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Freigelassene Bild-Reporter Bei aller Freude

Nach der Freilassung der "BamS"-Reporter aus iranischer Haft bleiben Fragen nach der Verantwortung offen. Inwiefern haben Verlag und Chefredaktion ihre Fürsorgepflicht verletzt? Haben sich die beiden Journalisten fahrlässig einer unverhältnismäßigen Gefahr ausgesetzt?

21.02.2011 21:32
Ulrike Simon
Die BamS-Reporter Jens Koch (l.) und Marcus Hellwig (r.) nach ihrer Freilassung. Foto: dpa

Mehr als vier Monate mussten die beiden Journalisten der Bild am Sonntag (BamS) in iranischer Haft zubringen. Mehr als vier Monate hielten sich viele Medien, so auch diese Zeitung, mit Kritik an möglichem Fehlverhalten der beiden Reporter, der BamS-Chefredaktion und des Springer-Konzerns zurück. Zu unberechenbar waren die Folgen, nichts sollte die Freilassung der beiden gefährden. Zu wissen, dass der Redakteur Marcus Hellwig und der freie Fotograf Jens Koch zurück in Deutschland, zurück in Freiheit sind, ist eine Erleichterung. Nun ist es an der Zeit, noch immer offene Fragen aufzuarbeiten: Inwiefern haben Verlag und Chefredaktion ihre Fürsorgepflicht als Arbeitgeber verletzt? Haben die beiden Journalisten verantwortlich gehandelt oder sich fahrlässig einer unverhältnismäßigen Gefahr ausgesetzt? Immerhin ging ihrer Freilassung nicht nur ein langwieriges Tauziehen zwischen Regierungen voraus. Am Ende bekam sie sogar weltpolitische Bedeutung.

So kann man Guido Westerwelles Treffen mit dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad als Bruch mit den politischen Sanktionen der EU sehen, die unter anderem ranghohe bilaterale Kontakte mit Teheran untersagen. Unabhängig davon wirkt es zumindest seltsam, dass ausgerechnet der Springer-Konzern nun mitverantwortlich ist, dass Ahmadinedschad das Treffen mit einem wichtigen Vertreter der westlichen Welt für Propagandazwecke ausnutzen kann. Schließlich gehört es zu den Unternehmensgrundsätzen des von Axel Springer gegründeten Verlags, die „Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen“ herbeizuführen, wozu „die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes“ gehört, während Ahmadinedschad zur Vernichtung Israels aufruft. Zu all dem äußert sich Springer nicht. Ebenso wenig ist bekannt, worin die Entschuldigung besteht, die der Iran als Bedingung für eine Freilassung der beiden Reporter von Springer verlangt und auch bekommen hat.

Verurteilt wurden Hellwig und Koch wegen eines Verstoßes gegen Visabestimmungen. Um als ausländischer Journalist im Iran zu arbeiten, bedarf es einer Erlaubnis des zuständigen iranischen Ministeriums. Ohne diese Akkreditierung kann journalistische Recherche als Spionage ausgelegt werden, was mit dem Tod bestraft werden kann. Zu den Umständen, unter denen Hellwig und Koch in den Iran gereist sind, äußert sich die BamS-Chefredaktion nach wie vor nicht.

Nur mit einem Touristenvisum

Nach Informationen dieser Zeitung sollen die beiden ein Journalistenvisum beantragt, dies aber verwehrt bekommen haben. Das sei der Grund gewesen, wieso sie nur mit einem Touristenvisum in den Iran gereist sind. Zweck der Reise war, den Sohn und den Anwalt der wegen Ehebruchs und Beihilfe zum Mord zum Tod verurteilten Sakine Ashtiani zu interviewen.

Man müsse sich im Vorfeld darüber im Klaren sein, was es bedeuten kann, wenn man versucht, Visa zu umgehen, sagte Halim Hosny, Leiter des ZDF-Studios in Istanbul kürzlich im Magazin Journalist. Mit Touristenvisum einzureisen, „würden nur absolute Greenhorns machen oder jemand, der erst hinterher schreibt und sich damit abfindet, danach nie mehr ein Visum zu bekommen“, sagte Rudolph Chimelli, früher Korrespondent, heute Autor der Süddeutschen Zeitung. Die Vereinigung Reporter ohne Grenzen (ROG) kritisierte nach der Freilassung von Hellwig und Koch: „Die bisher bekannt gewordenen Informationen werfen schwerwiegende Fragen auf. Heikle Missionen wie die Entsendung von Reportern in ein Land, dessen Regime für effiziente Geheimdienste, Folter und Todesstrafe bekannt ist, sollten erfahrenen Auslandsreportern, die mit der Region vertraut sind, übertragen werden.“ Springer bestreitet, dass es sich bei Hellwig und Koch um unerfahrene Reporter handle. Beide seien Vollblutreporter, die die Reise lange vorbereitet hätten.

Hellwig, 45, arbeitete im Berliner Büro der BamS und schrieb vor allem Reportagen aus Ostdeutschland. Nach einem Wechsel zur Super Illu kehrte er zu Springer zurück, arbeitete für die B.Z., die Berlin-Ausgabe der Bild-Zeitung und zuletzt wieder für BamS. Nach Aussage seiner Schwester Christina ist er sehr ehrgeizig. „Für eine gute Geschichte nimmt er auch ein gewisses Risiko auf sich. Aber er ist nicht leichtsinnig“, sagte sie dem Magazin Der Spiegel. Jens Koch, 29, lieferte die Bilder von Westerwelles Hochzeit, ist bekannt für seine Porträtfotos von Udo Lindenberg, vom Dalai Lama oder Johannes Heesters. Er fotografierte aber auch Soldaten in Afghanistan und im Irak. Die Iran-Reise habe er unternommen, weil er „dringend mal wieder eine richtig gute Geschichte brauchte“, sagte seine Schwester Miriam.

Fest steht, dass Hellwig und Koch nicht auf eigene Faust, sondern im Auftrag der BamS gereist sind. Die Chefredaktion sollte sich also fragen, wie viel Mitverantwortung sie für das, was passiert ist, trägt. Dies umso mehr, wenn stimmen sollte, dass sie angeblich nicht gewusst haben soll, welche Visa die beiden hatten. Auch im Interesse künftiger Recherchereisen von Journalisten in Länder, in denen keine Pressefreiheit existiert, sollten diese Fragen geklärt werden. Bei aller Freude über die Freilassung der beiden Kollegen.

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