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Krautreporter Wenn das Netz bezahlt

Auf der Plattform Krautreporter sammeln Journalisten Geld für ungewöhnliche Recherchen.

29.01.2013 16:47
Marin Majica
Lange ein Tabu: die Filmemacherin Carmen Eckhardt sammelt auf Krautreporter.de 6?600 Euro für einen Film über ihren Großvater, dessen Schicksal in ihrer Familie lange totgeschwiegen wurde.krautreporter.de

Carmen Eckhardt will einen Kopf suchen, er gehörte ihrem Urgroßvater Viktor. Der Mann wurde von den Nazis wegen Hochverrats geköpft, sein Schicksal war jahrzehntelang ein Tabu in der Familie. Doch dieses Geheimnis will die Filmemacherin Eckhardt nun lüften, und dafür braucht sie 6?600 Euro – Geld, das sie seit heute auf Krautreporter.de sammelt.

Erste Berichte über die neue Plattform, die an diesem Dienstag gestartet ist, tauchten schon im Dezember auf. Die Wochenzeitung Die Zeit, aber auch Branchendienste und Blogs schrieben schnell über Krautreporter – eine Seite, über die Journalisten Geldgeber für aufwendige Reportagen finden können. Das klingt wie die Antwort auf die Frage, die in diesen turbulenten Medien-Zeiten überall gestellt wird: Wie lässt sich Journalismus finanzieren, wenn die Anzeigenerlöse sinken und etliche Redaktionen Mitarbeiter entlassen oder gleich ganz schließen müssen?

„Ich halte mich zurück mit Thesen über den Journalismus“, sagt Sebastian Esser, 36, einer der Köpfe hinter Krautreporter. Er kann gut verstehen, dass alternative Geschäftsmodelle jeden in der Branche hellhörig werden lassen. Esser kennt sich hier gut aus, bis vor einigen Monaten hat er das Medien-Magazin V.I.S.D.P. herausgegeben. Aber er will nichts versprechen, was Krautreporter nicht halten kann.

Die Seite soll nicht die Rettung des Journalismus sein, sondern nur eine neue Möglichkeit, ihn zu finanzieren. Nicht mehr, nicht weniger. Die Idee ist von Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter, Indiegogo oder Startnext abgeleitet: Jemand stellt eine Idee vor und sagt, wie viel Geld er für die Verwirklichung benötigt und in welcher Zeit er diese Summe beisammen haben will. Wer Geld dazuschießt, bekommt dafür je nach Höhe des Betrages mehr oder weniger exklusive Prämien als Gegenleistung.

So dürfen alle, die Carmen Eckhardt bei ihrer Suche mit 300?Euro unterstützen, die Filmemacherin teilweise bei der Recherche begleiten, Eckhardt bietet auch einen Workshop über Storytelling an. Ähnliches offerieren auch Taiwan-Korrespondent Klaus Bardenhagen, der über Krautreporter ein Buch über Taiwan herausgeben will, oder der hessische Blogger Julian Heck, der die Inhalte seines Blogs mit Berichten aus Weiterstadt einmalig als Print-Magazin herausgeben will.

Die User, die solche Projekte unterstützen, sind dabei weit mehr als reine Geldgeber, erklärt Sebastian Esser. „Du kaufst nicht das Produkt, sondern du zahlst dafür, dass du Teil des Prozesses wirst.“ Krautreporter sei deshalb auch keine Spendenplattform. Erfolg haben beim Crowdfunding erfahrungsgemäß vor allem Projekte, die eine Community auch über den unmittelbaren Familien- und Freundeskreis hinaus entstehen lassen, die diese Community einbinden und regelmäßig, transparent und fesselnd über Fortschritte berichten.

Diese neue Art der Finanzierung verlangt freilich auch den Journalisten etwas ab, was sie bisher im Umgang mit den Lesern kaum unter Beweis stellen mussten: Selbstmarketing. „Erstens ist uns das verdächtig, zweitens ist es uns unangenehm und drittens können wir es noch nicht“, sagt Sebastian Esser. Doch in Zukunft werden solche Tugenden Pflicht, wenn auch einzelne Journalisten zu eigenen Marken werden.

Wie das funktioniert, hat kürzlich Dirk von Gehlen von der Süddeutschen Zeitung vorgemacht. Der bestens vernetzte Online-Journalist warb auf Startnext enthusiastisch für sein Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“ über Kunst und Kultur im digitalen Zeitalter. Statt 5?000 kamen 14?182 Euro zusammen – und 350 Unterstützer, mit denen Gehlen das Buch nun zusammen schreiben will. Wenn es dann im Buchladen steht, wird für manchen Förderer der spannendste Teil der Geschichte schon vorbei sein.

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