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Gruner+Jahr Radikaler Sparkurs bei Gruner + Jahr

Seit Wochen macht der Großverlag Gruner + Jahr durch einen radikalen Sparkurs von sich reden. Schreibende Redakteure sollen von einem "kreativen Kompetenzteam" abgelöst und freigestellt werden. 400 Stellen stehen auf der Streichliste.

Aus der guten alten Zeit: So sah im Mai 1954 das erste Brigitte-Titelbild aus. Foto: imago/teutopress

George Orwell würde vor Neid erblassen. Derart ausgefuchste Newspeak ist selbst dem kapitalismus-kritischen Briten nicht eingefallen: „Zukünftig werden die Titel der ‚Brigitte‘-Gruppe von einem agilen, kreativen und flexiblen Kompetenzteam ausgedacht und produziert.“ So stand es in einer Mitteilung der Konzernleitung von Gruner + Jahr.

Die informierte darüber, dass es keine ausschließlich schreibenden Redakteure bei den genannten Zeitschriften mehr geben solle. Ins Deutsche übersetzt würde die Konzern-Ankündigung etwa lauten: „Wir nutzen künftig lieber freie Journalisten aus, die sind erstens billiger, zweitens billiger und drittens muss man sie gar nicht erst feuern, wenn man sie wieder loswerden will.“

Von den Redakteuren, die nur schreiben, sollen einige betriebsbedingte Kündigungen erhalten, andere ins Management aufsteigen. Wie absurd so ein Rausschmiss begründet wurde, hat jetzt die ebenfalls von Entlassung bedrohte Redakteurin Gabriele Riedle in einem Offenen Brief an Konzernchefin Julia Jäkel geschildert: „Ich sei, da man nun eine ,Netzwerkredaktion‘ der ,Schlüsselkompetenzen‘ einrichten wolle, zu wenig spezialisiert und zu sehr Generalistin (was noch vor Kurzem der Generalschlüssel dazu war, besonders geschätzt zu werden).“ So sieht konkret aus, was „Brigitte“-Publisherin Iliane Weiß neulich in „Horizont“ sagte: „Wir gehen an das Herz der Redaktion und sparen damit Geld.“

Konzernchefin Jäkel und ihre Vorstandskollegen Stephan Schäfer und Oliver Radtke haben damit einen weiteren Schritt auf dem Weg in Richtung des Prinzips gemacht: Menschen kosten bloß Geld im Betrieb. Jäkel hatte schon vor drei Monaten mit ihrer Ankündigung Aufsehen erregt, dass in den kommenden drei Jahren rund 400 Stellen bei Europas einst größtem Zeitschriftenverlag wegfallen sollen. Dabei hatte man sich im März noch in einer Pressemitteilung zum Geschäftsbericht gerühmt, „die großen Zeitschriftenmarken Stern, Geo, Brigitte und Gala vitalisiert“ zu haben.

Inzwischen wurde beim vitalisierten „Stern“ der Chefredakteur Dominik Wichmann nach der bemerkenswert kurzen Amtszeit von nicht mal anderthalb Jahren wieder abgesetzt. Es folgten Entlassungen bei „Brigitte“, Personalabbau bei „Stern“ und „Geo“, diverse Zusammenlegungen und das berüchtigte „Outsourcing“ von Abteilungen – all das mit dem Ziel, 75 Millionen Euro zu sparen.

Ratlosigkeit und Panik

Das klingt ein wenig nach Ratlosigkeit, wenn nicht Panik. Die Krise der gedruckten Medien, sie erreicht nun auch, später als anderswo, eines der mächtigsten Medienhäuser des Kontinents mit weltweit immer noch rund 10 000 Mitarbeitern. Auch wenn es etwa der „Brigitte“ mit rund einer halben Million Auflage noch verhältnismäßig gut geht – von den Zahlen der siebziger Jahre, als man dreimal soviel Exemplare der renommierten Frauenzeitschrift absetzte, kann Gruner + Jahr nur noch träumen. Im Geschäftsbericht vom März dieses Jahres taucht immer mal wieder das Wort „rückläufig“ auf – ob es um die Umsatz- und Ergebnisentwicklung geht, die Vertriebserlöse oder die Auslandsgeschäfte.

Da nimmt es sich schon wie das berüchtigte Pfeifen im Walde aus, wenn als Beleg für positive Entwicklungen Erfolge im Apple- Ranking für die besten Apps herhalten müssen (die aber kaum nennenswerte Erlöse bringen). Und geradezu pikant angesichts der geplanten Entlassungen und Stellenstreichungen wirkt der letzte Absatz über die „Vielzahl renommierter Preise“ für die G+J-Journalisten und -Autoren: „Kein Verlag konnte in Deutschland mehr Auszeichnungen auf sich vereinen.“

Diese Zeiten könnten bald vorbei sein, wenn das Haus, seit April 2013 von Jäkel geführt, mit seinem Schrumpfkurs fortfährt. Noch vergangenes Jahr ließ sich Jäkel beim Medienfachblatt „Werben und Verkaufen“ mit dem Satz zitieren: „Wir sind uns darüber im Klaren, dass die kommenden fünf Jahre Investitionsjahre sind.“ Doch wenig spricht dafür, dass es wieder in diese Richtung gehen könnte. Denn eben erst hat der Bertelsmann-Konzern, bisher schon Mehrheitseigner, Gruner + Jahr komplett übernommen. Vorstandsvorsitzender Thomas Rabe hat zwar die Übernahme als „Bekenntnis zum Journalismus“ verkauft. Doch die Gütersloher Kaufleute stehen nicht gerade im Ruf, ihr Portemonnaie gerne zu öffnen. Rabe, 49, seit 2012 Chef im Mega-Konzern, hat seine Karriere als Finanzvorstand in diversen Unternehmen gemacht; er gilt als scharf kalkulierender Rechner.

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Sogar der Buchclub, auf den Bertelsmann einst seinen Ruf aufbaute, soll im März zu Grabe getragen werden. Rabe sah sich denn auch vor einem guten halben Jahr genötigt zu versichern, er habe nicht vor, Gruner + Jahr zu verkaufen. Insofern kann man Jäkels Schrumpfkurs auch als Versuch lesen, die Verstoßung aus dem Hause B. zu verhindern.

Doch hat die Gruner + Jahr-Chefin kürzlich im Hamburger Presseclub beteuert: „Bertelsmann investiert in uns.“ Das sei „ein klares Bekenntnis“, wird sie im Mediendienst Kress Report zitiert, schließlich seien die Gütersloher jahrzehntelang ein verlässlicher Partner gewesen, dem Gruner + Jahr viel zu verdanken habe.

Könnte aber sein, dass Jäkel mit ihrem Spardiktat zu spät kommt, und wenn nicht vom Leben, so doch vom Besitzer bestraft wird.

Denn der Konzern hat nicht erst jetzt angefangen, den Gürtel (wie üblich auf Kosten der Mitarbeiter) enger zu schnallen. Vor sechs Jahren schon wurden die Wirtschaftstitel von Gruner +Jahr zusammengelegt: „Capital“, „Börse Online“ und „Impulse“ mit der „Financial Times Deutschland“. Davon ist heute nur noch „Capital“ übrig. Die mit großem Aplomb gestartete „Financial Times Deutschland“ (die nie Gewinn erzielen konnte) lief vor zwei Jahren zum letzten Mal durch die Druckmaschinen. Wenige Wochen zuvor war Bernd Buchholz als Vorstandschef ausgestiegen, der Mann, der mit seinem Satz, man müsse „den Leuten auf dem Sonnendeck sagen, dass sie ihre Liegestühle und Drinks beiseite stellen müssen“, die Parole für die Krise der Printmedien ausgegeben hatte.

Bloß: Den Kapitänen geht es noch immer gut, auch wenn sie das Schiff verlassen. Buchholz soll als Abfindung angeblich fünf Millionen bekommen haben, und von den dreien, die nach ihm auf der Brücke standen, Julia Jäkel, Torsten-Jörn Klein und Achim Twardy, ist nur die smarte Wiesbadenerin übrig geblieben, die dieser Tage ihren 43. Geburtstag feiern konnte und nun mit Stephan Schäfer und Oliver Radtke das Haus regiert.

Konzeptlosigkeit vorgeworfen

Kritiker werfen ihr vor, sie habe kein Konzept. Sie selbst sieht das vermutlich anders, hat sie doch den Verlag zum „House of Content“ erklärt und die diversen Zeitschriftentitel in „Communities of Interest“ neu geordnet, also in die selbstredend auch englisch etikettierten Schubladen „Food“, „Living“, „Family“, „Women“, „People & Fashion“ oder „News“ gesteckt – mit dem freilich nicht allzu deutlich erklärten Ziel, zusammenzulegen und zu sparen. Das gilt auch für den angekündigten Umzug der Münchener Redaktionen von „Neon“, „Nido“ und „Eltern“. Aber wenn der „Content“, der Inhalt also, künftig eingekauft und nicht mehr selbst hergestellt wird, birgt das Risiken. Der Jahreszeiten-Verlag („Für Sie“, „Petra“, „Merian“, „Prinz“) war 2010 den gleichen Schritt gegangen und hatte auf schreibende Redakteure verzichtet – von einem Befreiungsschlag aus dem Hause des Verlegers Thomas Ganske hat man seither nichts gehört.

Denn alle Hersteller von gedruckten Presseerzeugnissen trifft das gleiche Schicksal: Das Internet hat die Mediennutzung radikal verändert; crossmediale Angebot ihrer Produkte sind für die Verlage unabdingbar. Nur ist der Streuverlust von Inhalten über Computer, Tablets und Handys relativ hoch, und vor allem: Der Erlös aus Werbung im Netz erreicht längst nicht die Margen der Anzeigen in den Zeitungen und Zeitschriften. Da wird der Inhalt, der die Kunden veranlassen könnte, das Produkt zu kaufen, immer wichtiger. Das hat Julia Jäkel auch erkannt. Aber diese Inhalte nur noch von freien Autoren liefern zu lassen, könnte sich als Fehlkalkulation erweisen, vor allem wenn man wegen des Spardiktats unter dem einst vom Haus gezahlten Tagessatz von 350 Euro bleibt, wie es der Verband „Freischreiber“ andeutet.

Gabriele Riedle (56) hat in ihrem Brief an Jäkel ihre Lage so drastisch wie realitätsnah beschrieben: „Die wiederholten Aussagen von Verlagsseite, die Zeiten für Freie seien noch nie so günstig gewesen wie heute, empfinde ich schlicht als Hohn. Ich bezweifle schon, dass sie für junge, dynamische Männer gilt, die seit Jahren bestens vernetzt sind etc. Denn wir alle wissen, dass ein Markt, der so voll ist mit Freien, die Preise nicht gerade erhöht und auch sonst nirgendwo eine große Neigung zum Geldausgeben besteht.“

Und „Freie“ sind ja ohnehin, zumal in dieser Marktsituation, weniger frei als angestellte Redakteure, was finanzielle Möglichkeiten oder auch kreativen Wagemut angeht: Sie müssen ihr Produkt, Text oder Bild, auf dem Markt feilbieten und hoffen, dass es gekauft wird, oder müssen sich nach den Wünschen ihrer Auftraggeber richten. Was George Orwell in seiner Newspeak so formuliert hatte: „Freedom is Slavery“.

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