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Journalismus „Presse besitzt keine lautstarke Lobby“

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen spricht im Interview über die Zukunft des Journalismus im Zeitalter der Fake News.

Tourist in Thailand
Man kann auch auf Papier überall gut informiert sein. Foto: afp

Professor Pörksen, die Veränderung der Lesegewohnheiten im Zuge der Digitalisierung ist offenkundig. Aber halten Sie das für eine Erfolgsstory oder für eine Verfallsgeschichte?
Für beides. Wir leben in Zeiten eines ungeheuren Informationsreichtums, der sofortigen Verfügbarkeit von Texten und Büchern in gewaltiger Zahl. Das ist die gute Nachricht. Und wir leben in Zeiten der Informationsfragmentierung, des permanenten Bombardements mit kontextfrei präsentierten Datenschnipseln. Das heißt: Die aktuelle Veränderung hat ein Doppelgesicht. Sie ist schön und schrecklich.

Was bedeutet das für die Aufnahme und den Umgang mit Informationen, quantitativ wie qualitativ?
Quantitativ gilt ganz klar: Wir sind, einmal vernetzt, alle Teilnehmer eines Steigerungsspiels: Immer mehr Informationen erreichen uns immer direkter und immer schneller, rund um die Uhr. Qualitativ gilt: In der Aufmerksamkeitsökonomie muss fokussierte Aufmerksamkeit – im Sinne der vollkommenen Konzentration – heute erkämpft werden, weil die Kräfte der Ablenkung stärker werden. Die Normalform ist nicht die fokussierte, sondern die fluktuierende Aufmerksamkeit. Unser Interesse springt.

Gilt in der Flut der Nachrichten: Noch nie waren wir so umfassend informiert, noch nie wussten wir so wenig Bescheid?
Das würde ich nicht pauschal unterschreiben. Wer sich gezielt informieren will, wer sich nicht treiben lässt, sondern selbst mit Disziplin die eigene Frage verfolgt, der findet so viele Möglichkeiten wie nie. Das ist großartig, setzt aber voraus, dass man weiß, was man sucht. Die Gefahr ist aus meiner Sicht eine andere: Öffentlichkeit wird radikal personalisiert. 

Was ist damit gemeint?
Das bedeutet: Jeder kann sich in eine Wirklichkeitsblase und in sein persönliches Selbstbestätigungsmilieu hinein googeln – um dann einer Mehrheitsillusion zu erliegen und zu glauben: „Meine Ansichten sind gar nicht abseitig! Wir sind viele!“ Das ist der Echokammer-Effekt, der die Polarisierung innerhalb der Gesellschaft verstärkt und auch die Vertreter abseitiger Ansichten mit enormem Selbstbewusstsein ausstattet.

Kann aus den Erfahrungen mit Fake News, Hate Speech und einer Regierung der „alternativen Fakten“ (Donald Trump) ein neues kritisches Bewusstsein entstehen?
Das geschieht bereits. Die Abo-Zahlen der „New York Times“ und der „Washington Post“ sind stark gestiegen, seit Trump Präsident der Vereinigten Staaten ist. Das liegt einfach auch daran, dass viele Menschen in diesen Zeiten seriöse Informationsquellen unterstützen wollen – und dass sich ein neues Gespür für Qualität entwickelt. Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass Trumps Anhänger ziemlich standhaft zu ihm halten. Das heißt: Einerseits entwickelt sich kritisches Bewusstsein, andererseits gibt es Teile seiner Wählerschaft, die jeden neuen Skandal schlichtweg ignorieren, ihm weiterhin zujubeln. 

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