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"Entweder Broder" Beutedeutsche auf Safari

Mit der neuen Serie von Comedy-Politik-Reportagen "Entweder Broder" setzt die ARD auf die Anziehungskraft der Extreme: Der Berufsprovokateur Hendryk M. Broder und der Islamkritiker Hamed Abdel-Samadund reisen mit der Kamera durchs Land. Es verspricht spannend zu werden.

04.11.2010 19:23
Clemens Haustein
Provokateure mit Hund. Henryk M. Broder und Hamed Abdel-Sama reisen für die neue ARD-Serie "Entweder Broder" durch Deutschland. Foto: dapd

Dieses Auto soll ein Symbol sein. Knallbunt, vollgesprüht mit Graffiti-Bildern, Christus neben Bin Laden neben entblößtem Busen neben Davidstern neben Gartenzwerg. Auf dem Dach ein Porträt des Moslemkarikaturisten Westergaard. Drinnen baumeln Plüschtiere von der Decke, Figürchen und Heiligenbildchen bevölkern die Ablage . Nichts ist heilig, alles gehört zur Welt. Eine Vorverurteilung in Gut und Böse soll es hier nicht geben.

Mitten in diesem Kramladen der Weltkulturen sitzen zwei, die sich „Beutedeutsche“ nennen, und die dieses Land nun kennenlernen wollen: Henryk M. Broder, polnischer Jude, Publizist, Berufsprovokateur, und Hamed Abdel-Samad, gebürtiger Ägypter, seit seinem 23.?Lebensjahr in Deutschland, Politikwissenschaftler, Buchautor, Islamkritiker. Ach ja, und Wilma ist auch dabei. Broders Hund, der von seinem Herrchen später auf dem Areal des KZ Dachau ausgeführt wird – während im Hintergrund „What a wonderful world“ läuft.

30 000 Kilometer sind Broder und Abdel-Samad durch Deutschland gefahren, um sich sozusagen an der Basis umzuhören. Sie besuchen Pazifisten, schauen bei der Bundeswehr vorbei, fragen nach Gott und Religion und beackern in den beiden ersten Folgen das Thema Integration. Unaufgeregt, aber hellhörig, ohne den Anspruch, eine Botschaft vermitteln zu wollen, wie Broder sagt. Eine Bestandsaufnahme, die nicht nach der Sensation sucht – und vermutlich gerade deshalb gleichsam im Vorbeigehen Sensationelles einfängt.

Wenn sich Broder und Abdel-Samad in der ersten dieser fünf Comedy-Politik-Reportagen einen Überblick über das Thema Integration verschaffen wollen, gehen sie nach Neukölln. Das verwundert wenig. Allerdings gehen sie nicht in den Berliner Süden, um sich mit türkischstämmigen Jugendlichen zu unterhalten, sondern um bei einer Veranstaltung der NPD aufzukreuzen. Im Gespräch erzählen dann zwei smarte Nationalisten, dass Juden in der Hitlerzeit „benachteiligt“ wurden und dass sie sich selbst nun in Deutschland ähnlich diskriminiert fühlen. Broder und Abdel-Samad halten nicht dagegen.

Manchem mögen da die NPD-Leute zu ungeschoren davonkommen. Aber irgendwie ist das eine Reportage-Art, die in wohltuender Art auf die Urteilskraft des Zuschauers vertraut und ihn nicht bevormunden möchte. Wenn sie sich nach dem Händeschütteln zum Abschied die Hände mit Erfrischungstüchern abwischen, ist das starke Geste genug.

Noch skurriler gerät Broders und Abdel-Samads Integrationsforschung beim Gespräch mit Mitgliedern der „Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Hilfe“, einer Gruppe ehemaliger SED-Funktionäre, Stasi-Mitarbeiter und Grenzschützer, die sich verständlicherweise alles andere als integriert fühlen. Es wirkt wie eine Szene aus einem Michael- Moor-Film, als einer der Gesprächspartner, ein Wirtschaftsprofessor arglos plappernd Maueropfer und S-Bahn-Surfer vergleicht. Er vermute, Chris Gueffroy, der letzte Mauertote, habe eben auch nur einen „Kick“ gesucht. Auch das wird von den beiden so stehen gelassen. Erst danach im Auto, zwischen Kunst-Leopardenfell, Plüschkühen und Buddhafigürchen findet die Aufarbeitung statt. Sarkastisch und mit tiefschwarzem Broder-Humor.

So entsteht ein Bild vom Leben in Deutschland, wie man es so bisher im Fernsehen nicht gesehen hat. Sämtliche Gesprächspartner äußern sich erstaunlich offen vor der Kamera, und schon allein diese Tatsache spricht für das Konzept der Sendung. Dass der Verkäufer in einer türkischen Bäckerei nicht hinter dem Ladentisch hervorkommt und die Interviewer etwa zehn Meter entfernt in ihrer Kaffeetasse rühren: diese Interviewtechnik widerspricht sämtlichen Fernseh-Regeln. Allerdings kommt so ein phänomenal lebendiges Gespräch zustande.

Ärgerlich nur, dass das zu einer Zeit gesendet wird, zu der kein Normalsterblicher mehr den Fernseher anmacht: Sonntagabend, eine halbe Stunde vor Mitternacht. So entsteht der Eindruck, die ARD wollte einen Henryk M. Broder nicht zu prominent platzieren, der sich als „mobile Stele“ verkleidet über das Berliner Holocaust-Mahnmal bewegt.

Entweder Broder – Die Deutschland-Safari, fünf Folgen, sonntags, 23.35?Uhr, ARD

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