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Ferdinand von Schirach „Ich fühle mich vom Fernsehen betrogen“

Seit der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach seine Fälle zu Romanen macht, zählt er zu Deutschlands Literaturgrößen. Jetzt verfilmt Oliver Berben seinen Bestseller "Verbrechen" als TV-Serie. Dabei mag von Schirach Fernsehen überhaupt nicht.

04.04.2013 17:16
Erst ein Buch, jetzt im TV: von Schirach und seine Fälle. Foto: berliner zeitung/Paulus Ponizak

Seit der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach seine Fälle zu Romanen macht, zählt er zu Deutschlands Literaturgrößen. Jetzt verfilmt Oliver Berben seinen Bestseller "Verbrechen" als TV-Serie. Dabei mag von Schirach Fernsehen überhaupt nicht.

Ferdinand von Schirachs Bücher wurden in 30 Sprachen übersetzt, Doris Dörrie machte aus einer Kurzgeschichte 2012 den Kinofilm „Glück“, jetzt hat Produzent Oliver Berben aus sechs Stücken des Bestsellers „Verbrechen“ eine Miniserie gedreht (ab 7.?April, ZDF). Für den Autor ist die Adaption ein zweischneidiges Schwert: Schirach lehnt Fernsehen als Zeitraub ab, wie er im Interview sagt. Allerdings gefalle ihm, wie Jobst Christian Oetzmann seine Erzählungen in Szene gesetzt hat.

Herr von Schirach, „Verbrechen“ handelt von Ihrer Praxis als Strafverteidiger. Wie viel Wahrheit steckt im Bestseller und wie viel davon bleibt beim ZDF übrig?

Ach, Wahrheit ist doch nur die Wahrnehmung dessen, was wirklich geschieht. Sie sehen dieses Zimmer ja allein deshalb anders als ich, weil Sie auf einem anderen Platz sitzen. Bei meinen Geschichten ist es genauso: Hätte ein Staatsanwalt sie geschrieben, wären es andere. Und es wären wieder andere aus der Sicht eines Richters.

Entsprechen Ihre Fälle der Wirklichkeit?

Nein. Würde ich sie so erzählen, wie sie tatsächlich waren, wäre das ein Bruch der Schweigepflicht, also strafbar. Die Einzelteile sind wahr, die Zusammenstellung ist fiktiv.

Im deutschen Fernsehen regiert der Krimi. Warum eigentlich?

Vor der Frage hatte ich ein bisschen Angst, weil ich keinen Fernseher habe und gar nicht weiß, was da läuft. Frauen scheinen nebenbei alle möglichen Dinge tun zu können – schreiben, reden, Haushalt machen; ich bin unfähig, irgendwas anderes zu machen und sitze im Hotel so lang davor, bis ich weiß, wie es ausgeht, und sei es ein noch so blöder Film. Ich habe deshalb schon Termine verpasst.

Sind Sie da suchtgefährdet?

Meinen Sie das ernst? Gut, ich rauche zu viel, hoffe aber, das ist schon alles. Ich mag einfach diese Zeit vorm Fernseher nicht und fühle mich hinterher ein wenig betrogen.

Hatten Sie da keine Angst, dass „Verbrechen“ dafür verfilmt wird?

Große, aber glauben Sie mir: Der Produzent Oliver Berben ist sehr überzeugend. Wir ergänzen uns bestens: Er ist der Mann für die Bühne, ich für den Zuschauerraum.

Mit welchem Ergebnis?

Dem einer überraschenden Visualisierung meines Schreibens in schnellen bildhaften Erzählschritten: diese Unterbrechungen, um auf Details zu zoomen, hier eine Axt, dort einen Apfel – das hatte ich zuvor nirgends gesehen.

Aber bringt das die Story weiter oder sorgt es nur für Schauwert?

Da wären wir wieder bei wahr und wirklich; im Leser erzeugen Geschichten verschiedene Bilder, die Film fertig liefert. Wenn Sie Manns „Tod in Venedig“ lesen, entsteht eine bestimmte Farbe im Kopf; Viscontis Adaption mag da völlig anders sein als das Buch – beim Betrachten erzeugt es ähnliche Stimmungslagen. Wenn dieses Wechselspiel funktioniert, sind Literaturverfilmungen gelungen. Wie bei „Verbrechen“.

"Tony Soprano würde ihn erschießen"

Das aber auch funktioniert, weil Verbrecherthemen so beliebt sind. Ergötzen wir uns an der Schuld anderer oder an der Gefahr, selbst davon betroffen zu sein?

Wir suchen Stellvertreter. Wenn ein Kellner uns blöd behandelt, geben wir ihm am Ende noch Trinkgeld; ein Gangster wie Tony Soprano würde ihn ohrfeigen oder wie Scarface erschießen. Unsere überregulierte Welt ist mühsam, wir sind bloß Objekt unzähliger Ge- und Verbote: Iss was Gesundes, grüß den Pförtner, hör auf zu rauchen, benutz Energiesparlampen; da erscheint uns die Freiheit des Verbrechers, zu tun, was er will, eben verlockend.

Und sei es, jemanden zu töten?

Das auch, mehr noch suchen wir aber Figuren, in denen wir uns wiederfinden. Nehmen Sie die Episode, in der Edgar Selge „Fähner“ spielt, der seine Frau tötet, die ihn ein Leben lang gequält hat. Erst kürzlich wurde einer in Bayern verhaftet, der seine Frau erwürgt hatte und nach dem Grund befragt sagte: „Ich wollte endlich Ruhe.“ Taten wie die von Fähner sind also nicht so ungewöhnlich, weshalb wir uns selbst ein wenig in den Tätern erkennen.

Die dann in Justizserien verurteilt werden. Warum ist dieses Genre fast so beliebt wie Krimi?

Weil Strafprozesse Schauspiele sind. Wenn früher ein Dorf niedergebrannt wurde, traf man sich an einem Gerichtsplatz. Auf diesem „Ting“ gab es zwei Sorten Richter: die Erzähler und die Urteiler. Interessanterweise waren erstere wichtiger als letztere, denn der Erzähler sprach so lange über das Ereignis, bis es seinen Schrecken verlor.

Eine Art Konfrontationstherapie?

Bei der es stark ins Detail ging: Was wurde wie von wem genau niedergebrannt? Da das Böse unaussprechlich ist, beruhigt das exakte Erzählen die Gemeinschaft. Auch im modernen Prozess werden Straftaten nachgespielt; so begreifen wir sie besser. Zumal das Gericht die letzte gesellschaftlich relevante Institution ist, die sich mit Wahrheit beschäftigt.

Wie ist es mit der Kirche?

Ach, die interessiert die meisten nur noch bei der Papstwahl. Auch von Politik glauben wir, dass sie uns nur belügt. Aber Strafgerichte müssen Urteile sprechen, die eindeutig sind. Wir sehnen uns nach Klarheit.

(Das Gespräch führte Jan Freitag.)

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