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"Funk" von ARD und ZDF Einverleibung der Generation Youtube

„Funk“ heißt das neue, junge Angebot von ARD und ZDF, das komplett auf digitale Kanäle setzt: Zum Start setzt das Programm auf viele bewährte Gesichter, weil viele neue Formate noch in der Produktion stecken.

Voilà – sie mischt auch kräftig mit: Mai Thi Nguyen-Kim. Foto: dpa

Es gibt eine Welt da draußen, von der haben die Fans von Katie Fforde und Rosamunde Pilcher vermutlich noch nie gehört. Denn diese Welt liegt nicht im Sonnensystem des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, sondern im Spinnennetz, im World Wide Web. Dort zieht der Planet You Tube seine Bahn, und er ist dabei, zum Zentrum des medialen Universums zu werden, zumal seine Sonne Google heißt. Doch haben die Regenten von ARD & ZDF die Gefahr erkannt. Und die Gefahr gebannt. Denn sie haben die Bewohner des Planeten in ihr System einverleibt. Sie haben die Wesen vom anderen Stern auf eine so bewährte wie simple Weise auf ihre Seite gezogen: Sie haben sie gekauft. Über das Geld dafür verfügen sie; von den acht Milliarden Gebühren jährlich zweigen sie gerade einmal 45 Millionen ab.

„funk“ heißt der Ort, an dem sich nun die unterschiedlichsten Wesen aus der YouTube-Welt tummeln. Während sie bislang mit möglichst schrillen Ideen, Bildern und Filmen um Aufmerksamkeit buhlen mussten, haben sie sich nun gerne einfangen lassen, denn: Ihre Kundschaft muss sich ja gar nicht daran stören, es nicht einmal merken, dass sie nun am Tropf des ARD & ZDF-Systems hängen. Jetzt können sie sogar stolz verkünden: „Wir haben keinen Bock auf Werbung. Oder Promo.“ Wie das „Bongo Boulevard“ tut. Das gehört zu den 40 Formaten, die nach wie vor im Internet, seit dem 1. Oktober aber auch unter dem Etikett „funk“ senden. Denn die Macher von funk haben zu einem großen Teil auf Bewährtes zurückgegriffen, auf Künstler, Komiker und Netizens, die durch YouTube schon einen Namen (und Publikum) haben, wie etwa Rayk Anders oder Moritz Neumaier und der durch sein Interview mit Kanzlerin Angela Merkel auch jenseits des Netzes bekannt gewordene LeFloid.

Neumaier, ehemals Poetry-Slammer, tut nun nicht mehr „auf eine Zigarette...“ sondern korrekt „auf einen Kaffee...“ seine Meinung zu aktuellen Themen kund, so gelassen wie politisch eindeutig. Auch Anders mit seinen „headlinez“ und die Reportagen vom Y-Kollektiv gehören zu den Schwergewichten bei „funk“ mit Kommentaren und Berichten zur Weltlage, ebenso wie die Satiriker vom Bohemian Browser Ballett.

Bunte Mischung

Während die oben Genannten eine Botschaft haben, geht es den meisten anderen Formaten vor allem um Unterhaltung. „funk“ ist ein Kessel Buntes, dessen Inhalt in verschiedenen Schüsseln serviert wird, auf YouTube, Facebook, Twitter oder Snapchat. Das Problem im Netz ist oft die Auffindbarkeit von Inhalten. Aber das gilt nicht für „funk“; wenn man auf dessen Web-Site geht, sind dort alle Formate aufgelistet – alphabetisch...

Bei einer ersten Tour stellt man dann fest, dass das neue Angebot nur mit halber Kraft an den Start geht. Zahlreiche Formate laufen noch nicht, sind mit dem Hinweis „Hier wird gerade gedreht, geschnitten und aufgeräumt. Bald kommt was Neues“ versehen; dazu zählen etwa „Hochkant“, „Gaming Show“, „Final Clash“, und auch bei „Guten Morgen Internet“ sind sie noch im Tiefschlaf. Andere, wie die Mystery-Serie „Wishlist“, können einstweilen nur einen Trailer vorweisen und das Startdatum: Erst vom 27. Oktober an kann das Publikum erfahren, welchen Preis Mira, 17, für die Erfüllung ihrer Wünsche bezahlen muss. Und bei aller Netzfreiheit haben viele Angebote einen festen Sendeplatz pro Woche oder Monat.

Schon lange auf Sendung sind etwa „BA“, der andere YouTube-Videos neu mixt, eine Art Meta-Clip bietet, oder „Kliemanns Land“. Da fällt der Namensgeber, bekannt durch Heim- und Handwerkerfilme, erstmal ins Wasser: Er trainiert Wake-Boarding. Das Prinzip seiner „dokumentarischen“ Clips: Kliemann inszeniert sich als Dilettant auf dem Lande und spekuliert dabei auch auf den Schadenfreude-Faktor. Sein bisweilen penetranter Narzissmus überlagert allerdings bald den Inhalt der Erzählungen vom Do-it-yourself-Dasein zwischen Trecker und Teich.

Auch Kristina Wellkamp hat bereits ihre Netz-Gemeinde. Sie ist die Lilo Wanders der YouTube- Generation mit ihrem Format „Fickt Euch“: Vor Couchgarnitur, Stehlampe und Zimmerpalme bestärkt die Blondine die Jugend darin, sich nicht gängeln zu lassen bei der Erkundung des eigenen Körpers und der Lust.

Mai Thi Nguyen-Kim ist gleich mit zwei Formaten dabei. „Auf Klo“ spricht sie bei der ersten Ausgabe mit ihrem Gast Hengameh über das Thema „Dick und schön“ und bestätigt dabei ihren Anspruch, sich explizit nur an Mädchen zu wenden. Bei ihrem zweiten Format unter dem Motto „schön schlau“ gibt Mai den weiblichen Ranga Yogeshwar und serviert Wissenshäppchen, beim ersten Clip etwa über das Hungerhormon Ghrelin. Die hier wie bei so einigen Formaten übliche und eigentlich langweilige Art, die Themen vor ruhiger Kulisse direkt in die Kamera zu sprechen, wird durch Animationen aufgelockert.

Die Präsentationen kommen sowohl dem Narzissmus als auch dem Marktwert der YouTuber entgegen, die sich nun dank der Teilnahme an „funk“ weniger finanzielle Sorgen machen müssen. Stefan Niggemeier formuliert auf seiner Seite „Übermedien“ gar: „ARD und ZDF machen YouTuber fett“. Umgekehrt sichern sich die Sender wohl ihre Zukunft, wenn nicht unbedingt durch mehr Zuschauer diesseits der 60, so doch durch unverbrauchte Talente der TV-Unterhaltung.
Typisch dafür ist vielleicht Marti Fischer, im Netz bekannt geworden als „The Clavinover“. Er hatte, so war es in der FAZ zu lesen, sich mit Hilfe eines Preisgeldes von 10 000 Euro professionalisiert, indem er eine Synchronsprecher-Ausbildung absolviert hat – mit Erfolg. Seine Version von „Chabos wissen, wer der Babo ist“ hatte bei YouTube mehr als viereinhalb Millionen Aufrufe. Nun macht er bei „funk“ Musik und Quatsch unter dem Etikett „Bongo Boulevard“.

Viel Freiraum

Dabei lassen die Senderverantwortlichen den YouTubern wohl freie Hand, die arbeiten zwar mit Agenturen zusammen, aber eine Redaktion gibt es offenbar nicht. Niggemeier zitiert Philipp Schild von „funk“, man habe lediglich „rote Linien“ vereinbart. So kann Moritz Neumaier in seinem neuen Auftritt unter dem Titel „Wider Vereinigung“ schon mal von „der verfickten AfD“ sprechen.

Abgerundet wird das Angebot durch Serien, die man umsonst per Smartphone oder PC empfangen kann, etwa die in den USA erfolgreiche Serie „Fargo“ oder die britische Science-Fiction-Farce „The Aliens“ mit Michael Socha als Grenzschützer, der dafür sorgen soll, dass die den Menschen gleichenden Aliens hinter einer riesigen Mauer bleiben, aber eines Tages feststellen muss, dass er selbst ein halber Alien ist...

Anspielungen auf Ängste vor den „Anderen“, auf real existierende oder von Politikern propagierte Mauern sind kaum Zufall. Rasante Schnitte, unterlegt mit einer dem Sound der 60er Jahre entliehenen Musik, ein „schmutziges“ Design und ein heterogenes Personal zeichnen „The Aliens“ aus. Und mit „funk“erobern nun die Aliens des Planeten YouTube das Wunderland von ARD und ZDF.

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