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Hitler-Tagebücher Die Droge Sensation

Als sich das Tor zum Boulevard weit öffnete: Vor 25 Jahren veröffentlichte der Stern die "Hitler-Tagebücher". Von Jan Freitag

25.04.2008 00:04
JAN FREITAG

Für die Generation Golf muss der 25. April 1983 ein Freudentag gewesen sein. An diesem Tag schuf eine total überfüllte Pressekonferenz in Hamburg die Basis für den Sieg des Boulevards über die Nachricht, der bunten über die Seite 3. Fast fahrig hielt Gerd Heidemann ein paar Bücher empor, als die brüllenden Fotografen vor ihm forderten, das Siegeszeichen zu machen. Da spreizte der kleine Reporter eines großen Magazins die Finger zum V, und Entertainment verschwamm wie nie zuvor mit Realität - ein Sündenfall.

Denn allen Bedenken und des fehlenden BKA-Gutachtens zum Trotz präsentierte der Stern eine Weltsensation. "Hitlers Tagebücher entdeckt", stand auf überdimensionalen Titelbildern in Heidemanns Rücken. Drei Tage später, zierten sie in radikal erhöhter Auflage die Kioske der Republik.

Rasch ging das Gerücht, es handle sich um Fälschungen. Doch es blieb den Zauderern vorbehalten, den Unzeitgemäßen und Mutlosen. Der prominenteste von ihnen, Andreas Hillgruber, beschimpfte das Magazin im Editorial als "Archiv-Ayatollah" mit rechtem Stallgeruch. Es war nicht die Zeit der Recherche, es war die des Knüllers, des Scoops um des Scoops Willen. Eine hektische, aufgeblasene, bilderstürmende Zeit.

Denn es dräute etwas am Himmel der Massenkommunikation. Die Regenbogenpresse wurde um den Begriff des Lifestyle erweitert und zog kräftig an, der Nachrichtenwert von Königshäusern hatte mit Lady Dianas Traumhochzeit zwei Jahre zuvor enorm zugenommen, die Berliner Ausstellung "Zeitgeist" offenbarte den digitalisierten Aufbruch globaler Kunst. Vor allem aber bereiteten die Privatsender ihren Sprung ins Fernsehen vor. Was das bedeutete, war in Frankreich zu sehen: Dort jazzte RTL Nichtigkeiten zu News hoch und füllte den Platz zwischen Spielfilmen mit Soap-Operas oder ausgedehnten Werbeblöcken.

Die neue, kommerziellere, aufgeregtere, kurz: die Medien-Gesellschaft war im Anflug, ihre Mechanismen beschleunigten sich. Da glaubte ein Blatt wie der Stern, man könne es sich nicht nicht leisten, das exklusive Material lange zu prüfen.

Nur wenige Wochen dauerte es vom Ankauf der ersten von 60 Bänden aus der Hand des brillanten Fälschers Konrad Kujau bis zur ersten Druckfahne - ausgerechnet an Führers Geburtstag. Vorbei an großen Teilen der Redaktion wechselten gut neun Millionen Mark in Plastiktüten den Besitzer.

Gegenexpertisen, Materialproben, ja selbst die Prüfung der (falschen) Initialen auf den Buchdeckeln wurden verschoben auf die Zeit nach dem Coup. Die Akteure im Verlagshaus "waren high von jener Droge, mit der sie alle zu hantieren wussten: der Sensation", schrieb der spätere SR-Intendant Manfred Buchwald im Buch "Die Skandale der Republik".

Geschichte wird gemacht, es geht voran, dachte sich der damalige Stern-Chefredakteur Peter Koch und verkündete, den Göring-Yacht-Besitzer Heidemann zur Rechten, die Geschichte der 16 dunkelsten deutschen Jahre müsse "in großen Teilen neu geschrieben werden".

Der "heilige Eifer", wie Buchwald es nennt, galt auch Hitler selbst, dem unbekannten Wesen. Seine gefälschten Gedanken rückten nach den schmerzhaften Tätervolkdebatten der Auschwitzprozesse und 68er-Proteste endlich die Führungsclique der Nazis zurück in die Öffentlichkeit.

Im Jahr darauf gründete Guido Knopp die ZDF-Redaktion "Zeitgeschichte" und streut seither die Theorie von den verführten Deutschen. Auch Kohls Besuch der SS-Gräber von Bitburg und womöglich gar den Historikerstreit kann man im Licht dieses Skandals sehen. Der Nationalsozialismus wurde zwar nicht salonfähig, aber als Thema massentauglich.

Popularisierung des Nazi-Sujets, Vertrauenskrise der Presse, Verfall der Publikumserwartungen: Die Affäre hatte mehr Folgen als gedacht. Ganz abgesehen von den juristischen. Kujau und Heidemann kamen ins Gefängnis, nicht aber die entlassenen (und fürstlich abgefundenen) Chefredakteure, geschweige denn Gerd Schulte-Hillen, der weiter helfen durfte, den Umsatz von Gruner + Jahr zu erhöhen.

Der Betrug hat weniger das deutsche Pressewesen an sich beschädigt als dessen Seriosität. Der Stern erholte sich bald vom Auflagenknick, nicht aber das Renommee des Qualitätsjournalismus', ob gedruckt oder gesendet: Wenn sogar eine Zeitschrift wie der Stern lügt…

Seither wird Sachlichkeit gern mit Vielfalt verwechselt. Privatsender, Yellowpress, der Boulevard gelten nicht allein als Unterhaltungsfaktoren, es sind Sinnlieferanten. Selbst die FAZ hat nun ein Farbbild auf Seite 1.

Verglichen mit der Tagesschau sehen nicht wenige in den RTL-News deshalb die verlässlichere Quelle - auch weil Entertainment weniger korrumpierbar scheint, weil harte Facts Reflexion erfordern, weil die Wirklichkeit schon erschöpfend genug ist. Da flüchten sich viele doch lieber in die Operettentradition der Monar-chie oder Hollywoods fernen Glanz. Wie nah sich Buckingham und Bonn da schon waren, zeigt das Gladbecker Geiseldrama 1988.

Nie zuvor waren die Medien so sehr Teil der Story. Reporter Frank Plasberg wurde weit vorm Zweiten Golfkrieg vom Sog der Sensation embedded, das Mikro im Fluchtauto, die Kamera auf Silke Bischoffs Blick, Entführer und Entführte als Darsteller eines Thrillers.

Vielleicht war es die erste Doku-Soap im Fernsehen. Doch da zog die Jugendkultur, wie Diedrich Diedrichsen in seinem berühmten Pop-Essay "Sexbeat" schreibt, längst das "Angebot an Künstlichkeiten und Fiktionen" der Ideologie des Natürlichen vor. Und niemand versorgte sie damit realer als der Stern vor 25 Jahren.

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