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Heiter bis tödlich, ARD Die Theaterchefin in einer Nebenrolle

Constanze Behrends hat 103 Stücke auf die Bühne gebracht. Jetzt wechselt sie in eine ARD-Vorabendserie: In 16 Folgen „Heiter bis tödlich – Zwischen den Zeilen“ hat sie eine Nebenrolle als leicht unterbelichtete Redaktionssekretärin mit piepsiger Stimme erobert.

14.02.2013 16:23
Birgit Walter
Spielt eine unbedarfte Sekretärin, die nicht tippen kann: Constanze Behrends. Foto: ard

Constanze Behrends kann keiner übersehen. Sie steht wie ein Leuchtturm inmitten ihres Drehteams: die weizenblonden Haare, die 183 Zentimeter Größe, die 12-Zentimeter-Stilettos, die knabenschmalen Hüften und dazu dieses Strahlen – an ihr bleiben die Blicke aller Premierengäste hängen. In der Fernsehwelt kennt Constanze Behrends kein Mensch, sie spielt jetzt erstmals in einer ARD-Vorabendserie. In 16 Folgen „Heiter bis tödlich – Zwischen den Zeilen“ hat sie eine Nebenrolle als leicht unterbelichtete Redaktionssekretärin mit piepsiger Stimme erobert. Eine ehemalige Fußpflegerin, die nicht tippen kann. Die auch keine Ahnung vom Internet hat („Ich glaube, jetzt hab’ ich es gelöscht!“), die aber andere nützliche Eigenschaften mitbringt für den Job: Gutwilligkeit, Cleverness, Sex-Appeal und einen Gatten mit Autohaus. Wie gesagt, eine kleine Rolle in einer Serie über eine schlampige lokale Zeitungsredaktion in Aachen.

Noch nicht vorgekommen sein dürfte es, dass so ein No-Name-Neuling zur Serien-Preview ins eigene Theater lädt, zu dem das WDR-Fernsehteam in größerer Zahl anreist. Denn die blonde Tippse aus der Serie betreibt im richtigen Leben seit zehn Jahren – diesen Monat ist Jubiläum – ein eigenes Haus, das prime time Theater im Berliner Wedding. Die 32-Jährige leitet es zusammen mit ihrem Mann Oliver Tautorat. Auf dieser Bühne spielt Constanze Behrends die meisten Figuren selbst, vor allem aber schreibt sie die Rollen auch alle und dürfte damit die produktivste deutsche Bühnenautorin der Gegenwart sein: Alle zwei Wochen eine Premiere. Ab morgen läuft Folge 83 dieser ersten deutschen Theatersitcom „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ über Dinge, die den Kiez bewegen. Daneben hat sie noch 20 weitere Stücke geschrieben.

Zwischen-den-Zeilen-Humor

Was für ein Abstieg, könnte mancher denken, von der Theaterchefin und Autorin in die Niederungen einer Vorabendnebenrolle, in der sie sprechen muss, was andere ihr vorher aufschreiben. Fremde Texte, auf die sie keinen Einfluss hat. Dialoge, die nicht pfiffig sein müssen, wie die allgemeine Fernsehvorabendserienerfahrung lehrt. „Aber es sind tolle Drehbücher!“, widerspricht Constanze Behrends, „und ich konnte viel lernen beim Drehen. Diesen feinen Humor, den die Dialoge hier haben, eben Zwischen-den-Zeilen-Humor, ganz anders als bei uns. Ich musste mich ständig zurücknehmen. Der Regisseur hat sehr aufgepasst.“

Das glaubt man sofort, denn der Humor auf der Weddinger Bühne ist laut und brachial, ein herrlich grober Hack reinster Straßenprägung. Volkstheater für Weddinger und Nichttheatergänger. Mit Figuren aus dem Leben, politisch absolut inkorrekt, von ihrer Erfinderin meist mit einem fiesen wie auch irgendwie liebenswerten Schlag ausgestattet, darunter die sächsische Arbeitsamtsleiterin, die Kiezschlampe, der Männerstillgruppenleiter und einige Prenzlwichser. In jedem Fall wird hier gelacht, dass die Stühle wackeln. Anfangs waren das 35, nach dem ersten Umzug 70, jetzt sind 230 Plätze zu füllen, wenn das Haus voll sein soll. Noch heute steht Constanze Behrends fünf Mal die Woche in zwei bis drei Rollen auf der Bühne, liefert alle 14 Tage ein neues Stück ab, probt es ein, versorgt die zweijährige Tochter. Ist sie mal nicht ausgelastet, in der Babypause muss es so gewesen sein, schreibt sie ein Buch („Kiffer-Barbie“) über ihre Unfähigkeit zum Multi-Tasking.

Halten wir fest: Constanze Behrends hat zu tun. So viel, dass sie eigentlich nicht weg kann. Wer steht dann als Eische und als Arbeitsamtsleiterin auf der Bühne? „Na ja, da wird umbesetzt. Meine Figuren musste ich natürlich alle rausschreiben, dann ändern sich die Geschichten, bis ich wieder da bin.“ Aber neue Stücke zu schreiben schafft sie neben den Dreharbeiten? „Ach, das sind doch nur zehn Drehtage im Monat, kein Problem.“

Endlich mal anständig bezahlt

Keine Probleme zu haben, ist eine Grundhaltung von Constanze Behrends. Geschichten hat sie sich schon ausgedacht, als sie das Lesen noch nicht beherrschte. Dazu kommt eine heitere Gelassenheit und ansteckende Liebenswürdigkeit. Sie nimmt das Leben von seiner sonnigen Seite. In dieser Frage, und nur in dieser, ähnelt die unvergrübelte Schnellschreiberin Constanze Behrends der unbedarften Serien-Sekretärin. In der Komödie lösen drei Redakteure – ein zynischer Chef (Ole Puppe), eine ambitionierte Jungredakteurin (Josephine Schmidt) und ein langsamer Sportredakteur (Parte Chugh) – eigenartig verschrobene Kriminalfälle. Offen bleibt, wer eigentlich wann die Zeitung vollschreibt.

Constanze Behrends, in Wittenberg geboren, in Charlottenburg zur Schauspielerin ausgebildet, ist jedenfalls glücklich über dieses Engagement. Wohl auch, weil sie da endlich mal anständig bezahlt wird. Das nämlich ist das einzige, worüber sich die Theaterchefin wirklich aufregen kann, dass in dieser Stadt jeder öffentliche Gelder bekommt, nur ihr Theater nicht. Keine Basis-, keine Spielstätten-, keine Projektförderung, nichts. „Würden wir uns mit Farbe bemalen und nackt die Müllerstraße runterkugeln, hätten wir eine Chance als Kunstprojekt. Aber so? Unser Weg zwischen Boulevard und Experiment, unsere Art, Nicht-Theatergänger zu binden, auch mit niedrigen Eintrittspreisen – das ist Integration. Unser Antrag wurde wieder abgelehnt. Und diesen Sommer waren wir erstmals nicht ständig ausverkauft, bei 22 Angestellten sofort ein Risiko. Wir mussten Kredite aufnehmen, es war ernst.“ Constanze Behrends mit ihrer 60-Stunden-Woche klagt nie über zu viel Arbeit, aber über die Förderpraxis des Senats ärgert sie sich schon. Da kam ihr die Serie ganz recht. Jetzt gibt es erste Signale, die prime-time-Theatersitcom für das Fernsehen zu adaptieren.

Dann wäre Constanze Behrends auch in der Fernsehwelt nicht mehr zu übersehen.

Heiter bis tödlich: Zwischen den Zeilen, Doppelfolge ab 17.55 Uhr, die weiteren Folgen donnerstags, 18.50 Uhr, ARD

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