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Eurosport-Kommentator Werner Kastor Die Stimme des Boxens

Harte Schläge, derbe Sprüche: Werner Kastor genießt als Box-Kommentator von Eurosport Kultstatus. Der promovierte Politologe hat einst selbst als Profi im Ring gestanden.

Eurosport-Kommentator Werner Kastor. Foto: Privat

Wer gelegentlich einen Boxkampf im Fernsehen einschaltet, könnte den gelifteten Ringsprecher Michael Buffer für die Stimme des Boxens halten. Er ist es aber nicht. Die Stimme des Boxens arbeitet gut versteckt im Abendprogramm des Spartensenders Eurosport. Und wer sie zum ersten Mal einschaltet, wird sie vielleicht gar nicht auf Anhieb als Stimme erkennen. Man könnte meinen, dort teste jemand sein Mikrofon, es knarzt, es brummt, aber irgendwann hört man sich hinein in dieses sonore Knurren und siehe da: Es sind Worte, ganze Sätze. Wer dann Werner Kastor zuhört, lernt in zehn Runden mehr über diesen Sport, als er es in zehn Jahren bei einem anderen Sender tun könnte.

Während seine Kollegen live in der Halle am Ring sitzen und den Ereignissen hinterherhecheln, kommentiert Kastor in aller Abgeklärtheit aus dem Studio heraus. Die Distanz nimmt er wörtlich: Kein Sportkommentator im deutschen Fernsehen traut sich, Missstände so offen anzusprechen. Wo gerade im Fernsehen Journalisten häufig mit den Objekten ihrer Berichterstattung kungeln, die Nähe zu den Sportlern suchen und sie nicht mit Kritik verärgern wollen, setzt Kastor auf Offenheit. Fehlurteile redet er nicht schön, er prangert den Betrug am Sportler vielmehr an. „Ich mache das nicht bewusst, ich kann einfach nicht aus meiner Haut heraus. Wer bei der Wahrheit bleibt, ist am überzeugendsten“, sagt der promovierte Politologe.

Dass er sich damit dem Unmut der Veranstalter aussetzt, die ein Produkt verkaufen wollen, auch wenn es nicht das hält, was es verspricht, schreckt ihn nicht ab. „Wenn ich in den Augen des Zuschauers nicht ehrlich bin, bist du es auch nicht“, hat er auf die Vorwürfe eines Box-Promoters entgegnet. Auch andere Kommentatoren würden so denken, sagt Kastor: „Aber sie sagen es nicht.“

Er sagt, was er denkt

Kastor dagegen spricht aus, was er denkt. Manchmal mehr, als der Zuschauer hören mag. Er begeistert sich für die leicht bekleideten Mädchen, die während der Pausen auf hochhackigen Schuhen durch den Ring stöckeln und die nächste Runde ankündigen („Da kommt sie wieder im kleinen Schwarzen“), er kritisiert die Leistung der Ringrichter („Flitzpiepe“) und drischt, wenn nötig, auf beide Boxer ein („Der Kampf war katastrophal. Keiner sollte den Sieg bekommen“). Und wenn sein Handy klingelt, wie während eines Kampfes im Februar, na dann geht er eben ran. „Ich kann jetzt nicht. Ich bin mitten in der Übertragung“, wimmelte Kastor seinen Anrufer damals ab.

„Das war ein Fehler, das macht doch kein vernünftiger Mensch“, sagt er rückblickend. Das dürfte sich wohl auch kein anderer Kommentator im deutschen Fernsehen erlauben. Aber Kastor genießt offenbar Narrenfreiheit. Zu Hochform läuft der Kommentator auf, wenn er Kämpfe aus schmucklosen Turnhallen an der englischen Kanalküste kommentieren darf. Wenn sich zwei Malocher im Ring darum prügeln, wer der stärkste Mann in ihrer Stadt ist. Bei Kastor darf es im Ring ruhig etwas härter zur Sache gehen. Der ehrliche Arbeiter im Maschinenraum des Fernsehens mag es derbe.

Der Ostberliner hat als Kind selbst in der DDR geboxt. 1964 jedoch legt er sich mit dem System an. Bei seinem Fluchtversuch wird er von tschechoslowakischen Grenzern verhaftet. Zwei Jahre später kauft ihn die Bundesrepublik frei. Im Land des Kapitalismus versucht sich Werner Kastor als Profiboxer. Von acht Kämpfen kann er, der unter Pseudonym in den Ring steigt, jedoch nur vier gewinnen. „Also habe ich mich für den leichteren Weg entschieden und lieber studiert“, sagt Kastor.

Nach dem Studium heuert er bei der BBC an und berichtet über die DDR. Seit 1971 lebt er in London und Berlin, mittlerweile hat er neben der deutschen auch die britische Staatsangehörigkeit. Seit zwanzig Jahren kommentiert er aus der englischen Hauptstadt und aus dem Studio in Babelsberg heraus für Eurosport – ausschließlich Boxen.

Der Mut mache für ihn den Reiz dieses Sports aus. „Jeder, der in den Ring steigt, braucht Mut. Selbst die größte Pfeife“, sagt Kastor. Nur wenn Frauen boxen, dann will er am liebsten gar nicht kommentieren. Er sieht sie, daraus macht die Stimme des Boxens keinen Hehl, lieber als Nummerngirls.

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