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Grimme-Preisfindung Bericht aus einer Kommission

Fernseh-Unterhaltung ist oft seicht und im schlechten Sinne massentauglich. Und die Kommission für den Grimme Preis hat ihre Not, in dieser Sparte einen Anwärter zu ermitteln. Von Harald Keller

Auszeichnung für einen Außenseiter: "Johannes Schlüter" von NDR Extra 3 bekam einen Grimmepreis. Foto: NDR

Manchmal äugt man, mit der Auswahl möglicher Grimme-Preisträger betraut, ein wenig neidvoll auf die Kollegen. Etwa auf die von der Nominierungskommission Information & Kultur. Zwar haben die eigene Nöte beim Ermitteln geeigneter Kandidaten, aber zumindest kein Definitionsproblem. Reportagen und Dokumentationen sind leicht zu identifizieren.

In der Unterhaltungskategorie gibt es ähnlich unstrittige Beiträge: Quiz, Showrevue, Schlagerreigen. Manchmal aber verschwimmen die Grenzen und werden bisweilen gar zur Ansichtssache. Seit 2004 beim Grimme Preis eine Nominierungskommission für die Sparte Unterhaltung installiert wurde - 2007 folgte die Einrichtung einer entsprechenden Jury -, ist die Frage nach der Zuständigkeit regelmäßig Gegenstand der Erörterungen innerhalb der Gremien.

In diesem Jahr fand sich unter den Vorschlägen von Zuschauern und Herstellern in der Sparte Unterhaltung kein Anwärter, in dem man auf Anhieb den Spitzenreiter erkannt hätte. Dies entspricht der Natur eines Mediums, das in erster Linie von einem kontinuierlichen Programmfluss bestimmt wird. Im Bereich des Alltagsfernsehens nach Qualität zu fahnden, ist für einen Preis, der kraft seiner Statuten den Vorbildcharakter der prämierten Beiträge zum Wert erhebt, demnach grundsätzlich perspektivisch ausgerichtet ist, wesentlich sinnvoller, als großkalibrige singulär auftretende "Event"- Produktionen zu belobigen.

Programmpolitisch betrachtet, zeigte das Kontingent eine positive Vielfalt. Wissensfernsehen für Kinder und Erwachsene, Jux und Satire, Tragikomödien, Musikpräsentationen, heitere Erkundungen divergenter Lebenswelten - eine solche Breite der Auswahlmöglichkeiten, auch das wäre einmal festzuhalten, wird es in freier Verfügbarkeit nicht mehr geben, sollten sich eines Tages jene Eiferer durchsetzen, die die Abschaffung der GEZ-Gebühren und ein allein werbe- oder nutzerfinanziertes Fernsehen fordern.

Erfreulich also, dass die Kunstfigur "Johannes Schlüter", die seit 2003 in der NDR-Satiresendung "Extra 3" ihr Wesen treibt, zum Preisträger der Kategorie "Spezial" gekürt wurde: Die Auszeichnung geht damit an einen wahren Außenseiter und würdigt zugleich die künstlerisch-darstellerische Entwicklung seines ‚Hintermannes', des Germanisten Jesko Friedrich. Gegen die Prämierung der RTL-Serie "Doctor's Diary" lassen sich hingegen Einwände finden. Autor Bora Dagtekin kreuzt hier, ähnlich eklektisch wie schon bei seiner Serie "Türkisch für Anfänger", das "Bridget Jones"-Prinzip mit seichten Krankenhausgeschichten. Die Jury irrt, wenn sie in ihrer Begründung schreibt, bei "Türkisch für Anfänger" seien "nicht britische oder amerikanische Vorbilder" kopiert worden - sogar die Episodentitel waren einem US-Vorbild nachempfunden, der Sitcom "Friends".

Bei Dagtekins jüngster Kreation ist es vor allem das Handlungsmuster, das Kritik herausfordert: Die Heldin hadert mit ihrem vermeintlichen Übergewicht und lechzt nach der Zuwendung eines Ekels von Oberarzt. Diese Abläufe wiederholen sich von Folge zu Folge, ohne dass die Geschichte einen Fortgang erkennen lässt. Ärgerlich auch die Herabsetzung diverser Nebenfiguren zum karikaturesken Stereotyp.

Ein Vergleich mit der ebenfalls nominierten Krankenhausserie "Dr. Molly & Karl" drängt sich auf. Die Sat.1-Produktion ging leer aus, obwohl gerade hier innerhalb des deutschen Serienschaffens deutliche Fortschritte zu verzeichnen sind: Die Hauptfigur ist tatsächlich fülliger, als das gängige Schönheitsideal erlaubt - aber das ist für niemanden ein Thema, also Normalität. Dr. Susanne Molberg (Sabine Orléans) strotzt vor Selbstbewusstsein und führt ein harmonisches Familienleben.

Entsprechend abwegig sind die vor allem im Internet kursierenden vulgärkritischen Exegesen, diese hochqualifizierte und selbstverliebte Neurologin sei ein weiblicher, deutschsprachiger Dr. House - sie ist umgekehrt genau das Gegenteil des von Selbsthass zernagten und körperlich gleichwie sozial verkrüppelten US-Diagnostikers. Eher schon ähnelt Dr. Molberg der resoluten Stationsärztin Dr. Miranda Bailey (Chandra Wilson) aus "Grey's Anatomy".

Der besondere Vorzug von "Dr. Molly & Karl" gegenüber "Doctor's Diary" lag darin, dass Autor Martin Rauhaus nicht von vornherein sämtliche Züge seiner Figuren preisgab, sondern die Serie als Entdeckungsreise gestaltete und mit immer neuen Facetten überraschte. Ein essentielles Qualitätsmerkmal bei der Bewertung einer seriellen Erzählung, dem die diesjährige Grimme-Jury jedoch offenbar kein Gewicht beimessen mochte.

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