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Gescheiterte Serie Keiner wollte die "Mad Men"

Hochgelobt und mit Preisen überhäuft - nun läuft das kreative US-Format als Nischenserie auf dem kleinen, digitalen ZDFneo.

04.10.2010 22:35
Sarah Mühlberger

Irgendetwas ist anders, fällt Don Draper auf. Eben noch hatte er zufrieden zur Zigarette gegriffen, nun zeigt er auf den Fernseher am Fußende des Bettes, in dem er gerade außerehelichen Geschlechtsverkehr hatte. „Seit wann hast du das Ding?“, will er von seiner brünetten Affäre wissen. „Ich weiß nicht, seit ungefähr zehn Tagen? Es ist so faszinierend, dass ich ganz die Zeit vergesse.“ Willkommen in den Sechzigern, als das Fernsehprogramm noch eine ganze Gesellschaft bannte. Willkommen in einer Zeit, in der stilvoll getrunken und geraucht wurde, überall und jederzeit; in der Frauen entweder sexuelle Objekte oder kinderhütende Hausfrauen waren. Willkommen in einer schwarzweißen Welt, in der für Grau kaum Platz war und in der Schwarz und Weiß unter sich blieben. Willkommen bei „Mad Men“.

Das ästhetische und erzählerische Fernsehkunstwerk wurde mit Emmys und Golden Globes geradezu überschüttet, die Kritik ist begeistert, die Serie gilt als Musterbeispiel für die gegenwärtige Blüte amerikanischer TV-Serien. Trotzdem hat es drei Jahre gedauert, bis jemand „Mad Men ins deutsche Free-TV holte. Keiner der großen deutschen Sender wollte das anspruchsvolle Drama haben. Von diesem Mittwoch an zeigt das kleine digitale ZDFneo diese große Serie. Mutig kann man diese Entscheidung nennen oder auch „mad“: verrückt.

0,00 Prozent Marktanteil

Denn einerseits passt „Mad Men“ zwar sehr gut ins Programm von ZDFneo, das mit „30 Rock“, „Weeds“ oder „Seinfeld“ bereits Serien für eine ähnliche Zielgruppe anbietet. Andererseits ist diese Zielgruppe sehr klein, wie man in Mainz schon beim Start von „30 Rock“ feststellen musste: Die Einschaltquoten lagen unter der Messbarkeitsgrenze und wurden folglich am nächsten Tag mit 0,0 Prozent ausgewiesenen – ein Flop, über den selbst die New York Times berichtete.

Die „Mad Men“ könnte nun ein ähnliches Schicksal ereilen, vermutet auch der Film- und Fernsehwissenschaftler Christian Junklewitz vom Fan- und Fachportal Serienjunkies.de. „Mad Men“ sei ein Nischenprogramm, sagt Junklewitz. Einen der Gründe dafür sieht er im Fehlen der sogenannten „cultural proximity“, der kulturellen Nähe zwischen einem Programm und seinem Publikum. „Man kann sagen, dass die moderne Qualitätsserie an der Masse vorbei produziert wird und sich nur an ein spezielles und interessiertes Publikum richtet.“

Deswegen zögern deutsche Fernsehmacher häufig, wenn es um den Einkauf moderner Formate mit komplexen Erzählstrukturen und ambivalenten Helden geht. Eine hochgelobte Serie wie das komplexe HBO-Drama „The Wire“, traut man den Zuschauern ebenso wenig zu wie die Politserie „West Wing“. Diejenigen US-Importe, die im deutschen Fernsehen weiterhin funktionieren, sind meist Serien mit traditionellen Erzählweisen, wie sie auch das deutsche Fernsehen produziert; Serien, die sich an Genrekonventionen halten und den Zuschauer nicht überfordern. Vor allem mit Arzt- und Krimiserien wie „Dr. House“, „Grey's Anatomy“ oder „CSI“ ist in Deutschland nach wie vor eine gute Quote zu holen.

Die etwas abseitigeren Serien sichern sich zunehmend die kleineren Sender. Am Mittwoch startet auf Vox die Robin-Hood-Serie „Leverage“, das quotendruckbefreite Arte zeigt ab diesen Sonnabend die spektakuläre US-Serie „Breaking Bad“. Auch ZDFneo möchte seinem Publikum anderes Fernsehen bieten. und so ist es nur folgerichtig, dass der Nischenkanal die Nischenserie „Mad Men“ zeigt. „Natürlich geht es auch ums Image“, so Junklewitz. Das macht die Entscheidung, eine Serie wie „Mad Men“ zu zeigen, nicht weniger mutig, aber in jedem Fall weniger verrückt.

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