nicht wirklich, denn die Inhalte auf den Bildschirmen der Zukunft werden weiterhin von verschiedenen Anbietern kommen, auch wenn das Fernsehen immer häufiger auf Filme von Youtube oder Beiträge von Bloggern zurückgreift.

Das wurde im Übrigen schamhaft verschwiegen während der anderthalb Tage in Mainz, sieht man einmal von Blogger Richard Gutjahr ab, der es geschafft hat, von der ARD-„Tagesschau“ um einen Beitrag aus Ägypten gebeten zu werden. Gutjahr war es auch, der sich am schärfsten abgrenzte von den Kollegen des Fernsehens. Er könne nichts mehr anfangen mit dem Begriff Leitmedium und der Beschwörung von Qualitätsjournalismus – als ob es den im Netz nicht gäbe. Die heutigen Netizens scheren sich offensichtlich nicht mehr um die Meinung eines Internet-Pioniers, dass das Web ein großer Müllhaufen sei. Das Netz sei weder gut noch schlecht, aber auch nicht neutral, es sei überhaupt kein Medium, erklärte der Blogger, es sei „die Infrastruktur des 21. Jahrhunderts“.

Seine Emphase dabei, so übertrieben sie wirken mochte, erschien doch angemessen als Reaktion auf das, was zuvor im Saal so alles gesprochen worden war. Zumal am ersten Tag wurde das Hohelied des Fernsehens in einer Art und Weise gesungen, dass man sich unversehens bei den Mainzer Tagen der Selbstbeweihräucherung wähnte.

Da beschwor die ehemalige Bischöfin Margot Käßmann in ihrem Wort zum Montag die „tieftraurige menschliche Vereinsamung in der schönen neuen Medienwelt“ und wollte die „Gemeinsamkeit auch in der Erzählung“ sehen; da erklärte Astrophysiker und ZDF-Moderator Harald Lesch („Abenteuer Forschung“) die „Tagesthemen“ und das „heute-journal“ zu „verlässlichen Bastionen“, das Internet aber zum „Unternet“. Und so kuschelte man sich in der gemeinsamen Überzeugung, dass „Wissen, was zählt“ doch im guten alten Fernsehen seine Heimstatt habe. Wobei vor allem Fernsehkritikerin Klaudia Wick mit ihrer Erinnerung an frühe Bildung durch den Bildschirm hervorhob, dass Lernerfolge eines „emotionalen Resonanzbodens“ bedürfen.

Dass man das auch unter verstärkter Nutzung des Netzes erreichen kann, darauf hob Katharina Borchert von Spiegel online anderntags ab: Sie wies darauf hin, dass im US-Fernsehen begleitend zur Oscar-Verleihung oder zu einer Obama-Rede Twitter-Kommentare eingeblendet wurden. Immerhin war ja das ZDF als Veranstalter so up to date und netzaffin, dass diese Tagung zum ersten Mal Beiträge von Nicht-Anwesenden zuließ – per Netz. Und so ein wenig von seiner „Thematisierungsgewalt“ (ein schönes Wort von Intendant Markus Schächter) preisgab. Am 20. April werden die Mainzer dann ein neues Kapitel in der „Verschmelzung“ von Fernsehen und Internet aufschlagen mit „Wer rettet Dina Foxx?“, einem „Internetkrimi“, bei dem die Zuschauer durch Mitspielen im Web einen Mordfall lösen dürfen – aber nicht müssen.

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