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Ende der Spiegel-Kantine Currywurst und Ente süßsauer

Die für ihr schrilles Design berühmte Spiegel-Kantine schließt – und kommt ins Museum.

Das Raumschiff betritt man durch einen langen, öden Gang. Weiße Wände, Klotüren, ein paar Aushänge. Einem Geburtskanal gleich, an dessen Ende warme Farben den Besucher umfangen: Orange, Rot und Lila. Die vorherrschende Form ist die runde, die Lampen sind es, die Tische, allenfalls von der Decke stehen pyramidenförmige Zacken in den Raum hinein. „Planet der Kannibalen“ wurde hier gedreht, ein Science Fiction Film.

Die Menschen, die hierher kommen, essen am liebsten Currywurst mit Pommes Frites, gefolgt von Asia-Ente mit Pflaumensoße, Wokgemüse und Basmati-Reis. Das hat der Aufruf ergeben, zu sagen, was in den letzten Tagen des Raumschiffs serviert werden soll. Denn was wie die Ausstattung eines Pop-Art-Films der 60er-Jahre anmutet, ist die Kantine des Hamburger Spiegel-Verlags, die jetzt, mit dem Umzug in ein neues Gebäude ihrer Auflösung entgegensieht. 1968 wurden die Kantine und die gesamten Redaktionsräume des Verlagshauses vom Designer Verner Panton eingerichtet. Panton, Däne und damals Anfang 40, ließ jeden Stock in einer anderen Regenbogenfarbe streichen und auslegen, in der Kantine arrangierte er ein knalliges Farbspektakel. Er inszenierte den Arbeitsplatz und die Essensausgabe als eine Art Rauschhülle und gab dem Ausdruck, was zum Einzug 1969 die Geister umtrieb: dem Aufbruch in die Moderne, in eine freiere Gesellschaft.

Es war die Zeit, als Schreiben und Alkohol in hochprozentiger Allianz ineinanderflossen, als Frauen vornehmlich als Sekretärin oder Servicekraft das Haus betraten, Augstein zusammen mit Günther Gaus Genscher und Brandt zur sozial-liberalen Koalition überredete und in den Hauseingängen – glaubt man den alten Spiegel-Recken – dem Liebesspiel gehuldigt wurde. Die Zeit, nachdem die Große Koalition Teile der Bevölkerung durch die von ihr verabschiedeten Notstandsgesetze gegen sich aufgebracht hatte, war die Zeit der Mad Men von der Brandstwiete.

Diese Herren wollten bedient werden. Von den Frauen, die die Getränke an den Schreibtisch brachten, durch wilde Partys im hauseigenen Schwimmbad und durch einen Arbeitgeber, der dafür sorgte, das die Kantine Essen auf bestem Restaurantniveau lieferte. Bald stand die Kantine in dem Ruf, die beste Hamburgs zu sein und wenn Rudolf Augstein, dessen Lieblingsspeise Königsberger Klopse waren, die politischen Größen der Zeit empfing, wurde das Essen in seine Räume im zwölften Stock geschafft. Nur an ein Gebot mussten sich fast alle halten: Mittags kein Alkohol. Erst ab 17 Uhr wurde an das gemeine Redakteurswesen Bier ausgeschenkt, Augstein war von dieser Regelung ausgenommen. Verlagsleiter und Geschäftsführer Hans Detlev Becker, der einen Hygiene-Fimmel gehabt haben soll und sich sein Essen in Tupperdosen von zuhause mitbrachte, hatte das Verbot verhängt.
Also erfreuten sich die umliegenden Lokale großer Beliebtheit, der „Kornhauskeller“ wurde „K4“ getauft und während der Gerichtsreporter Gerhard Mauz auf einer Betriebsversammlung in der Kantine, gegen den Suff wetterte, konnten die Mitarbeiter Dank der Vollverglasung beobachten, wie Augstein und die Chefredakteure Erich Böhme und Johannes K. Engel auf das Verlagsgebäude zu wankten.
Teppiche wurden nachgewebt
Seit 2008 stehen die Kantine und die dazugehörige Snackbar unter Denkmalschutz. Schon bei der Renovierung 1998 hatte das Denkmalschutzamt sich gemeldet und dafür gesorgt, dass Pantons psychodelische Traumstation erhalten bleibt. So mussten etwa Teppiche nachgewebt werden. Für die Erweiterung 2006 wurden zudem Stoffe, Leuchten und Stühle nach Originalvorlage gefertigt.
Der Umzug des Verlags aus der Brandstwiete besiegelt nun das Ende eines der letzten aktiv genutzten Gesamtkunstwerke, selbst wenn die Snackbar im 5. Stock des Neubaus wieder aufgebaut wird, einzelne Leuchten im Haus integriert werden und der Rest ins Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe wandert.

Wer in den letzten Tagen das Raumschiff noch einmal betreten wollte, passierte auf dem Weg durch den öden Gang Tafelbilder mit Materialproben. Flauschig weiche Teppichflore neben kratzigen, groben Geweben und Holzmustern. Die neue Kantine wird vom Stuttgarter Designbüro Ippolito Fleitz gestaltet. Hell und großzügig mutet sie auf den ausgestellten Computerbildern an, große Silberlinge glitzern an der Decke, helles Grün steht für Frische, Erholung und sanfte Dynamik. Wie man das so macht, heute.

Auf der „Abbruchparty“ am Montagabend gewann man den Eindruck, der Spiegel bestünde – bis auf drei Ausnahmen – aus lauter jungen Menschen. Die meisten finden es toll, was sie bislang vom neuen Haus und der Kantine gesehen haben. Und sie freuen sich auf das Neue, das jetzt kommt. Das Gefühl von Aufbruch ist im Raum. Das wird vor 42 Jahren nicht anders gewesen sein.

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