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Frank Schirrmacher Der Spaß an der Macht

Michael Angeles etwas fahrige und klatschverliebte Biografie des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher.

Frank Schirrmacher
Frank Schirrmacher im Mai 2014. Foto: dpa

Er war ein Machtmensch, und besonders gefürchtet war sein Charme. Wen Frank Schirrmacher erst einmal mit der Gunst seiner Aufmerksamkeit bedachte, dem vermochte er alsbald den Eindruck zu vermitteln, die wichtigste Person überhaupt zu sein. Im Fall des Liebesentzugs aber konnte es böse ausgehen. Die Spur der Feindschaften ist lang, die Frank Schirrmacher, der 1985 als Redakteur ins Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ eintrat und binnen weniger Jahre zunächst zu deren Literaturchef und später zum Mitherausgeber aufstieg, im Verlauf seines turbulenten Berufslebens zog. So erzählt es auch der Journalist Michael Angele, der nun, vier Jahre nach Schirrmachers Tod, ein biografisches Porträt vorlegt, in dessen Zentrum das „Spiel mit der Macht“ steht, das für Schirrmacher oft nur ein großer Spaß zu sein schien.

Natürlich geht es auch um die journalistischen Coups, von denen Schirrmacher nicht wenige gelandet hat, am spektakulärsten wohl der seitenlange Abdruck der Buchstaben A, T, G, und C, durch den die Entschlüsselung des menschlichen Genoms dargestellt wurde. Die Seiten erschienen am 27. Juni 2000 im Feuilleton der FAZ und signalisierten das programmatische Ende des politischen Feuilletons, für das Schirrmacher überhaupt erst die publizistische Deutungshoheit beansprucht und durchgesetzt hatte. Dessen Stelle schien fortan ein von den modernen Wissenschaften angetriebenes Feuilleton einzunehmen, zu dem Schirrmacher mit seinem Buch „Das Methusalem-Komplott“ über das dramatische Altern der Gesellschaft bald auch einen Sachbuch-Bestseller beisteuerte.

Michael Angele hält sich mehr an die Person Schirrmacher als an dessen Werk. Viele Weggefährten wurden befragt, nicht wenige zogen es vor, lieber nicht genannt zu werden, als fürchteten sie noch immer den langen Arm des Herausgebers, der mit fiktiven Figuren wie dem kindlichen Kaiser, Karlsson vom Dach oder auch dem römischen Kaiser Caligula, der als irrer Meister der Intrigen galt, verglichen wurde.

Bisweilen scheint die Geheimniskrämerei, in der manch ein Zuträger sich meint hüllen zu müssen, auch den dramaturgischen Effekten des Biografen geschuldet zu sein. „Wir müssen unbedingt telefonieren, es wird alles ganz anders“, zitiert Angele eine letzte E-Mail Schirrmachers „an einen guten Freund“. Wer das ist, wird nicht gesagt, obwohl es kein Geheimnis ist. Es handelt sich um den Germanisten Hans-Ulrich Gumbrecht, der Schirrmacher seinerzeit promoviert hatte. Die Nichtnennung des Namens ist womöglich nur ein Versehen. Gumbrecht selbst hat über diese E-Mail ausführlich in seiner Trauerrede in der Frankfurter Paulskirche im September 2014 gesprochen und an ihr die Entschiedenheit und Begeisterungsfähigkeit dargestellt, mit der Schirrmacher sich neuen Dingen zu widmen bereit war.

Michael Angele verheddert sich bisweilen im Gestrüpp der Indizien oder ist auch nur fahrig. Die Zeitschrift „Merkur“, für die Schirrmacher einen Beitrag schrieb, der dort nie erschien, firmiert als deutsche Zeitschrift für „europäischen Geist“, gemeint ist aber „europäisches Denken“. Ist es auch nur ein Flüchtigkeitsfehler, wenn Angele den Bann, der den Literaturkritiker und Autor Jörg Magenau getroffen hat, über Schirrmachers Tod hinaus verlängert? Magenau hat in seiner Biografie über Martin Walser den Gedanken nahegelegt, das harsche Vorgehen Schirrmachers gegen Walser in der Affäre um dessen Roman „Tod eines Kritikers“ sei dadurch motiviert gewesen, vom Scheitern der Verlegung des FAZ-Feuilletons nach Berlin abzulenken. Danach, heißt es bei Angele, sei Magenau nicht nur als Autor in der FAZ unerwünscht gewesen, sondern auch seine Bücher würden dort bis heute ignoriert. Das mag für einen Essay über die Gruppe 47 in Princeton zutreffen, es stimmt aber nicht für dessen 2013 veröffentlichte Doppelbiografie über Ernst und Georg Friedrich Jünger, die überaus positiv in der FAZ rezensiert wurde.

Es sind Details wie diese, die Angeles Buch zu einer unerquicklichen Lektüre machen, weil immerzu die Offenlegung von Betriebsgeheimnissen der Medienbranche insinuiert wird, was dann aber oft zu Tratschmaterial für Eingeweihte gerinnt.

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