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Interview mit ARD-Chefin „Wir brauchen Jauch nicht“

Aber er sei eine gute Ergänzung, sagt die neue ARD-Vorsitzende Monika Piel. Ein Gespräch über Gebühren, Smartphones und die Talkshow-Schwemme beim Ersten.

02.01.2011 21:49
Nach 30 Jahren beim WDR ist Monika Piel jetzt Chefin der ARD. Foto: dpa

Aber er sei eine gute Ergänzung, sagt die neue ARD-Vorsitzende Monika Piel. Ein Gespräch über Gebühren, Smartphones und die Talkshow-Schwemme beim Ersten.

Frau Piel, welche Ziele haben Sie für die kommenden zwei Jahre als ARD-Vorsitzende?

Es sind weniger Ziele, sondern Aufgaben, die von außen auf uns zukommen. Etwa die Umstellung des Gebührenmodells. Im kommenden Jahr muss das Modell in allen Landtagen beraten und beschlossen werden. Dadurch, dass wir sechs Jahre lange keine Gebührenerhöhung kriegen werden, ist auch die Spardiskussion weiterhin ein Thema. Wir müssen weitere Kooperationen eingehen, denn wir wollen nicht in Programmetats einsparen. Zudem liegt mir sehr daran, wie wir zu einem Interessensausgleich kommen können zwischen Qualitätsverlagen und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Sie haben sich für Bezahlinhalte auf mobilen Endgeräten ausgesprochen. Lässt sich so der Konflikt zwischen Öffentlich-Rechtlichen und Privaten lösen?

Einen Konflikt mit den kommerziellen elektronischen Anbietern wie RTL gibt es nicht, aber mit den Verlagen. Man ist offensichtlich von Seiten der Verlage auf dem Holzweg, wenn man journalistische Inhalte kostenlos anbietet. Diese Kostenloskultur kann nicht Ziel führend sein. Das kann für die Verlage nur heißen, man muss dahin kommen, die journalistischen Inhalte zu verkaufen. Da sind kostenpflichtige Apps der richtige Anfang. Bei diesen fühlen sich die Verleger jedoch im Markt behindert. Wenn der Verlegerverband die Apps kostenpflichtig macht, dann werde ich mich auch vehement dafür einsetzten, dass unsere öffentlich-rechtlichen Apps kostenpflichtig sind.

Warum erst dann?

Im Moment könnten wird das keinem Gebührenzahler erklären. Wir denken zum Beispiel über eine Sportschau-App nach und haben überlegt, ob wir diese nicht kostenpflichtig anbieten könnten. Aber es gibt hundert kostenlose Sport-Apps in Deutschland. In so einer Situation können wir, die wir gebührenfinanziert sind, nicht sagen, bei den Kommerziellen kriegt ihr das alles kostenlos, bei uns, für die ihr Gebühren gezahlt habt, müsst ihr das noch mal bezahlen. Wir könnten das in dem Augenblick machen, in dem andere Angebote auch kostenpflichtig wären.

Die Tagesschau-App ist gratis.

Auch die Tagesschau-App kann nicht funktionieren, wenn gleichzeitig im Netz jede Zeitung auch ein kostenloses Info-Internetangebot hat. Zudem ist die Tagesschau-App nichts anderes als eine bequemere Konfiguration für den User, darin ist kein anderer Inhalt als auch im stationären Netz.

Der Drei-Stufen-Test war ein großes Thema in diesem Jahr. Es gab Kritik, viele Angebote seien einfach durchgewinkt worden.

Von wegen durchgewinkt. Wir haben im WDR 80 Prozent unserer Inhalte gelöscht. Wir haben von unserem Publikum harsche Vorwürfe bekommen, weil die Leute nicht begreifen konnten, dass das aufgrund gesetzlicher Vorgaben geschehen ist. Das war ein Ungetüm, es widerspricht der Schnelligkeit des Internets, aber wir haben die gesetzlichen Auflagen erfüllt. Und wir haben gehofft, dass es ein Stück Interessensausgleich wäre. Aber das scheint nicht angekommen zu sein.

Kritiker bezeichnen die ab 2013 geltende Haushaltsabgabe als Zwangsabgabe. Sind sie mit dem Modell zufrieden?

Das ist ein guter Schritt. Die Haushaltsabgabe ist sehr viel einsehbarer, weil das gerätebezogene Modell nicht mehr funktionieren kann. Steuern und Abgaben sind immer Zwangsabgaben. Wir haben einen Auftrag und daran muss sich eben jeder beteiligen. Es geht darum, ein plausibles Modell zu haben, das der Einzelne nachvollziehen kann. Auch wenn er sich über eine Haushaltsabgabe ärgert. Ich freue mich auch nicht über Steuern.

Es wird über erhebliche Mehreinnahmen spekuliert.

Es ist vollkommener Blödsinn zu glauben, wir hätten auch nur einen Cent mehr. Darum geht’s auch bei diesem Modell nicht. Selbst wenn es Mehreinnahmen geben sollte, könnten wir die nicht einfach behalten. Die KEF (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs, die Red.) setzt das fest, und wenn es wirklich so sein sollte, dass es Mehreinnahmen gäbe, dann würde – und das wäre mein großer Traum – die Gebühr gesenkt werden können.

Würde ein Werbe- und Sponsoringverbot für ARD und ZDF nicht die Akzeptanz erhöhen?

Bei uns gibt es, wenn wir über Fernsehen reden, nur am Vorabend Werbung. Ich hätte überhaupt nichts dagegen, wenn wir keine Werbung mehr hätten. Das Problem ist, dass man die ausbleibenden Einnahmen wieder über die Gebühr ausgleichen müsste. Die Frage ist, ob man die Gebührenzahler mehr belasten will.

Harald Schmidt sagte kürzlich, nirgendwo werde so auf die Quote geschielt wie bei ARD und ZDF. Dabei könnten Sie es sich doch leisten, genau das nicht zu tun.

Ich glaube, wir diskutieren von außen aufgezwängt über Quote, weil man uns immer wieder vorwirft, dass wir auch darauf achten, wie viel Akzeptanz eine Sendung hat. Wir haben natürlich ein Gebührenprivileg und können deshalb unabhängig sein und uns Inhalte erlauben, mit denen man keine Quote machen kann. Es wäre trotzdem nicht richtig, wenn wir überhaupt nicht darauf achteten, ob unser Programm eine breite Mehrheit interessiert. Man kann nicht einfach ins Nirwana senden, dass kostet ja viel Geld.

Warum braucht die ARD Günther Jauch?

Wir brauchen Günther Jauch nicht, aber er ist für uns hoffentlich eine Ergänzung. Wir sind der Meinung, dass er ein journalistisches Informations-Talkformat gut machen kann. Das kann unser Programm attraktiver machen. Brauchen könnten wir ihn gut in der Unterhaltung. Aber in dem Bereich ist er ja weiterhin bei RTL.

Vor vier Jahren ist Jauchs Verpflichtung gescheitert, weil er auch bei RTL bleiben wollte. Auch Sie haben gesagt: „Ganz oder gar nicht.“

Ich war damals felsenfest von dem überzeugt, was ich gesagt habe. Ich stelle aber heute fest, dass sich das in die gegenteilige Richtung entwickelt hat. Den Menschen ist es zunehmend gleichgültig, ob sie Günther Jauch bei RTL oder bei uns sehen. Er funktioniert in jedem System. Ich bin trotzdem dafür, auch in Zukunft die Aushängeschilder zu trennen. Bei Günther Jauch bin ich aber damit einverstanden gewesen, dieses Ausnahme zu machen, weil er eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Fernsehen ist.

Hat die ARD nicht schon jetzt genug Talkshows?

Das Publikum nimmt diese vier Talkshows an. Die Leute werden von unterschiedlichen Protagonisten angesprochen. Ich finde es sehr öffentlich-rechtlich, wenn politische Themen in diesem Umfang diskutiert werden. Das ist für mich eine Facette des Programmauftrags.

Frank Plasberg sendet künftig als einziger vor den „Tagesthemen“. Warum gibt es für den starken WDR eine Ausnahme?

Das hatte weder etwas mit dem starken WDR noch mit Herrn Plasberg zu tun, sondern mit den unterschiedlichen Sendeformaten. Herr Plasberg hat keine normale Talkrunde. Sie hätte nach den „Tagesthemen“ mit diesem Konzept nicht mehr funktioniert. Und natürlich ist der Mittwoch der bessere Sendeplatz. Der Montag wird für Plasberg eine Riesenherausforderung. Wir als WDR haben den größten Preis gezahlt.

Interview: Anne Burgmer

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