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Late-Night-Moderator Niels Ruf Kurzer Blick in den Ausschnitt

Kai Diekmann hat es getan, Günter Wallraff, jetzt Niels Ruf: Nach seinem kurzen Gastspiel als Late-Night-Moderator auf Sat 1 trägt er jetzt Dreitagebart und eine Brille mit eingebauter Kamera. Das Ergebnis eröffnet den Zuschauern abgesehen von manch primitivem Kalauer völlig neue Perspektiven.

06.09.2010 18:22
Jakob Buhre
Grimassen schneiden kann er, in Ausschnitte gucken auch: Niels Ruf. Foto: picture-alliance / dpa

Talkshows gibt es im Fernsehen zur Genüge. Von früh bis spät, quer durch alle Kanäle, wird diskutiert und debattiert, was die Lungen hergeben. Themen, Moderatoren und Gesprächspartner sind, wenn man Glück hat, unterschiedlich, doch eines bleibt immer gleich: Die Kameraperspektive. Fragesteller, Zuhörer und Beantworter, ein Zoom ins Studiopublikum, eine Promi-Hand, die gerade Däumchen dreht – und wieder der Fragesteller.

Doch es geht auch anders. Subjektiver, wie zum Beispiel bei „Looki Looki“. Wir befinden uns in einem Restaurant auf der „Queen Mary“, jemand filmt gerade sein Mittagessen, oder besser gesagt, er betrachtet es. Der Blick wackelt vom Teller nach oben, richtet sich auf eine blonde Frau gegenüber. Und die wiederum, Schnitt, guckt Niels Ruf in die Augen. Zwei Jahre nach seinem kurzen Gastspiel als Late-Night-Moderator auf Sat 1 trägt dieser jetzt einen Drei-Tage-Bart und eine Brille mit eingebauter Kamera.

Auch seine Gesprächspartnerin Anika Decker, Drehbuchautorin von „Keinohrhasen“, ist mit so einer Brillenkamera ausgerüstet. Man unterhält sich über die Zähne von Jürgen Vogel, die Dekorationskünste von Til Schweiger, als Ruf sie auf ihr „Baujahr“ anspricht, schwenkt der Kamerablick kurz in ihren Ausschnitt, als ein Mann in Uniform im Schiffsrestaurant auftaucht, fokussiert ihn Ruf sofort: „Wenn Sie der Kapitän sind, wer steuert dann das Schiff?“

Zu sehen ist die Webserie auf 3min.de, einem Videoportal der Deutschen Telekom. In kurzen Clips fährt Ruf mit seinen Interview-Partnern spazieren, zum Shopping nach New York oder macht Straßenmusik auf dem Alexanderplatz, stets mit Kamerabrille. Und abgesehen von der optimierbaren Bildqualität und manch primitivem Kalauer: Der Kameradialog liefert eine Reihe spannender, komischer Momente. Besonders die Situation des Interviews wird hier mit einer Direktheit transportiert, die das Gespräch nicht mehr länger als von außen abgefilmt wirken lässt, sondern quasi, als würde man es als Zuschauer selbst führen.

Bisher ist diese Subjektive im Fernsehen noch rar. Einen ersten Versuch unternahm das ZDF im Jahr 2000, als man anlässlich der Expo einem Mitarbeiter ein Objektiv auf den Kopf schnallte. Der „Cyporter“ übertrug Aufnahmen von der Weltausstellung teilweise live. Ebenfalls im ZDF waren 2003 Bilder zu sehen, die Herbert Grönemeyer mit einer Brillenkamera produzierte: In der Dokumentation „Mensch Grönemeyer“ konnte der Zuschauer ein Stadion-Konzert aus der Perspektive des Rocksängers erleben.

Wie im Blindflug

Auch Kai Diekmann ließ schon durch seine Brille schauen, als er Ende 2009 für seinen Blog einen Tag in der Bild-Zeitungsredaktion dokumentierte. Überhaupt könnte die Brillenkamera im Journalismus noch einige Verbreitung finden, zumal im investigativen Bereich. Bei „Frontal21“ setzt man sie bereits seit 2001 regelmäßig ein, auch Günter Wallraff machte schon mehrfach davon Gebrauch, unter anderem für seinen Film „Schwarz auf Weiß“. Er weist allerdings auch auf eine Gefahr hin: „Wir haben für fast alle Szenen im Nachhinein eine Genehmigung eingeholt und bei denen, die wir für sehr wichtig hielten aber keine Genehmigung bekamen, haben wir die Personen verfremdet.“

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