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Interview mit Jo Groebel Boulevard macht Spaß

Jo Groebel ist der wohl meistzitierte  Medienexperte. Kein Wunder, er ist sich für nichts zu schade. Doch für Kommunikationsmüll hält er auch die trivialeren seiner Aussagen nicht.

13.09.2010 12:09
Der Medienexperte Jo Groebel. Foto: dpa

Je mehr Medien es gibt, desto größer ist der Bedarf an sogenannten Experten. Jo Groebel hat sich das zunutze gemacht. Im Interview spricht der 59-jährige Medienpsychologe und Autor vieler Bücher darüber, warum ihm kein Thema und kein Medium zu trivial erscheinen, um sich mit ebenso trivialen Statements als „Experte“, „Medien-Experte“ oder „Medien-Professor“ zitieren zu lassen.

Herr Groebel, Sie haben einmal über sich selbst gesagt: „Ich bin eine extrovertierte Person“.

Definitiv. Ich habe Spaß daran, mich zu äußern.

Zum Beispiel äußern Sie sich auf der Webseite des Chauffeur- und Limousinenservice Valet Parking & More mit dem Satz: „Auch international gibt es kaum einen Limousinenservice, der perfekte Bequemlichkeit und direktes Wohlbefinden schon bei kurzen Fahrten mit einem so charmanten und persönlichen Service verbindet.“ Was kriegen Sie dafür?

Wenn ich will, bekomme ich einen Wagen, der mich irgendwo hinbringt. Ich habe es  nur wenige Male in Anspruch genommen.

Sie werden zur Werbefigur gemacht, weil man Sie kennt. Als Medienexperte wissen Sie, wie man sich inszeniert.

Mit Verlaub. Ich werde gefragt, ich werde eingeladen, ich werde gebeten mich zu äußern.

Zum Beispiel von der Boulevardzeitung B.Z.. Auf die Frage, wie dem beziehungsgeschädigten Lothar Matthäus zu helfen sei, sagten Sie: „Einfach mal schweigen in den nächsten Wochen“. Über Jörg Kachelmann sagten Sie in Bild: „Die öffentliche Meinung urteilt und verurteilt viel schneller als die Justiz.“ Braucht es dafür Experten-Wissen?

Nein. Offensichtlich fallen aber auch Ihnen Äußerungen im Boulevard eben mehr auf als die in meinen Büchern oder in „anstrengenden“ Medien.

Schaden diese nichtssagenden Weisheiten nicht Ihrem Ruf – erst recht dem als Wissenschaftler?

Wer sich auf den Boulevard begibt, wird nicht mit tiefgründigen wissenschaftlichen Äußerungen zitiert. Diesen Preis nehme ich bewusst in Kauf. Die Medien schätzen, wenn jemand einfach und prägnant zu formulieren weiß. Das ist unter Wissenschaftlern nicht unbedingt üblich. Wer mich aber kennt und sich die Mühe macht, Äußerungen von mir außerhalb des Boulevards zu suchen, findet das sehr leicht.

In der Welt  haben Sie den Erfolg von „Wer wird Millionär“ so erklärt: „Wenn die Kandidaten etwas nicht wissen, was man selbst gewusst hätte, ist das ein Triumphgefühl“. Die Show werde „wegen des charmant rüberkommenden Jauchs“ gesehen.

Wären Erklärungen von Katharsis oder parasozialer Interaktion noch druckfähig? Mal ganz ehrlich: Mehr als eine halbe Stunde meiner wöchentlichen Arbeitszeit bringe ich für diese Statements nicht auf. Nochmal: Es macht mir einfach Spaß. Ich bekomme ja nichts dafür. Eine Aufwandsentschädigung, wenn ich im Fernsehen auftrete, mehr nicht.

Warum, glauben Sie, ruft ein Journalist Sie an?

Journalisten wollen zunächst bei einem Sachverhalt, von dem man wenig weiß, mehr erfahren. Da liegt echtes Interesse vor. Ein weiteres Motiv: Der Experte wird eingesetzt, um die ohnehin aufgestellte These zu unterstützen. Schließlich: Der Experte gehört zur Mediendramaturgie und wird rituell hinzugefügt.

Ihre Referenz ist das Deutsche Digital-Institut, das Sie 2006 in Berlin gegründet haben. Wie finanziert sich Ihr Institut?

Ich selbst werde als Treuhänder von der Mobilkommunikations-Branche mit den großen Netzbetreibern Telekom, O2, E-Plus und Vodafone finanziert. Alles andere, also Studien oder auch mal ein Symposium, ergibt sich durch Aufträge.

Woran arbeiten Sie?

Die Forschung ist für mich der Kern unserer Arbeit. Vor zwei Jahren  haben wir im Auftrag der Deutschen Fußball-Liga mit einem Marktforschungs-Institut eine Studie  zur Medienentwicklung gemacht. Vergangenes Jahr habe ich für Microsoft eine Studie zur Datensicherheit mitkonzipiert und geleitet. Aktuell beschäftige ich mich aus gesellschaftspolitischer Sicht mit einem Kollegen von der Columbia University  mit der weltweiten Monopolgesetzgebung. Aus der Forschungsarbeit abgeleitet betreiben wir auftragsfreie Beratung. Drittens organisieren wir Workshops.

Wen meinen Sie, wenn Sie von „wir“ und „uns“ sprechen?

Mein Institut hat eine höchst schlanke Struktur. Wir haben drei Räume: Einen für mich, einen für das Teilzeit-Sekretariat und einen für derzeit zwei Praktikanten.

Out, schrieben Sie in Bunte, sei „Kommunikationsmüll“. Wo taucht der auf ?

Wieder trivial wäre jetzt die Antwort: im Boulevard. Kommunikationsmüll entsteht jedoch vor allem dort, wo Kommunikation systematisch kalkuliert wird. Zum Beispiel, wenn Fakten durch professionelle Presse-Arbeit beschönigt und damit die Berichterstattung manipuliert wird. Kommunikationsmüll entsteht auch dort, wo Äußerungen systematisch danach ausgerichtet werden, was wohl am besten ankommt. Und, um Ihnen augenzwinkernd die Pointe zu liefern: Da meine Äußerungen zumindest bei Ihnen und möglicherweise weiteren Kritikern einen eher negativen Effekt auslösen, scheine ich keinen Kommunikationsmüll abzuliefern.

Interview: Ulrike Simon

 

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