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Interview "Schlicht nicht akzeptabel"

Rolf Seelheim von der Nordwest-Zeitung zur Kritik am Deutschen Presserat.

12.03.2008 00:03
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Rolf Seelheim (58) ist seit 1992 Chefredakteur der Nordwest-Zeitung in Oldenburg/Niedersachsen. Foto: NWZ

Herr Seelheim, die Publizistischen Grundsätze des Deutschen Presserats verlangen die klare Trennung von Werbung und Redaktion. Sie sind sogar zum 1. Januar 2007 noch präzisiert worden. Warum wollen Sie eine neuerliche Überarbeitung?

Es hat sich in der Praxis erwiesen, dass die sicherlich gut gemeinte Überarbeitung des Pressekodex an manchen Stellen zu falschen Schlüssen führt. Wann beispielsweise beginnt das öffentliche Interesse an der Berichterstattung, wann hört es auf? Wer definiert das Informationsinteresse der Leserinnen und Leser? Doch sicherlich nicht der Presserat. Dies ist immer noch Aufgabe der Redaktionen, die das mit ihren spezifischen Kenntnissen der Regionen und der Leserbedürfnisse viel besser beurteilen können.

Schleichwerbung, heißt es im Pressekodex, liege insbesondere dann vor, wenn für Veröffentlichungen von Dritten bezahlt werde. Braucht es eine solche Klarstellung, weil angesichts sinkender Erlöse für die Zeitungshäuser möglicherweise nicht mehr selbstverständlich ist, was Jahrzehnte galt?

Da sind wir beim entscheidenden Punkt. Es wird nicht differenziert zwischen möglichen Verstößen gegen das Trennungsgebot sowie bezahlter Schleichwerbung. Wer Veröffentlichungen aus kommerziellen Interessen Dritter akzeptiert, hat in Zeitungsredaktionen nichts zu suchen. Mir ist kein Fall dieser Art aus Redaktionen nationaler oder regionaler deutscher Zeitungen in den letzten Jahren bekannt, wohl aber bei den öffentlich-rechtlichen Medien. Wer versehentlich gegen das Trennungsgebot verstößt, handelt sich womöglich eine Rüge ein, die unter dem Begriff Schleichwerbung daherkommt. Und wird damit von einer weniger informierten Öffentlichkeit als "käuflich" betrachtet. Das ist schlicht nicht akzeptabel.

Die heimische Wirtschaft kann aus der regionalen Berichterstattung gewiss nicht ausgeklammert werden. Gehen aber Webadressen und Links zu Anbietern im redaktionellen Teil nicht häufig über das Informationsbedürfnis hinaus, wenn sie mit kritikloser Anpreisung einhergehen?

Kritiklose Anpreisung von Produkten liegt sicher allen fern. Über bedeutsame neue Entwicklungen in der heimischen Wirtschaft zu berichten, die womöglich Arbeitsplätze schaffen oder sichern, ist aber Pflicht einer Regionalzeitung. Folgt man den Grundsätzen des Presserates, wären weder Gastronomietipps möglich, noch könnten auf den Motorseiten Fahrberichte erscheinen.

Befürworter einer Überarbeitung der Richtlinien zum Trennungsgebot argumentieren, sie wollten Lesern den gleichen Mehrwert bieten wie kommerzielle Online-Anbieter. Nun agieren die weitgehend außerhalb einer freiwilligen Selbstkontrolle. Orientiert man sich nicht in die falsche Richtung?

Webadressen sind ein unverzichtbarer Service für Printmedien. Wir wissen aus vielen Befragungen, dass die Leser dies von ihrer Zeitung erwarten. Es wäre doch äußerst problematisch, diesen Service anderen Medien, beispielsweise dem Internet, zu überlassen. Die Damen und Herren im Presserat nehmen den medialen Wandel und das veränderte Rezipienten-Verhalten nicht ausreichend zur Kenntnis. Wenn ich höre, dass ein pensionierter Agenturjournalist Vorsitzender einer Spruchkammer ist, wundert mich aber nichts mehr.

Steht der Presserat vor einer Zerreißprobe? Der praxisnahe Umgang mit dem Trennungsgebot ist ja nur eines von mehreren Themen, die sein Selbstverständnis in die Kritik bringen.

Ich halte den Grundgedanken, der zur Gründung des Presserates führte, nach wie vor für richtig. Es gilt, Medien vor staatlicher Einflussnahme zu schützen. Leider hat sich der Presserat zu einer ungewollten Kontroll- und Zensurbehörde entwickelt. Ich kenne Kollegen, die bereits von einer Bundesschriftkammer sprechen. Mehrere Verlage denken ernsthaft darüber nach, sich vom Presserat loszusagen. Das wäre das Ende dieser Institution. Zeitungen gefährden ihre Glaubwürdigkeit auch dann, wenn sie nicht mehr berichten dürfen, was sie wissen und was Leser wissen möchten. Ein guter Service zählt ebenso dazu wie die Nennung von Herkunftsländern reisender Schwerverbrecher. Der größte mediale Unfall ist eingetreten, wenn die Einwohner einer Stadt durch Hörensagen mehr erfahren als die Leser einer Zeitung.

Interview: Ralf Siepmann

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