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Lebenshilfe oder Abzocke Reinigung von Seele und Darm

"Ein neuer Onkel" gleich nach Kika: Zuschauer beschweren sich über "Kanal telemedial".

19.04.2008 00:04
GABRIELE RENZ
Streit um Chef von Privatsender B.TV eskaliert
Vorsicht, Falle! Thomas Hornauer will 30 Euro von Anrufern aus Deutschland. Foto: dpa

Thomas G. Hornauer hat neuerdings kurze Haare und eine schnittige Easy-Rider-Brille. Das macht ihn auch nicht seriöser. Gleich nach Sendeschluss des Kinderkanals Kika legt der gelernte Gießer aus dem schwäbischen Plüdershausen mit seinem "Kanal telemedial" los, auf der gleichen Satellitenfrequenz . Zu sehen ist ein ovaler Tisch in kräftigem Orange, an dem Hornauer mit "Freunden" sitzt. Sie beantworten Fragen. Oder singen. Oder trommeln. Oder dozieren über Sex und menschliches Bewusstsein. Oder Darmprobleme.

Zuschauer werden gebeten anzurufen. 30 Euro kostet es aus Deutschland, neun Euro aus Österreich, ins Studio verbunden zu werden. Hornauer versorgt seine Klientel im Gegenzug mit Tipps wie "Im Winter schneit's, im Sommer regnet's, akzeptier es!" oder zum Thema Homosexualität: "Wenn Du das Ding an der falschen Stelle reinstecksch, dann isches um".

50 Euro "Energieausgleich"

Positiv ausgedrückt, könnte man das, was der 47-Jährige anbietet, eine Art esoterische Lebenshilfe nennen. Die deutschen Landesmedienanstalten nennen es "Abzocke". Denn Hornauer ruft auch dazu auf, ihm "Energieausgleich" zu zahlen. 50 Euro im Monat hält er für angemessen. An Konten, wohin überwiesen werden kann, fehlt es nicht.

"Geld dafür zu nehmen, dass Energien über den Bildschirm übertragen werden, stellt alles in den Schatten, was es bisher gegeben hat", sagt Norbert Schneider, Vorsitzender der Gemeinsamen Stelle Programm, Werbung und Medienkompetenz der Landesmedienanstalten. "Der Eindruck drängt sich auf, dass Zuschauer hier für dubiose Angebote regelrecht ausgenommen werden."

Doch die deutschen Medienanstalten, Aufsichtsgremium für Privatsender, können wenig ausrichten. Telemedial ist von der österreichischen Kommunikationsbehörde KommAustria zugelassen, wird aber auch in deutschen Kabelnetzen verbreitet.

Geschäftsführer Thomas Hornauer ist vor allem den Baden-Württembergern noch ungut in Erinnerung. Seine Lizenz für den Sender BTV4U musste der frühere Produzent von Erotik-Clips im Jahr 2005 zurückgeben wegen Verstößen gegen Auflagen. Seither wurstelt er sich durch. Mal gab ihm Kiel eine Rundfunklizenz. Nun genehmigte die KommAustria die Ausstrahlung der "spirituellen Lebensschule".

"Das müsste einen gesellschaftlichen Diskurs auslösen, wie weit TV gehen darf", findet Axel Dürr, Sprecher der Landesanstalt für Kommunikation in Stuttgart. Dürr nennt Hornauer einen medialen Clown. "Er ist kein Heilsbringer oder esoterischer Guru, er hat nur einen Auftrag, nämlich Geld zu verdienen."

ARD und ZDF, merkt Dürr an, könne nicht recht sein, wenn Thomas Hornauer um 21 Uhr gleich nach dem Kika auf Sendung gehe. Tatsächlich verabschiedete der selbst ernannte Seelenreiniger schon die Kinder "ins Bett". Vorher aber sollten sie noch ihre Mama an den Fernseher holen und sagen: "Hey Du, auf Kanal telemedial ist ein neuer Onkel".

Zuschauer fühlen sich unwohl

Der Kinderkanal bat um Unterlassung. Doch Hornauer habe sich "anspracheresistent" gegeben. Eine wirklich "unschöne Sache" und nicht mehr lustig, meint Kika-Sprecherin Christiane Rohde. Sehr viele Zuschauer, die sich "unwohl" fühlten, hätten sich bereits beschwert. Doch Kika sei auch nur Mieter". Der Ball liege beim Vermieter SES Astra, dessen gutes Recht es sei, den Platz weiter zu vermieten. Dennoch hofft Rohde auf eine "schnelle Lösung". Man stehe in Kontakt mit dem Satellitenbetreiber.

SES Astra sieht das Problem. Allerdings seien nur die 40 Prozent der Satellitennutzer der analogen Welt betroffen. "Wir können keine zusätzliche Kapazität anbieten", bedauert Sprecherin Katrin Anderl.

Jetzt schlug SES Astra dem MDR, der den Kinderkanal betreut, vor, "Kanal telemedial" eine Sendepause vorzuschalten. Denkbar, so Anderl, sei ein "optischer Trenner" wie ein schwarzer Bildschirm. Damit, hofft der Satellitenbetreiber, werde die "visuelle Aufmerksamkeitsstufe" hinreichend abgesenkt.

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