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Gruner+Jahr Bier und Buletten gegen die Krise

Die Krise hat Gruner+Jahr in die roten Zahlen gedrückt. Vorstandschef Bernd Buchholz muss nun 200 Millionen Euro einsparen und baut den Verlag radikal um. Von Ulrike Simon

05.09.2009 00:09
Ulrike Simon
Gruner+Jahr-Chef Bernd Buchholz. Foto: dpa

Typisch, diese Journalisten. Bernd Buchholz verdreht die Augen. Gerade hatte er erzählt, dass dieses Holzlättchen, das aus der Blumenerde der Zimmerpalme ragt, das Geschenk eines Bekannten sei. Er fand es auf einem Friedhof. "Pflege - Bernd Buchholz" steht darauf. Ein Namensvetter, offenbar ein Friedhofsgärtner. Und was muss er nun befürchten? Dass die Anekdote als Einstieg in den Artikel über seine Arbeit als Vorstandschef von Gruner + Jahr dienen wird.

Nein, G+J ist kein Friedhof, und Stern, Brigitte und Geo sind keine Särge, über denen sich demnächst die Deckel schließen. Ernst ist die Lage aber, wie die Halbjahreszahlen von Europas größtem Zeitschriftenverlag belegen. Um zehn Prozent ist der Umsatz geschrumpft, um ein Viertel das Anzeigengeschäft; der Verlag ist nur noch halb so rentabel, schreibt rote Zahlen. Die Stimmung unter den Mitarbeitern ist miserabel. Buchholz singt eine Textzeile von Silbermond: "Gib´ mir ein kleines bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint". Verständnis, sagt Buchholz, habe er wohl für diesen Wunsch. Erfüllen könne er ihn nicht.

Buchholz schaut enttäuscht. Anders als andere Kollegen innerhalb der Konzernmutter Bertelsmann konnte er sich mit dem Betriebsrat noch immer nicht über einen befristeten Gehaltsverzicht einigen, im Gegenzug für beschäftigungssichernde Regelungen. Er klagt über fehlendes Problembewusstsein, darüber, wie er versucht, den Mitarbeitern klarzumachen, "dass die Umbauarbeiten keine Sparmaßnahmen sind, die morgen beendet werden können. Man sei "in einem Prozess, in dem wir das Kerngeschäft umbauen müssen." G+J müsse lernen, dauerhaft mit geringeren Werbeumsätzen umzugehen.

G+J hat Bertelsmann zugesagt, bis Jahresende 200 Millionen Euro einzusparen. Etwa die Hälfte ist geschafft. Das Meiste durch "kurzfristige Maßnahmen, die ihre Wirkung erst im zweiten Halbjahr voll entfalten", aber "nicht dauerhaft durchzuhalten sind", sagt Buchholz. "Wir haben die eine oder andere Strukturanpassungsmaßnahme noch vor uns." Im riesigen Apparat Anzeigenbereich wie in den Redaktionen. Ob die Zentralredaktion der vier Wirtschaftstitel Modell für weitere Magazine sein könnte, will Buchholz nicht ausschließen, fügt aber hinzu: "Zentrale Strukturen für den Stern wären Unsinn". Aus allen Verlagsgruppen werden derzeit Vorschläge gesammelt. Entscheidungen sind im Herbst zu erwarten.

Um sich sein aufwändiges Anzeigen- und Vertriebssystem weiter leisten zu können, will es Buchholz vermarkten. Jüngst gewann der G+J-Vertrieb Konkurrenztitel wie Cosmopolitan und Joy als Kunden: "Wir müssen in der Lage sein, Dinge mit anderen gemeinsam zu machen, die vielleicht gar nicht mehr in der Lage sind, ihr Geschäft alleine weiter zu betreiben. Der Konsolidierungsdruck zwingt uns zusammenzuarbeiten, möglicherweise sogar zu verschmelzen."

Während G+J in Spanien 200 von 750 Stellen streicht und das Osteuropa-Geschäft wackelt, boomt China, von dort fließen "relevante Ergebnisbeiträge". In Deutschland dagegen gilt es, das Kerngeschäft zu sichern: "Publikumszeitschriften mit hoher journalistischer Qualität, das soll unser Kernmarkt auch in Zukunft bleiben, trotz und nach dem Umbau des Hauses" - zu dem, was man einen Marketing-Dienstleister nennen könnte. Zwar gründet G+J fleißig Neues und testet neben dem Elternmagazin Nido demnächst den Männer-Kochtitel Beef, das "Business-Lifestyle"-Blatt Business Punk und Gala For Men. Signifikantes Wachstum verspricht sich Buchholz aber von einem völlig neuen Geschäftsfeld: Professional Publishing.

Es geht um Fachinformationen auf Basis Datenbank-gestützter Informationssysteme. Buchholz nennt die Firma WGSM, die Informationen über Mode (Stoffqualitäten, Shop-Tests Fabrikationsweisen) Abnehmern für fünfstellige Summen anbietet. Ein globaler Markt mit hohen Wachstumsraten. Eine Akquisition in überschaubarer Größenordnung wäre ein Anfang, sagt Buchholz. "Das muss nicht morgen sein, aber langfristig wird das ein wichtiger Kernbereich für G+J".

Wachstumschancen sieht Buchholz auch bei Corporate Media. G+J betrieb das Geschäft mit Kundenmagazinen (DB mobil, Lufthansa) bisher beiläufig. Einen neuen Auftrag konnte der Verlag in Deutschland bislang nicht an Land ziehen. Die Präsentation um das "Mini"-Magazin von BMW, seit Jahren in der Hand von Konkurrent Hoffmann & Campe, hat G+J verloren. Doch das Medium Magazin fand gerade heraus: Ausgerechnet Brigitte-Chef Andreas Lebert hatte das Konzept entwickelt und bei BMW präsentiert. Der Konflikt ist offensichtlich, doch Buchholz kommentiert cool: "Sollte ich das Gefühl haben, dass einer Dinge macht, die er nicht tun sollte, dann sage ich es ihm."

Bernd Buchholz lässt seine Chefredakteure nicht zum Bock und sich selbst nicht zum Friedhofsgärtner machen, wenn er zu Gesprächsende bekennt: "Es wird noch ganz lange sehr gut und sehr profitabel Zeitschriften und Zeitungen geben, die sich mit hochqualitativem Journalismus von anderen Medien deutlich abheben. Wir dürfen aber nicht die Augen verschließen vor Strukturveränderungen. Wir dürfen das nicht alles gleich totreden, sondern müssen etwas dafür tun, damit sich dieses Geschäft für die Printmedien insgesamt belebt."

Das dachten wohl auch die Stern-Chefredakteure. In ihrer Einladung für den 29. September zum "Krisen-Fest" ins Hauptstadtbüro des Magazins verlangen sie von den Gästen "Eintritt": "Sie bringen etwas mit - zu essen oder zu trinken. Für sich und für alle. Von der Bulette bis zum Nudelsalat, vom Pils bis zum Bordeaux." Darunter stand der Appell: "So packen wir die Krise. Gemeinsam."

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