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Jakob Augstein Erfolg und Geheimnis

"Der Freitag" ist sein Projekt. Verleger Jakob Augstein spricht über seinen Anspruch als Zeitungschef - sein Lebenswerk und eine späte Enthüllung. Von Ulrike Simon

26.11.2009 16:11
Ulrike Simon
Jakob Augstein, Verleger der Wochenzeitung "Der Freitag", setzt auf die redaktionelle Einbindung der Zeitungsleser und Online-Nutzer. Foto: dpa

Man sollte meinen, dass eine Bewerbung, in der sich ein junger Mann mit dem Namen des Spiegel-Gründers um ein Volontariat bemüht, in einer Zeitungsredaktion auf Interesse stößt. Doch Jakob Augstein kassierte Anfang der 1990er erst einmal Absagen: bei der FAZ, der Abendzeitung und auch bei der Süddeutschen. Vorerst musste er sich mit einem Praktikum beim NDR-Magazin DAS! begnügen. Rudolf Augstein fragte seinen Redakteur Olaf Ihlau, bekannt für seine guten Kontakte zur Süddeutschen: Ob er für den Sohn nicht etwas machen könne? Ihlau konnte, und Jakob Augstein bekam sein Volontariat. Kollegen von damals beschreiben ihn als einen nachdenklichen, ruhigen jungen Mann.

Jakob Augstein fährt sich mit der Hand durch die dunklen, an den Schläfen leicht ergrauten Haare. Auch mit 42 Jahren drängt es ihn nicht in den Vordergrund. "Journalismus ist ein faires Geschäft", sagt er. "Wenn die Texte nicht gut sind, hilft dir dein Name gar nichts." Das Wichtigste Gebot im Journalismus? Augstein zitiert den Amerikaner Gay Talese: Journalisten sollten ihren Dienst in Klöstern der Wahrheit tun, weit weg von den Palästen, und die Religion der Ungläubigkeit predigen.

In einem Dachgeschoss hinter der Berliner Humboldt-Universität sitzt die Redaktion der Wochenzeitung Der Freitag. Jakob Augstein hat das linke Meinungsblatt im Frühjahr 2008 gekauft. Er ist nun selbst Verleger. Der Frage, ob er mit dem Kauf des Blattes in Rudolf Augsteins Fußstapfen treten will, entgegnet er mit Kopfschütteln. Dass er Journalist geworden ist, entsprach seinen Neigungen. Sein journalistisches Vorbild? Kurt Kister, der Vize-Chef der Süddeutschen, weil er alle journalistischen Genres gleichermaßen beherrscht. Ob der Journalistenberuf der einzige mögliche für ihn war? Regisseur wäre die Alternative gewesen. Am Theater, der anderen, ihm nahen Welt.

Wenn Jakob Augstein wie jüngst in elitärer Atmosphäre zum Gespräch mit dem ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger eingeladen wird oder zur Eröffnung der Villa Schöningen an der Glienicker Brücke, fühlt er sich wie ein Außenstehender. Man schmückt sich gern mit seinem Namen. Stünde er auf solchen Gästelisten auch, wenn er irgendein Journalist wäre, der eine kleine, gegen die Bedeutungslosigkeit ankämpfende Zeitung gekauft hat?

1990 wurde der Freitag gegründet. Er ging aus dem Ost-Berliner Sonntag und der westdeutschen Volkszeitung hervor, um das Zusammenwachsen von Ost und West zu begleiten. Jakob Augstein hat die Wochenzeitung von Grund auf neu gestaltet und den Kioskverkauf binnen eines Jahres mehr als verdreifacht. Trotzdem kommt sie gerade einmal auf eine Auflage von 18.000 Exemplaren. Das Besondere am neuen Freitag ist die redaktionelle Einbindung der Zeitungsleser und Online-Nutzer. Sie sollen sich als das fühlen, was man im Web-Zeitalter Community nennt.

Die Süddeutsche und die Zeit, für die Jakob Augstein geschrieben hat, gelten beide als linksliberal. Dem widerspricht er: "Sie sind in die Mitte gerückt; sie sind längst Teil des Mainstreams, und der ist nun alles andere als linksliberal. In politischen Kategorien gesprochen müsste man sagen: Schwarz-Grün". Augstein stört sich an Meinungsstücken, die das Sowohl-als-auch abwägen: "Fürchterlich ist das." Er wünschte sich Eindeutigkeit. "Wenn ich einen Freund habe, will ich doch auch wissen, woran ich bin, was er denkt, welche Haltung er hat". Später spricht er vom sozialen Wandel und sagt, es sei falsch, dass die Medien den Anschein erweckten, es gäbe kein Oben und Unten, kein Rechts und Links mehr. Guter Journalismus und politische Ideologie schlössen sich zwar aus; "aber wenn der Freitag ein politisches Projekt hätte, wäre es das rot-rot-grüne."

In den Gesellschafterversammlungen des Spiegels vertritt er die Erbengemeinschaft Rudolf Augsteins. Jahr für Jahr bekommt er, ohne Zutun, seinen Gewinnanteil ausbezahlt. Wie leicht ist es für jemanden, der sich nie den Weg von unten bahnen musste, linke Positionen zu vertreten? Augstein scheint die Frage zu wundern, erzählt vom Gymnasium in Hamburg-Othmarschen, von seiner allein erziehenden Mutter und davon, dass er als Reporter auf Sofas von Hartz-IV-Empfängern gesessen, ihr Leben, ihre Probleme, ihre Sorgen erfahren hat.

Für den Freitag hat er sich eine gewisse Geldsumme gesetzt, die er bereit ist zu investieren. Seine Prioritäten sind klar: Vor allem geht es um das Überleben des Unternehmens. Später sollen die Mitarbeiter fair bezahlt werden. Zu guter Letzt soll sich seine Investition lohnen. Wird der Freitag sein Lebenswerk? Augstein zögert: "In solchen Kategorien denke ich nicht. Ich denke in Projekten. Vielleicht mache ich irgendwann wieder etwas anderes."

Jakob Augstein ist gewohnt, Pflänzchen zu hegen und zu pflegen, bis sie Wurzeln schlagen. Dieser Leidenschaft geht er in seinem 300 Quadratmeter großen Garten in Berlin-Zehlendorf nach. Dort hat er gelernt: Manche Arten gedeihen unter seinen Händen, andere nicht.

Seit Jakob Augstein eine eigene Zeitung besitzt, wirkt er irgendwie befreit. In einem Apparat zu arbeiten, sei es bei der Süddeutschen, sei es beim Spiegel, wo er vor Jahren mit der Entwicklung einer Kulturzeitschrift scheiterte, ist seine Sache nicht. "Ich kann mich schlecht unterordnen", sagt er. Woher das komme? "Vielleicht, weil ich vaterlos aufgewachsen bin". Er und seine Schwester sind auf die Welt gekommen, bevor Rudolf Augstein die Mutter, die Übersetzerin Maria Carlsson, geheiratet hat. Die Ehe währte nicht lange. Erst im Teenager-Alter entwickelte sich sein Verhältnis zu Rudolf Augstein zum Guten. Jakob entdeckte Gemeinsamkeiten: den trockenen Humor, das Interesse für Währungspolitik, das Thema seiner Magisterarbeit.

Er ist erwachsen, als er von seiner Mutter jene Antwort erhält, die wenige kennen und über die nie jemand öffentlich geredet hat. Bis heute nicht. Rudolf Augstein, 2002 gestorben, war zwar Jakobs gesetzlicher Vater. Nicht jedoch sein leiblicher. Das war Martin Walser, der 82-jährige, am Bodensee lebende Schriftsteller. Ja, sagt Jakob Augstein: "Das ist lange bekannt, und ich bestätige Ihnen das gerne." Maria Carlsson hatte Rudolf Augstein und Martin Walser einst miteinander bekannt gemacht. Jeder für sich gilt als großer Mann der deutschen Nachkriegszeit. Die beiden waren befreundet, sie teilten ihr Wissen. Warum sollte Jakob Augstein es verheimlichen - erst recht heute, da er selbst drei Kinder hat? Er will kein Gewese darum machen.

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