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EM TV ARD Scholl Gomez Scholl und die kleine deutsche Fußballwelt

Natürlich darf TV-Experte Mehmet Scholl den deutschen Sieg-Torschützen Mario Gomez mit frechen Sprüchen kritisieren. In Zeiten absurder Experten und Waldis „EM-Club“ ist Scholl noch eine wohltuende Ausnahme.

13.06.2012 17:04
Ralf Mielke
Aktenkundige Qualität: ARD-Experte Mehmet Scholl. Foto: dapd

Um das noch einmal klarzustellen: Das richtig wichtige Duell lautet dieser Tage Niederlande gegen Deutschland und nicht Scholl gegen Gomez. Angesichts der Schlagzeilen vor allem in den Boulevardzeitungen des Landes kann das leicht in Vergessenheit geraten.

Zum Glück überträgt das ZDF die Partie an diesem Mittwoch, da ist Oliver Kahn Experte. Er kann sich, das haben die vergangenen Tage gezeigt, offenkundig besser in die Seele eines Fußballprofis hineinversetzen. Jedenfalls ist von ihm kein Spruch von der Qualität des Scholl’schen „Ich hatte Angst, dass er (Gomez) sich wund liegt“ aktenkundig.

Hat er Scholl umgehauen?

Man könnte sogar sagen, von Kahn ist bisher gar kein Spruch von annähernd Scholl’scher Qualität aktenkundig.

Wenn man das überhaupt sagen kann, ohne in den Verdacht zu geraten, den Torwart-Titan verächtlich zu machen. Er kommt ja sehr sympathisch rüber dort oben auf der kleinen Bühne am Ostseestrand. Im Übrigen hat der Autor dieser Zeilen nichts gegen Oliver Kahn. Das ist überhaupt nicht der Fall. Er ist Fan der Fußballübertragungen des ZDF, und Kahn ist ein Teil von ihnen.

Scholl gegen Gomez, TV-Experte gegen Siegtorschütze, Ex-Bayer gegen Wahl-Münchener: Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell eine mikroskopisch kleine Kleinigkeit tagelang die Medien in Atem hält, wenn sie sich mit der schönsten Hauptsache der Welt („Tagesthemen“-Moderator Tom Buhrow) befasst – und die Bild-Zeitung einen Aufmacher draus macht.

Kleinliche deutsche Fußballwelt

Und das Blatt weiß natürlich, wie es die Sache am Köcheln hält. Am Dienstag titelte es: „Fliegt Gomez aus der Elf?“ Wieso, hat er Mehmet Scholl eine runtergehauen?, fragte sich der Leser ebenso unweigerlich wie irregeleitet. Oder einen von Scholls hübschen V-Ausschnitt-Pullovern zerrissen? Natürlich nicht. Gomez-Konkurrent Klose ist einfach wieder fit.

Im Sportteil schlachtete die Bild-Zeitung dann noch genüsslich aus, was Mario Gomez auf der Pressekonferenz tags zuvor ausgeplaudert hat: dass Scholl ihm, Gomez, auf dem Oktoberfest gesagt habe, dass er, Scholl, wisse, dass er, Gomez, ihn, Scholl, für ein ... (womöglich A...loch?) halte.

Ganz schön kompliziert, die kleine deutsche Fußballwelt, und noch dazu ganz schön kleinlich – jedenfalls dann, wenn man sie durch die Augen von Boulevardsportjournalisten betrachtet.

Denn passiert ist ja eigentlich nichts, zumindest dann nicht, wenn man unter „es ist etwas passiert“ ein für die Beteiligten relevantes Ereignis versteht mit unmittelbaren Auswirkungen und Folgen.

Kahn ist nicht so gut wie Scholl

Dieser Fall liegt ja so: Ein Stürmer hat seinen Job gemacht und ein Tor erzielt, was für einen Stürmer ein großes Plus ist. Ein ARD-Experte hat ebenfalls seinen Job gemacht. Er hat die Spielqualität der deutschen Mannschaft analysiert und dabei die Leistung besagten Stürmers kritisiert, manche sagen: zu recht. Er hat seine Kritik in einen lustigen Spruch verpackt, was für einen Fernsehexperten ein großes Plus ist. Oliver Kahn, der von Katrin Müller-Hohenstein außerdem immer Olli genannt wird, ist darin nicht so gut, bei aller ehrlich gemeinten Sympathie.

Um Sympathien ging es einem anderen Fernsehexperten nie. Scholls Vorgänger Günter Netzer begleitete das deutsche Nationalteam jahrelang mit einer zur Kunstform herausgebildeten und schließlich Grimme-Preis prämierten Griesgrämigkeit. Sein größter Erfolg war die Mist-Dreck-Rede des damaligen Bundestrainers Rudi Völler. Auszubaden hatte Netzers scharfe Kritik an der Nationalmannschaft Waldemar Hartmann, der seitdem auch als Weißbier-Waldi bekannt ist.

Bei dieser Europameisterschaft sitzt Hartmann nach den deutschen Spielen wie gewohnt in seinem „EM-Club“, um mit echten, angeblichen und vermeintlichen Experten die Partien zu kommentieren. Um Analyse geht es kaum, dafür umso mehr ums Spaßhaben.

Einer seiner Gäste ist stets der Komiker Matze Knop, der den Kaiser so gut nachahmen kann und seit neustem auch Jogi Löw im Angebot hat samt lustiger Frisur. Das Prinzip Fernsehfußballexperte führt sich so endgültig ad absurdum.

Telegenes Auftreten ist erlernbar

Das Experten-Prinzip hat ja nicht nur im Fußball um sich gegriffen. An jeder Skipiste, vor jeder Sprungschanze, auf jedem Tenniscourt steht inzwischen mindestens ein Experte neben den Fernsehmoderatoren. Sender schmücken sich mit den großen Namen einstiger Topsportler, denen sie mühsam telegenes Auftreten beibringen.

Doch wozu braucht es dann noch Kommentatoren und Moderatoren, deren Aufgabe es eigentlich ist, die Ereignisse auf dem Sportplatz zu deuten? Jedenfalls wäre das ein großes Plus für sie. Doch ein typischer Dialog zwischen ihnen bei einer EM-Übertragung hört sich ja so an: „Es war ein verdienter Eins-zu-null-Sieg der Mannschaft aus ... damit zurück nach Deutschland“ (Kommentator im Stadion) – „Eins zu null für die Mannschaft aus ...! Olli (Mehmet), kann man sagen, dass es ein verdienter Sieg war?“ (Moderator im Studio). Aber genau das hat der Kollege doch gerade getan!

Den Sportjournalisten im Fernsehen wirft man oft eine zu große Nähe zu den Sportlern vor, ihre Anbiederei und Kumpelei.

Hoffentlich lässt sich Mehmet Scholl die kleinen Respektlosigkeiten durch die geschürte Aufregung um seine Kritik an Gomez nicht nehmen.

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