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Gert Monheim Abschied eines Dickbrettbohrers

Wenn sein neuer Schneider-Film im Herbst ins Fernsehen kommt, weilt Gert Monheim irgendwo, aber nicht mehr im WDR. Nach fast 40 Jahren, verabschiedet sich der Filmemacher heute für immer.

29.06.2009 00:06
REINHARD LÜKE
Nicht der Typ für launige Reisereportagen: Gerd Monheim. Foto: herby sachs/wdr

Für seinen letzten Film hat Gert Monheim noch mal einen alten Bekannten aufgesucht. 2001 porträtierte der Dokumentarfilmer in "Der Milliardencoup des Dr. Jürgen Schneider" jenen Frankfurter Baulöwen, dessen Pleite die Deutsche Bank Millionen kostete. Vorstandschef Hilmar Kopper tat das seinerzeit als "Peanuts" ab. Womit er angesichts der Dimensionen der aktuellen Finanzkrise sogar Recht gehabt haben dürfte. Wenn sein neuer Schneider-Film jedoch im Herbst ins Fernsehen kommt, weilt Monheim irgendwo, aber nicht mehr im WDR. Bei dem Sender, für den er fast 40 Jahre gearbeitet hat, ist für ihn heute Schluss.

Dass ein vielfach ausgezeichneter Filmemacher offiziell in den Ruhestand geht, ist heute eine Rarität. Schließlich gehört Monheim jener aussterbenden Spezies von Fernsehmachern an, die nicht nur selbst Filme drehen, sondern als festangestellte Redakteure auch andere Produktionen betreuen. In dieser Doppelfunktion hat der 64-Jährige mit klassisch investigativen Reportagen und Dokumentationen den TV-Journalismus beim WDR nachhaltig geprägt.

Dabei waren seine Reportagen fast immer mit dem Bohren ganz dicker Bretter und monatelangem Aktenstudium verbunden. So deckte er eine Reihe von Skandalen auf und legte sich immer wieder mit Großunternehmen wie Bayer oder Hoechst an. Der Frankfurter Chemie-Konzern ließ nach dem Film "Gesucht wird…eine Todesursache" einst sogar in der Stadt Plakate mit dem Konterfei des Autors und der Schlagzeile "Gesucht wird…die Wahrheit des Gert Monheim" kleben. Logisch, dass Monheim das Justiziariat des WDR beschäftigt hat wie kaum ein anderer Angestellter. "Von Marginalien abgesehen", so erklärt er heute rückblickend und nicht ohne Stolz, "habe ich über all die Jahre weder als Autor noch als Redakteur einen einzigen Prozess verloren und noch nicht mal eine Gegendarstellung hinnehmen müssen."

Für seine Arbeit als Redakteur stehen vor allem Formate wie das Medienmagazin "Glashaus", "Menschen hautnah", "Gesucht wird…" und die von ihm, gemeinsam mit Heribert Blondiau, entwickelte Reihe "die story", die heute profilierteste Reportage-Reihe der ARD. Deren Leitung gab er 2003 aus Protest gegen Etatkürzungen ab. Doch darüber und über all die anderen Konflikte, die er innerhalb des WDR ausgefochten hat, möchte Gert Monheim zum Abschied eigentlich nicht mehr reden. "Als Autor", resümiert er knapp, "konnte ich hier über all die Jahre immer machen, was ich für richtig hielt."

Überhaupt erzählt er lieber von Erfolgen. Etwa von seiner Reportage "Der Gotteskrieger und seine Frau", für die er 2007 den Deutschen Fernsehpreis bekam, oder von "Milliarden-Monopoly". Jenen Filmen, in den zwei Autoren unter seiner Redaktion in langjähriger Recherche Fälle von handfester Korruption in Köln aufdeckten, wo derlei Praktiken gern als Klüngel verniedlicht werden.

Dass Gert Monheims Bilanz zu seinem Abschied dennoch nicht euphorisch ausfällt, hat mit der leidigen Quote zu tun. Die meisten Filme aus der Reihe "Gesucht wird…" seien Anfang der 80er Jahre um 20.15 Uhr im Ersten gelaufen, erinnert er sich. "Viele dieser Reportagen hätten da heute überhaupt keine Chance mehr." Natürlich weiß auch Monheim, dass sich die Fernsehlandschaft seit jenen Jahren gravierend verändert hat, dennoch will er nicht akzeptieren, dass im Ersten zunehmend populistische Reihen wie "Legenden" den Dokumentar-Sendeplatz am Montag belegen: "Heute geht Quote vor Qualität, und von der Wertschätzung des Investigativen ist innerhalb der ARD nicht mehr viel geblieben."

Worüber er sich auch im Ruhestand weiter ärgern wird. Und sonst? Monheim lässt in seinem Büro den Blick über die Dächer Kölns schweifen und hat so gar nicht diesen Jetzt-leg-ich-erst-richtig-los-Blick drauf, mit dem viele Zeitgenossen beim Fernsehen ihr offizielles Arbeitsleben beenden. "Ich gehe jetzt nicht hier raus", sagt er nach einer Weile, "und nehme mir für die nächsten Monate gleich einen neuen Film vor. Da muss man einfach auch mal eine Zäsur machen können." Für launige Reisereportagen, mit denen viele seiner ehemaligen Kollegen die Nation zur Weihnachtszeit beglücken, wäre Gert Monheim auch ohnehin nicht der Typ.

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