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Flattr wird ausgebaut Netz in Spendierlaune

Mikro-Bezahlsysteme wie Flattr werden auch für die Webseiten von größeren Zeitungen interessant. Ab Mai soll im Netz alles bis hin zu einzelnen Tweet mit dem Flattr-Button bezahlbar sein, kündigt Peter Sunde bei der Re:publica an.

15.04.2011 08:19
Patrick Beuth
In diesem Jahr findet die Re.publica zum fünften Mal statt. Foto: dapd

Peter Sunde Kolmisoppi ist im Herzen immer noch Pirat. Der Mitbegründer der wahlweise legendären oder berüchtigten File-Sharing-Plattform The Pirate Bay will jetzt fremde Webseiten entern. Nicht irgendwelche. Sunde will mit Twitter anfangen. Er will dem Microbloggingdienst einen Spendenbutton unterjubeln. Flattr heißt der, Sunde hat ihn vor etwa einem Jahr veröffentlicht.

Flattr ist ein Tool, mit dem Betreiber von Webseiten Geld für einzelne Inhalte sammeln können. Die Berliner tageszeitung (taz) ist das in Deutschland wohl prominenteste Beispiel: Auf taz.de können Leser einzelne Artikel bezahlen. Dazu müssen sie sich bei Flattr registrieren. Danach legen sie eine Summe fest, die sie jeden Monat für Inhalte im Netz ausgeben wollen. Wann immer sie auf einer Webseite, die dabei mitmacht, den Flattr-Button klicken, wird das registriert. Am Ende des Monats wird die vorher festgelegte Summe auf alle angeklickten Inhalte aufgeteilt. Weil der Spender schon mit zwei Euro im Monat mitmachen kann, kommen dabei meist nur Centbeträge heraus. Die taz nimmt derzeit zwischen 1000 und 1500 Euro pro Monat über Flattr ein.

Zehn Prozent dessen, was jeder Nutzer ausgibt, verbleiben derzeit bei Flattr, damit die Firma ihre Kosten decken kann. Sunde kündigte am Donnerstag bei der Re:publica in Berlin an, künftig von diesem Geld etwas an Plattformbetreiber zu verteilen, die den Flattr-Button für ihr gesamtes Angebot einführen. Eine Blog-Plattform etwa, die Flattr automatisch in alle Blogs einbindet, wird ab Mai einen Teil der zehn Prozent bekommen.

Sunde möchte aber noch viel mehr „flattrbar“ machen. Jedes Video bei Youtube, sogar jeden einzelnen Tweet. Twitter selbst wird Flattr zwar zunächst nicht einbinden, „aber wir wollen sie ein bisschen zwingen“, sagte der 32-Jährige im Gespräch mit dieser Zeitung. „Wir bieten einfach ein Flattr-Add-on für den Browser an oder einen kurzen Link, den man in seine Tweets einbauen kann.“ Twitter wäre dann voller Flattr-Funktionen, würde aber nicht daran verdienen. Das könnte es aber, wenn es sich entschließen würde, Flattr selbst für alle Twitternutzer einzubinden.

Große Begeisterung in Deutschland

Flattr möchte Twitter also dazu zwingen, im Internet Geld mit Inhalten zu verdienen, die andere erstellen. Das könnte kaum weiter entfernt sein von Sundes ehemaligem Projekt: The Pirate Bay war ein sogenannter BitTorrent-Tracker, eine Art Suchmaschine, mit der man Kopien von Filmen oder Musikdateien finden konnte, um sie dann direkt vom Computer anderer Nutzer herunterzuladen. Geld bekam dabei niemand, schon gar nicht die Urheber der Inhalte. Das Urheberrecht bezeichnete der Programmierer und Hacker, der in Schweden geboren wurde, aber die norwegische und die finnische Staatsbürgerschaft hat, als unmoralisch und undemokratisch. Die schwedische Justiz sah das anders und verurteilte ihn 2009 zu acht Monaten Haft. Ins Gefängnis musste Sunde allerdings bisher nicht, das Verfahren liegt mittlerweile beim Obersten Gericht in Schweden.

In der Zwischenzeit hat Sunde Flattr vor allem in Bloggerkreisen bekannt gemacht. Netzpolitik.org, Deutschlands meistverlinktes Blog, nimmt zum Beispiel zwischen 600 und 800 Euro monatlich über Flattr ein. Überhaupt sei die Begeisterung für Flattr nirgendwo so groß wie in Deutschland, berichtete Sunde. Dass es sogar „eine richtig große Zeitung“ wie die taz versuche, freut ihn besonders. Für die Zeitung ist Flattr wiederum nur ein Bestandteil der neuen Kampagne „taz zahl ich“, mit der sie seit nun sechs Tagen versucht, ihre Online-Leser zum freiwilligen Bezahlen zu bewegen. Ebenso möglich sind Überweisungen oder auch per Paypal und dem Handy. „Nur mit einer finanziellen Unterstützung der Community wird es möglich sein, auch in Zukunft qualitativ hochwertigen Journalismus und kostenlose digitale Verfügbarkeit zu gewährleisten“, heißt es auf der Webseite der taz. Bilanz des ersten Tages: 386 Spender und insgesamt 1963 Euro. Das zeigt: Wo die Identifikation der Nutzer mit den Inhalten und dem Medium groß genug ist, da gibt es auch die Bereitschaft, etwas zu zahlen, selbst wenn man es nicht muss.

Das Gegenmodell hat vor gut zwei Wochen die New York Times eingeführt: Nur noch 20 Artikel pro Monat können die User hier kostenlos im Netz lesen, danach fällt die Bezahlschranke. Wer unbegrenzten Zugang haben möchte, muss monatlich 15 Dollar zahlen. Eine erste Bilanz: nytimes.com hat nach Einführung der Bezahlschranke bis zu 15 Prozent seiner Nutzer verloren. Und die Paywall ist löchrig, es gibt Wege, sie zu umgehen. Wenn nun aber eine nennenswerte Zahl von Usern dauerhaft abspringt, verringern sich die Online-Werbeeinnahmen. Die zahlungswilligen Nutzer müssen nicht nur das kompensieren, sondern auch noch die Entwicklungskosten für die Paywall. Nach Medienberichten betrugen die 40 Millionen Dollar.

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