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Klassik-Magazin VAN Multimediales Gesamtkunstwerk

Zeitschriften über klassische Musik sind nicht gerade der Inbegriff von modernem Layout und innovativer Gestaltung. VAN, ein digitales "Magazin für klassische Musikkultur", will das nun ändern. Ein vielversprechendes Projekt.

03.11.2014 16:37
Daniel Kortschak
Das Titelblatt der zweiten Ausgabe von VAN. Foto: VAN

Öffnet man die aktuelle Ausgabe im App-Store, erklingt Musik. An Stelle des Titelblattes tanzen geometrische Formen über den Bildschirm. Erst in Schwarzweiß, dann in kräftigen Farben. Nach einem furiosen Höhepunkt klingt die Melodie sanft aus, die Farben verblassen wieder und das Cover erstarrt in eleganter Schwarzweiß-Optik. So spektakulär ist der Einstieg in das Magazin für klassische Musikkultur VAN, das seit diesem Sommer erscheint. Und auf den furiosen Auftakt folgt eine Reihe von weiteren Höhepunkten.

Das direkt nach dem Titel platzierte Editorial nennt sich passend zum Inhalt "Vom Blatt gespielt" und kommt als Interview daher: Herausgeber Hartmut Welscher spricht mit der Bratschistin Tabea Zimmermann über die Themen der aktuellen Ausgabe, die den Komponisten Alfred Schnittke in den Mittelpunkt rückt.

Auch das multimediale Titelblatt nimmt Bezug auf Schnittke: "Inspiriert hat mich eine Beschreibung von Alfred Schnittke im Interview mit Alexander Ivaschkin über seine ersten Begegnungen mit der Musik als Kind", erläutert der Designer und Künstler Benjamin Augustin seine Coveranimation. Schnittke erzählt, er habe gefühlt, dass "jeder Moment ein Glied in der Kette der Geschichte ist; alles hatte viele Dimensionen, die Vergangenheit zeigte sich in einer Welt von Geistern, die immer da sind (...)". Die Grafiken für den VAN-Titel aufgegriffenen Themen seien "die Verdichtungen verschiedener Stränge an einem Ort zu einer bestimmten Zeit - so wird auch Musik allgemein wahrgenommen." Das Blasen-Element sei dabei eine "Metapher für die Flüchtigkeit eben solcher raumzeitlicher Konstellationen", so Gestalter Augustin über sein buntes Cover für VAN.

Bereits auf den ersten Seiten wird klar: VAN ist weit mehr als bloß eine elektronisch publizierte Musikzeitschrift. "Es hat mich gestört, dass es kein junges, frisches Magazin für klassische Musik gibt, das auch einen über das eigentliche Thema Musik hinausgehenden kulturellen Anspruch hat", erläutert VAN-Herausgeber Hartmut Welscher im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau.

Musik erleb- und hörbar

Ein Anspruch, der im elektronischen Magazin ziemlich konsequent umgesetzt wird. Die Rubrik "Da ist Musik drin" etwa kombiniert in Form einer multimedialen Strecke Bilder, Texte und Musik: Künstler präsentieren in einem kurzen Text ein für sie besonders bedeutsames Musikstück, zu Wort und Klang gesellt sich ein passendes Bild. Ein Format, bei dem man sich entspannt im Sessel zurücklehnt und Text, Bild und Musik auf sich wirken lassen kann. Und eine Darstellungsform, bei der das elektronische Medium Tablet-PC seine Stärken voll ausspielen kann.

Es sei zwar nicht von Anfang an klar gewesen, die Zeitschrift ausschließlich in einer elektronischen Variante anzubieten. Doch im Laufe der rund einjährigen Entwicklungsphase von VAN sei die Wahl dann schnell auf ein multimediales Magazin gefallen, sagt Herausgeber Welscher: "Erstens ersparen wir uns so eine Menge Aufwand und Kosten für Druck und Vertrieb. Und außerdem ist es für ein Magazin über klassische Musik heutzutage sehr wichtig, die Musik auch hör- und erlebbar zu machen. Da bietet das Tablet natürlich einen enormen Vorteil.“

Dennoch kommen neben dem reichhaltigen multimedialen Zusatzangebot die Texte nicht zu kurz. Ganz im Gegenteil: Rund 30 Autoren schreiben für VAN, und die Artikel, die ein sehr breit gefasstes Themenspektrum abdecken, können sich sehen lassen. Dem Schweizer Dirigenten Mario Venzago und seinen eigenwilligen Interpretationen von Schubert und Bruckner sowie seinem selbstbewussten Auftreten als Orchesterchef ist ebenso eine lange Geschichte gewidmet wie einem Gespräch mit Simone Young, die im kommenden Jahr ihren Abschied als Hamburger Generalmusikdirektorin begeht. Alle Texte werden durch umfangreiche Hörproben und zahlreiche verlinkte Videos ergänzt.

Bewusst in den Hintergrund tritt das geschriebene Wort in einer Geschichte über das Projekt "Voices and Piano" von Peter Ablinger: In bisher 49 Stücken komponiert der Künstler Sprachaufnahmen von bekannten Persönlichkeiten mit selbst komponierten Klavierstücken. VAN präsentiert eine Auswahl dieser "Stücke für Klavier und CD" in einer optisch wie akustisch sehr ansprechend gestalteten Bild-Ton-Collage, die um die Partituren der Stücke und einen kurzen Erklärtext ergänzt wird.

Insgesamt fällt bei VAN die durchgehend sehr aufwändige grafische Gestaltung auf. Es sei ihm und seinem Team ein großes Anliegen gewesen, die oft etwas angegraute Ästhetik von klassischen Musikmagazinen aufzubrechen, sagt Hartmut Welscher Welscher gegenüber der FR: "Unser Art Director Alex Ketzer kommt aus einem ganz anderen Bereich, aus der Elektroszene. Der hat da natürlich einen ganz anderen Blick darauf. Und diese Sicht von außen tut bestimmt ganz gut. Weil: die meisten anderen Publikationen sind ja nach wie vor von einer sehr, sehr klassischen Optik geprägt." Von dieser klassischen Optik ist bei VAN in der Tat nichts zu bemerken: Das Inhaltsverzeichnis sieht aus wie ein Flyer eines Popevents, in vielen Artikeln dominieren grelle, poppige Farben. Dennoch wirkt keine der 30 Seiten überladen, immer stehen die Inhalte und nicht die äußere Form im Mittelpunkt.

Noch experimentieren die Macher von VAN ein wenig mit den verschiedenen Gestaltungsformen, loten aus, was mit der Technik alles möglich ist. Die dabei entstehenden kleineren Ungereimtheiten - ein etwas aus der Linie gerücktes Audio-Plugin dort, eine nicht unterstützte Queformat-Ansicht hier, der nicht immer nachvollziehbare Wechsel zwischen dem fließenden Textlayout und dem klar abgegrenzten Seitenlayout - sind in der erst zweiten Ausgabe verzeihlich. Dem entschleunigten Leseerlebnis, das VAN wohltuend von den vielen überfrachteten, klickoptimierten Web-Portalen auf der einen und lieblos per Textexport bestückten Zeitungsapps auf der anderen Seite abhebt, tun sie keinen ernstlichen Abbruch.

Und technisch wie inhaltlich soll sich auch noch einiges ändern bei VAN, verrät der Herausgeber. Derzeit wird die App mit Adobe In-Design und einem Multimedia-Plugin der französischen Firma Aquafadas produziert. Die Umstellung auf HTML 5 ist für das kommende Jahr geplant: "Dafür müssen wir noch einmal Geld in die Hand nehmen. Aber das ermöglicht es uns, die App für alle Geräte anzubieten und unabhängig von bestimmten Vertriebsplattformen zu werden", so Hartmut Welscher. Dann soll VAN auch von vier auf zwölf Ausgaben pro Jahr wachsen.

Sorgen finanzieller Art, die der digitale Wandel zurzeit den Herausgebern von vielen bereits auf dem Markt etablierten Publikationen bereitet, macht sich das Team übrigens nicht: "Wir sind überzeugt davon, dass sich so etwas trägt. Wir haben mit VAN eine Nische besetzt und sehen bereits nach der zweiten Ausgabe, dass es eine Nachfrage nach einem innovativen, multimedialen Magazin rund um das Thema klassische Musik gibt.“ An der dritten Ausgabe wird jedenfalls bereits eifrig gewerkt. Erscheinen wird sie im Dezember.

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