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Gunther Witte Zum Tatort wie die Jungfrau zum Kinde

Gunther Witte, Erfinder des Sonntagskrimis, ist mit 82 Jahren gestorben. Zu seinem Coup kam er ganz unverhofft.

Tatort-Erfinder Gunther Witte gestorben
Gunther Witte bei einem Termin zum 1000. Tatort, 2016. Foto: dpa

Hätte es ihn nicht gegeben, würden heute Millionen Fernsehzuschauer sonntagabends wohl in die Röhre gucken. Zumindest keinen Tatort à la Gunther Witte, der die erfolgreiche Krimi-Reihe der ARD erfunden hat. 

Rückblick: Man schreibt das Jahr 1969. Zu mehr als einem einfachen Redakteur beim WDR hat es Witte, geboren in Riga und aufgewachsen in Berlin, bis dahin nicht gebracht, nachdem er 1963 bei dem Sender in Köln gelandet ist. Beim ZDF hätte er vielleicht schneller zeigen können, was er für Fähigkeiten hat. Denn der damals noch junge Sender setzt auf Unterhaltung und droht, dem Ersten in diesem Bereich den Rang abzulaufen. Längst ist die ZDF-Krimi-Serie „Der Kommissar“ ein Straßenfeger – zum Unmut von Wittes Vorgesetztem, dem WDR-Fernsehchef Günther Rohrbach. Bei einem Spaziergang im Kölner Stadtwald trägt er seinem ambitionierten Jungredakteur daher auf: „Heben Sie den ‚Kommissar‘ aus dem Sattel.“

Keine leichte Aufgabe für den damals 34-Jährigen, der in der WDR-Abteilung Fernsehspiel bis dahin herzlich wenig mit Krimis zu tun hat. „Aber ich war schon immer ehrgeizig. Und habe dann nachgedacht, wo im Leben ich Begegnungen mit Krimis in den Medien hatte. So viel gab’s damals ja noch nicht“, rekapitulierte Witte später in einem Interview. Was ihm jedoch sofort in den Sinn kam, war die Radio-Sendung „Es geschah in Berlin“, die den damaligen Ostberliner Oberschüler im Rias („Rundfunk im Amerikanischen Sektor“) über lokale Verbrechen informierte. Das führte zur     Geburt des Regionalprinzips, dem sein Tatort folgen sollte. Um das Rias-Muster nicht einfach abzukupfern, bezog er die übrigen ARD-Sender mit ein. „Das hatte die Vielfalt zur Folge – und, ganz wichtig, die Möglichkeit, die einzelnen Sender das machen zu lassen, was sie wollten.“

Damit schuf Witte zugleich die weltweit erste Krimi-Reihe, bei der Folge für Folge ein anderer Kommissar im Mittelpunkt stehen sollte. Was für heutige Tatort-Fans eine Selbstverständlichkeit ist, war es damals ganz und gar nicht. Er habe, erklärte Witte später, richtig „Muffensausen“ gehabt, ob sein Konzept aufgehen würde. Kaum zu glauben, bei einem Marktanteil von 39,9 Prozent, mit dem die Münsteraner Ermittler im vergangenen Jahr zuletzt einen neuen Rekord aufstellten.

„Taxi nach Leipzig“, eine bereits vor Wittes Konzept abgedrehte NDR-Produktion, die das Erste aus der gebotenen Eile heraus als ersten Tatort ausstrahlte, erreichte indessen einen Marktanteil von 61 Prozent – auch bei damals nur drei Sendern immerhin schon ein klarer Erfolg.
Es war der große Coup, den Witte gelandet hatte. Die späten Lorbeeren dafür kassierte er schließlich mit seiner Beförderung zum Leiter der Fernsehspiel-Abteilung, in der er noch bis 1979 als einfacher Redakteur tätig war. Bis 1998 blieb er beim WDR, auch die Erfolgsserie „Lindenstraße“ startete unter seiner Ägide. 2001 erhielt er den Grimme-Preis für seinen Einfluss auf das WDR-Fernsehen. 

Am Donnerstag starb Witte überraschend mit 82 Jahren in Berlin, wie der WDR am Montag mitteilte. „Mit seiner einzigartigen Erfindung der ,Tatort‘-Reihe hat er den WDR und das deutsche Fernsehen so nachhaltig geprägt wie kaum ein anderer“, erklärte WDR-Intendant Tom Buhrow. Witte aber hat sich mit seinem Tatort selbst ein Denkmal gesetzt. Wider Erwarten, dafür jeden Sonntag aufs Neue.

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