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„Hart aber fair“ Das Plasberg-Protokoll

Dass es sich um eine besondere Ausgabe von "Hart aber fair" handelt, zeigt bereits Frank Plasbergs zugeknöpfter Anzug. Die Gäste diskutieren über die Terroranschläge in Paris.

Frank Plasberg im Studio von "hart aber fair". Foto: dpa

21.01: Ein besonderer Tag – ganz offensichtlich: Frank Plasberg trägt Schlips in Schwarz und Hemd in Weiß. Zugeknöpft. Und der Verzicht auf ein Markenzeichen. Seine Gäste schauen hinreichend versteinert.

21.04: CDU-Vize Julia Klöckner mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für die offene Gesellschaft, für offene Grenzen und für Freiheit. „Angst ist so eine Kategorie. Was heißt Angst?“

21.06: Der Publizist Michel Friedman formuliert einen interessanten Gedanken: „Terrorist“, das klingt so abstrakt. In Wahrheit seien die Täter ganz gemeine Verbrecher.

21.08: Der ARD-Terrorismus-Experte Holger Schmidt beschreibt anschaulich, wie sehr sich das Lebensgefühl in Frankreich schon verändert hat: Schwer bewaffnete Polizisten inzwischen sogar in verschlafenen Urlaubsorten. Er erinnert auch daran, dass die Kölner „Kofferbomber“ 2006 nur knapp mit ihrem Vorhaben gescheitert waren, Regionalzüge in die Luft zu sprengen.

„Muslim oder Nicht-Muslim, das ist denen ganz egal“

21.11: Jetzt geht es um den Begriff Krieg, den sogar der Papst benutzt. Der Papst der deutschen Protestanten, EKD-Ratschef Heinrich Bedford-Strohm, hält diese Rede für falsch. Er erinnert an Anteilnahme, Empathie, Mitgefühl, Nachdenklichkeit – und erzählt, dass er heute Morgen in Nürnberg in der Kirche gebetet hat.

21.12: Die syrisch-stämmige liberale Muslima Lamya Kaddor hat die Nachricht von den Anschlägen nach einer Podiumsdiskussion über den IS erfahren – ein schlechter Witz.. „Oh je, ab morgen soll ich mich wieder distanzieren von etwas, wozu ich keine Nähe habe.„Den Angreifern sei es völlig egal, wen sie umbringen. Muslim oder Nicht-Muslim, das ist denen ganz egal. Deswegen sind die Mehrheit der Muslime ebenso Opfer wie alle anderen.

21.15: Michel Friedman als Freiheits-Pathetiker hebt hervor, dass der IS-Terror dem westlichen Lebensstil in all seinen Spielarten gelte.

Bedford-Strohm mit Hymne auf das Leben

21.15: Frank Plasberg unterbricht Friedman – das ist an sich nichts Ungewöhnliches für die Sendung. Aber diesmal entschuldigt sich der Moderator dafür. Auch das ist heute ganz anders als sonst. Plasberg unterbricht also, weil er „ein Problem“ habe. Breaking News? Nein, nur eine Live-Schalte zu  der Journalistin Susanna Dörhage, die in Frankreich lebt, jetzt mitten im Pariser 11. Arondissement steht. Aber sie muss gleich weg – das ist Plasbergs Problem. Dörhage erzählt, dass sie direkt neben einem der Restaurants wohnt, das attackiert wurde. Und dass ihre älteren Kinder ständig im Konzertsaal „Bataclan“ seien. Sie habe gestern nicht gewusst, ob das auch an diesem Abend der Fall war. Die Kinder seien komplett schockiert, weil sie die Orte des Geschehens aus dem Effeff kennen. Man hört den Frosch im Hals, spürt die Erregung an der sich fast überschlagenden Stimme.

21.22: Friedman darf fortsetzen : Die Freiheit zu genießen und zu leben, ist keine Besonderheit des Westens, sondern eine globale. „Wie engagieren wir uns, um das Geschenk der Freiheit zu erhalten?“ Mit einem Minimum an Einsatz.

21.23: Bedford-Strohm wendet die Sache pastoral und singt (in gesprochenen Worten) eine Hymne auf das Leben. Inkl. Psalm-Zitat.

Plädoyer für Bodentruppen in Syrien

21.24: Plasberg erwidert: „Mein Herz stimmt zu, mein Kopf fragt, ob das das richtige Gegenmittel ist gegen Leute, die das Heil erst im Jenseits versprochen bekommen?“

21.25: „Falsche Ebene!“, entgegnet Bedford-Strohm. Natürlich müsse man Terroristen und Verbrechern mit aller Macht begegnen.

21.26: Julia Klöckner kommt mit einer rhetorisch waghalsigen Kaskade von der „Meta-Ebene“ und dem Gedankenspiel, ob es sich um Krieg handele, herunter auf die Grenzkontrollen. Plasberg: „Darum geht’s jetzt nicht.“ Das ficht Klöckner aber erst mal nicht an.

21.28: Jetzt geht’s um die Konsequenzen: Kampf dem IS – mit Bodentruppen? Lamya Kaddor nickt. Schon 2011 hätte man Bodenoffensiven starten sollen. „Obwohl ich sonst nie dafür bin, Krieg anzustiften. Aber dieses Übel muss bekämpft werden.“ Außerdem müsse der Zufluss weiterer Kämpfer verhindert werden, die momentan das Gefühl bekämen: Jetzt kniet Europa auch noch vor uns nieder. Das mache es noch attraktiver für radikalisierte junge Muslime, sich dem IS anzuschließen.

21.30: Tja, und wer finanziert das eigentlich? Katar, Saudi-Arabien, Iran..., sagt Plasberg.

21.31: ... und deutsche Unternehmen mit schönen Export-Verträgen unterstützen das, ergänzt der Moderator. „Sie rennen bei mir offene Türen ein“, sagt Friedman, noch bevor Plasberg seinen Satz überhaupt vollendet hat. Welch ein Einvernehmen in der sonst auf Kontrast und Konfrontation angelegten Talk-Show.

„Der IS ist ein Versager-Modell“

21:33: Heinrich Bedford-Strohm formuliert das pazifistische Bedenken und bringt seine Skepsis zum Ausdruck, dass militärische Gewalt die Probleme lösen könnte. Wenn er das Ganze doch nur nicht mit solchen Wort-Wolken transportieren würde.

21:35: Holger Schmidt kann kaum mehr an sich halten und widerspricht Bedford-Strohm. Man müsse Jugendlichen deutlich machen, dass der IS ein Versager-Modell ist. Das werde schwierig, solange die Terrortruppe in Syrien und im Irak militärische Erfolge erziele und buchstäblich das Land erobere.

21:35: Es folgt der Publikumsblock mit Tweets, Mails, elektronischem Gästebuch. Quintessenz: No surrender – kein Zurückweichen vor dem Terror.

21:38: Mit dem üblichen raunenden Sound kommt der thematische Schwenk. Wieder ist von Angst die Rede. Jetzt aber geht es um die  Flüchtlingskrise und den Zustrom so vieler Menschen.

Frankreich als politisches Labor

21:39: Für Julia Klöckner kommt es darauf an, nicht Ressentiments zu schüren. Sie erinnert daran, dass immer schon Menschen aus der Fremde zu uns gekommen seien. Das sollte sie mal ihren bayerischen Parteifreunden verklickern. Die Flüchtlinge haben sich ja auf den Weg gemacht, weil sie selbst vom IS terrorisiert wurden. „Es ist nicht zu viel verlangt, sich ein paar Gedanken zu machen, und nicht pauschal alle zu verurteilen.“ Klöckner legt nach: Absolute Sicherheit gibt es nicht, einen Polizeistaat will sie nicht. Aber diejenigen, die den Verfassungsschutz abschaffen wollen (hinhören, liebe Leute aus der Linkspartei!), sind auch nicht von dieser Welt.

21:43: Friedman kommt bei einem seiner Lieblings-Hassthemen an: Neonazis und Rechtsextremisten. Menschenfeinde sind das wie die IS-Terroristen.

21:44: Plasberg nennt Frankreich das Labor mit Blick auf den Zuspruch der Wähler für rechte, rechtspopulistische und –extreme Parteien als Folge des Terrors.

21:45: Worte können vergiften, weiß der EKD-Ratsvorsitzende. Politiker müssten aufpassen, dass sie Ängste nicht verstärken...

21:45: ...Schäuble?, schießt Plasberg dazwischen. Da blitzt ein Stück seiner Normalform auf.

Klöckner als heilige Johanna der Differenzierung

21:45: Bedford-Strohm: „Ähm, ähm, das ist genug kommentiert worden ... stotter, stotter, .... nicht glücklich ... nicht abgewogen... ich wäre da jetzt barmherzig.“ Na, da schau an.

21:48: Barmherzigkeit mit Schäuble?!, ätzt Plasberg kaum verhohlen. Mit der Tagespolitik wird es jetzt etwas „hart, aber fair“-mäßig, den Umstand eingeschlossen, dass Statements nicht länger als 15 Sekunden dauern und – sagen wir – 13 Wörter umfassen dürfen.

21:52: Julia Klöckner wird zur heiligen Johanna der Differenzierung: Terrorismus und Flüchtlingsfrage auseinanderhalten!, wiederholt sie leidenschaftlich. Beim Indikator Silben pro Minute sind ihre Beiträge rekordverdächtig.

21:54: Friedman will „die Diskussion ehrlich“ machen, obwohl die gar nicht so unehrlich zu sein scheint. „Was können die Flüchtlinge dafür, dass diejenigen, die in Sonntagsreden von Asyl und Barmherzigkeit reden, von montags bis samstags geschlossen haben.“ Das Ganze sei eine europäische Krise, sagt Friedman mehrfach und fügt hinzu: Wir wollten, dass die im Süden Europas „geparkten“ Menschen dort bleiben und nicht zu uns kommen. Wohl wahr.

Mehr Geld für Flüchtlingslager

21:57: Klöckner grätscht Plasberg nach seiner Frage nach ihrer Spitzenkandidatur für die Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz dazwischen.

21:58: Die politischen Vorschläge müssen durchdacht sein, fordert Bedford-Strohm. Das Dublin-Verfahren wieder einzuführen, das die Flüchtlinge in den Grenzländern der EU auffangen und aufhalten soll, sei Symbolpolitik und könne nicht funktionieren. Der Münchner Bischof hat offenbar einen ziemlichen Rochus auf die Partei, die in seinem Bundesland das Sagen hat. Aber sagen will er es halt nicht so deutlich. Deshalb die vielen Worte. Sein Vorschlag in Sachen Bewältigung der Flüchtlingskrise ist einerseits notwendig grundsätzlich - Fluchtursachen beseitigen – und andererseits hinreichend konkret: Geld, viel Geld in die Flüchtlingslager. Ob er weiß, was er da sagt. Denn wo müsste das Geld herkommen? Aus dem Bundeshaushalt – Sie wissen schon, die Wundertüte mit der schwarzen Null. Oder aus zusätzlichen Abgaben, Steuern, Zuschlägen – oder wie diese Feuerzangen auch immer heißen mögen.

Wie wollen wir die kontrollieren?

21:59: Es geht aufs Ende zu. Lamya Kaddor wendet den Blick von den Flüchtlingen auf eine andere Gruppe, die ihr viel mehr Angst mache – und auch den Deutschen und der deutschen Politik mehr Angst machen sollte. Das legt ihr Statement nahe. Sie meint die „Deutsch-Deutschen“, die hier geboren und aufgewachsen sind und sich im fanatisierten Rausch dem IS anschließen wollen. Wie einige ihrer Schüler, die aus Deutschland Richtung Syrien in die Kampfgebiete reisten, aber „zum Glück schon nach einer Woche ziemlich desillusioniert zurückkamen“. Das Grundsatzproblem bleibe aber: Wie wollen wir die kontrollieren?

22:00: Weil die Zeit um ist, nennt Plasberg Kaddors Frage ein passendes Schluswort. Na ja. „Kontrolle“ bringt Tenor und Verlauf seiner Sendung nicht so ganz auf den Punkt. Aber egal. Es gab schon schlimmeres Durcheinander, sinnloseres Gezänk und größere Wortklaubereien bei „Hart aber fair“.

Der Klassiker, die Schlussrunde, ist diesmal aus Zeitgründen nur ein Wort – ein Wort an Frankreich:

Kaddor: Mitgefühl

Friedman: Solidarität

Bedford-Strohm: Gebet für die Opfer

Schmidt: Appell: bleibt, wie ihr wart

Klöckner: Mobilmachung: gemeinsame Verteidigung gegen Angriff auf alle

Schluss und Schalte zu den tagesthemen. Die Themen des Tages: Mitgefühl, Solidarität, Gebet für die Opfer, Appell, Mobilmachung.

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