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Lindholm-Tatort „Es wird einem bewusst, wie alleine man ist“

Eine misshandelte Kommissarin und der schmerzhafte Sog der Gewalt: Schauspielerin Maria Furtwängler und Regisseurin Anne Zohra Berrached im Gespräch über den neuen Lindholm-Tatort.

Tatort
„Noch nie ist Charlotte Lindholm so stark in Mitleidenschaft gezogen worden.“ Die Regisseurin und ihre Hauptdarstellerin. Foto: NDR/Marion von der Mehden

Am Sonntag läuft der 25. Tatort mit Charlotte Lindholm. Für Sie, Frau Furtwängler, ist es ein Jubiläum. Für Sie, Frau Berrached, Ihr Debüt als Tatort-Regisseurin. Hat diese ungewöhnliche Paarung dem Film gut getan?
Furtwängler: Ich denke, die Konstellation ist per se interessant, aber wegen unserer auf sehr unterschiedliche Weise komplexen Persönlichkeiten. Erfahrung ist gut, aber Neugier ist besser. Und wir waren beide sehr neugierig aufeinander und diesen Stoff.

Berrached: Auf jeden Fall. Der Tatort Holdt ist ein besonderer und das haben wir allen Beteiligten, vor allem Marias Performance und der der anderen Darsteller zu verdanken. Sie alle spielen wahnsinnig gut.

In einer niedersächsischen Kleinstadt wird die Frau des Bankiers Frank Holdt entführt. Eine brutale Geschichte, sehr düster inszeniert. Ist das Ihre Handschrift Frau Berrached?
Berrached: Jeder Film den ich umsetze, trägt auch etwas von mir. Nennen wir es Handschrift. Auch der Holdt-Tatort ist meine Art, die Welt zu sehen und meine Art, den Zuschauer zu bewegen. Wenn ich zurückschaue, haben alle meine Filme etwas gemeinsam. Meine weiblichen Hauptfiguren – und bei mir sind sie fast immer weiblich – werden an ihre Grenzen gebracht. Nur wenn der Regisseur sich im Film wiederfindet, kann es auch ein besonderer werden. Und das ist uns beim Holdt-Tatort gelungen.

Furtwängler: Normal ist ja, dass die Kommissarin immer die Kontrolle über die Situation hat, das ist ihr Job. Doch bei diesem Fall ist es ganz anders, da wechselt sie die Seiten. Sie ist total irritiert und so erschüttert in ihrem Selbstbild, dass man förmlich mit den Händen greifen kann, wie sie verzweifelt versucht, die Situation in den Griff zu bekommen, um wieder die starke Frau zu sein.

Weibliche Hauptfiguren werden an ihre Grenzen gebracht. Was hat denn das zu bedeuten?

Berrached: (lacht) Na ja, bleiben wir mal bei unserem Tatort. Charlotte Lindholm wird verprügelt, sie ist übel zugerichtet, verletzt ...

Furtwängler: ... noch nie ist Charlotte so stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Alle Figuren im Film sind irgendwie angekratzt und angeknackst.

Berrached: … die Kommissarin bräuchte eine Pause. Die will sie sich eigentlich auch nehmen, ist aber nicht entschieden genug. Stattdessen verhält sie sich, wie sie es immer tut: Ich bin eine gute Polizistin, nie krank, nie im Urlaub. Ich bin stark, ich mach das jetzt! Als so eine starke Figur ist Charlotte Lindholm ja angelegt.

Vor allem auch als sehr kontrollierte Person ...
Berrached: Aber genau die kann sie hier nicht mehr sein. Dabei schaffe ich solch heftige Situationen nicht, um Frauen klein zu machen. Mich interessiert, Menschen in eine Lage zu bringen, in der sie nicht mehr wie gewohnt funktionieren können, sondern sich etwas Neues überlegen müssen.

Furtwängler: Charlotte Lindholm ist selbst Opfer geworden, das ist unerträglich für sie und vor diesem Trauma läuft sie davon. Jeder andere Mensch hätte gesagt, jetzt muss ich mich bei meiner Freundin ausheulen oder bei meiner Mutter oder wenigstens die Dienststelle informieren ...

Stattdessen verhält sie sich, als wäre es ihr peinlich, zum Opfer geworden zu sein, ähnlich wie bei einer Vergewaltigung ...
Furtwängler: Ja, da ist ganz viel Schamgefühl dabei. Da passiert ihr so ein Scheiß, an dem sie sich vielleicht sogar noch eine Mitschuld zuweist. Und dann benutzt sie ihre Ermittlungsarbeit, um wieder Stärke zu beweisen und verrennt sich dabei total.

Kennen Sie solche Erfahrungen?
Furtwängler: Durchaus. Ich erinnere mich an Situationen, wo ich so sehr unter Druck geriet, dass ich auf eine Art Überlebensmodus umgeschaltet habe. Und dann verengt sich das Blickfeld und damit auch die eigenen Handlungsmöglichkeiten.

Der 25. Tatort, Frau Furtwängler. Ist Charlotte Lindholm inzwischen ermittlungsmüde?
Furtwängler: Nein. Ich hatte mal eine Phase, wo eine gewisse Routine aufkam. Dann habe ich entschieden, nur noch einen Tatort im Jahr zu machen. Das war genau richtig, denn seitdem kann ich mich auf jeden neu einlassen.

Wie hat sich Charlotte Lindholm im Laufe der Jahre entwickelt? Selbst wenn Sie zu Beginn ja nicht wussten, wie lange Sie die Figur spielen werden, ist der Tatort eigentlich immer als Langzeitprojekt angelegt.
Furtwängler: Es ist ja eine große Chance, sich mit so einer Figur weiterzuentwickeln. Ich bin als Schauspielerin gewachsen, als Mensch und als Frau. Bin eben älter geworden. Es ist ein Reifungsprozess und sehr schön, das als Maria und als Charlotte umsetzen zu können.

Frau Berrached, für Sie war es der erste Tatort. Wie ist es, in eine Geschichte einzusteigen, die schon so lange läuft?
Berrached: Es ist der einfachste Film, den ich je gemacht habe.

Tatsächlich? Warum?
Furtwängler: ... ganz einfache Hauptdarstellerin zum Beispiel ...

Berrached: (lacht) Weil das, was ich von diesem Film wollte, einfach umzusetzen war. Meine Crew, mit der ich beide Kinofilme gemacht habe, hat nun auch den Tatort gemacht. Wir sind eingespielt. Und es war nur Maria, die ich neu kennenlernen musste.

Kein Gerichtsmediziner oder ein weiterer Kommissar im Spiel ...
Berrached: Ich konnte mich auf Maria konzentrieren und dadurch war der Seriencharakter gar nicht in meinem Kopf. Das einzig serienmäßige ist der Charakter Charlotte Lindholm. Alles andere konnten der Drehbuchautor Jan Braren und ich so gestalten, wie wir es wollten.

Furtwängler: Dabei wird mir nochmal klar, warum mich keine Routine überkommt. Bei Charlotte Lindholm ist ja immer alles neu. Ivo Batic dagegen trifft beim Münchner Tatort jedes Mal auf seinen Kollegen Leitmayr in den immer gleichen Räumen der Polizeidirektion. Die Hälfte des Teams ist schon mal gesetzt. Auch eine gewisse Form des Umgangs, dieser gemeinsame Humor, das ist gesetzt und das ist natürlich auch toll, so eine Geborgenheit im Ritual. Allerdings ist es darstellerisch völlig anders.

Aber ist das Alleinsein nur eine Stärke der Figur Lindholm?
Furtwängler: Es ist halt nicht so lustig. Ich habe kürzlich mal wieder einen Tatort mit Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl gesehen, beide inzwischen schon schlohweiße Zausel und dann kommen die wohl bekannten Frotzeleien – das macht auch Freude!

Im „Fall Holdt“ gönnen Sie den Zuschauer*innen tatsächlich wenig Freude. Es gibt nicht eine entspannte Szene, alle Figuren arbeiten irgendwie gegeneinander und Sie, Frau Furtwängler, sehen immer nur fertig aus ...
Berrached: (lacht) Soll sie ja auch. Sehen Sie frisch geschminkt und erholt aus, wenn Sie gerade von zwei Verbrechern gedemütigt und verprügelt worden sind?

Furtwängler: (lacht auch) Aber mir hast Du gesagt, ich sehe gut aus und jetzt stimmt es gar nicht ...

Berrached: Wir sind es mittlerweile so gewohnt, bearbeitete Gesichter in Fotos und Filmen zu sehen, dass es einem komisch vorkommt, jemanden mal ungeschminkt zu entdecken. Außerdem wollte ich ganz nah bei der Figur bleiben, sie sollte keine Möglichkeit haben aus der Situation rauszukommen. Charlotte bleibt ja auch die ganze Zeit auf dem Polizeirevier, kann sich nicht richtig waschen ...

Furtwängler: ... ich musste die ganze Zeit die gleichen Klamotten tragen ...

Berrached: Ich finde es spannend, dass die Kommissarin emotional ist, Gefühle zeigt und „laut“ reagiert. Das hat sie auf diese Art noch nie zuvor. Sie kriegt Druck von allen Seiten, noch nicht mal ihre Assistentin ist für sie eine Freundin. Ich wollte, dass sie vor dem traumatischen Erlebnis, das ihr zustößt, ausgelassen tanzt, voller Leben und Liebe ist, und so fängt unser Tatort an.

Aber dann geht sie da raus und es wird hässlich. Sie quälen nicht nur Ihre Hauptdarstellerin, Sie haben auch keine Gnade mit dem Publikum.
Berrached: Gut erkannt. Wenn ich Menschen an Grenzen kommen lassen will, dann konsequent.

Furtwängler: Zumal, so viel darf ich schon vorab verraten, auch am Ende nicht einfach alles gut wird.

Berrached: Der Film ist ja ein Mix aus verschiedenen Verbrechen, die tatsächlich passiert sind.

Und ist stellenweise ebenso brutal.
Furtwängler: Aber diese Brutalität – das ist mir sehr wichtig – wird nie ästhetisiert. Sie wird gezeigt, wie sie ist: roh, scheußlich, schmerzhaft. Im Film sieht Gewalt gegen Frauen manchmal so aus, als habe der Regisseur das gerne gefilmt, als sei es anregend für ihn gewesen. Davon ist hier überhaupt nichts drin. Ich möchte allerdings auch festhalten, dass aus alledem eben auch ein Sog entsteht, dem man sich schwer entziehen kann. Es ist ein wuchtiges, spannendes Stück Fernsehen.

In der Presseerklärung der ARD zu diesem Tatort heißt es, dieser Film hätte den besonderen weiblichen Blick. Weibliche Hauptrolle, weibliche Regie – reicht das für so eine Ansage?
Berrached: Ich bin eine Frau und mache meine Filme als Frau. Ich kann mein Geschlecht ja nicht ausklammern. Und dann ist es auch richtig, dass wir davon reden, weil es so wenige Frauen in meinem Beruf gibt.

In der Ausbildung sind es noch viele ...
Berrached: Doch die sind später nicht mehr sichtbar, weil sie nicht zum Zuge kommen. Es ist einfach immer noch sehr viel schwieriger als Frau in dem Beruf der Regie erfolgreich zu sein.

Furtwängler: Ich habe gerade überlegt, mit wie vielen Regisseurinnen ich beim Tatort zusammengearbeitet habe: 25 Filme, davon sechs von Frauen. Und dabei mache ich immer deutlich, dass ich sehr gern mit Regisseurinnen arbeite.

Trotz des versprochenen weiblichen Blicks tritt in dem Tatort eine Kollegin von Charlotte auf, die ihr perfide in den Rücken fällt. Da macht ’ne Frau einen Film und was zeigt sie? Stutenbissigkeit. Typisch.
Furtwängler: Das ist doch genau das Klischee! Dass Frauen nicht zueinander in Konkurrenz treten können oder sollen, sondern solidarisch, empathisch und mitfühlend sein müssen. Was für ein Stereotyp. Bei einem Mann würde man gar nicht darüber stolpern, dass der eine dem anderen das Wasser abgraben will.

Machen Frauen denn andere Filme als Männer?
Berrached: Das Problem beginnt doch genau hier, sobald wir das Weibliche als etwas Besonderes herausstellen. Wenn wir wirklich gleichberechtigt sein wollen, kann das keine Kategorie sein, auch nicht beim Filmemachen. Unterschiedliche Frauen schaffen unterschiedliche Filme.

Aber das Marketing betont das Besondere.
Berrached: Absolut. Vielleicht muss man ja tatsächlich klar machen, wie wenig Frauen es an dieser Stelle gibt, damit sich etwas ändert. Aber ich will als Frau nicht anders behandelt und nicht bevorzugt werden.

Furtwängler: Ich müsste mich jetzt total einkrampfen, wenn ich einen grundsätzlichen Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Regisseuren beschreiben sollte.

Aber eben sagten Sie, dass Sie Wert darauf legen, mit Frauen zusammenzuarbeiten.
Furtwängler: Ja, weil ich es gerne mag und mich gefragt habe, warum es eigentlich immer Männer sein müssen. Außerdem interessiere ich mich für den Ton, den Frauen reinbringen. Aber wenn ich einen besonderen Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Inszenierung benennen sollte, wäre das schwierig ... Ich kann Unterschiede bei jedem Film beschreiben, aber keinesfalls sagen, die Frauen hätten etwa „einfühlsamer“ inszeniert.

Die Präsenz von Frauen in Film und Fernsehen, vor und hinter der Kamera, ist nach wie vor erschreckend gering. Wie arbeitet es sich mit diesem Wissen im Kopf?
Berrached: Es wird einem noch mal bewusster, wie alleine man ist.

Furtwängler: Als Schauspielerin arbeiten sie nicht anders. Als Feministin arbeiten sie daran, das zu ändern.

 

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