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Digitalkanäle Wie ARD und ZDF Geld verbrennen

Während die "Tagesthemen" jeden Auftritt wie einen Staatsbesuch inszenieren, sind die Digitalkanäle von ARD und ZDF entspannt und authentisch. Das Problem: Es schaut kaum einer zu.

25.06.2012 16:52
Ernst Elitz
Wackelt der Tisch? Klopft es? Das versucht Charlotte Roche (hier mit Jorge Gonzalez von GNTM) in ihrer Talkshow herauszufinden. Foto: imago

Erst mal geht es um die Frage: Hebt sich der Tisch? Gibt es Klopfgeräusche? Wir sind nicht auf einer spiritistischen Sitzung, sondern beim Digitalkanal ZDFneo. „Roche und Böhmermann“ servieren ihren Talkgästen zur Begrüßung ein Döschen Viagra; und die in dieser Hinsicht einschlägig interessierte Frau Roche drängt nun darauf zu erfahren, wie sich der Penisheber auf die Statik des Studiotischs auswirkt. Jugend forscht.

Die sechs Digitalkanäle von ARD und ZDF sind seit 2010 auf Sendung, auch um der Jugend, die „öffentlich-rechtlich“ für eine Beilage zum Seniorenteller hält, ein neues Fernsehzuhause zu bieten: schnell, witzig, informativ.

Bei „Roche und Böhmermann“ reicht ein runder Tisch, um die Gäste zum Reden zu bringen. Günter Jauch braucht dafür eine Gasanstalt. Und zwischen den Weinreben am Mainzer Lerchenberg, sendet das ZDF die Heute-Nachrichten aus einem Weltraumbahnhof, in dem ein paar Wichtelmänner verzweifelt den Notausgang suchen. Psychologisch gesehen bemisst sich das Ego von ARD und ZDF am Raumprogramm von Kathedralen.

Innovative Projekte bleiben in der Sparte

Gehen die „Tagesthemen“ vor Ort, wird der Außenauftritt der Präsentatoren wie ein Staatsbesuch zelebriert. Entsprechend steifnackig ist das Programm. Es geht auch anders. In den Digitalkanälen mischt sich der Moderator, vornehmlich die Moderatorin, mit der Wackelkamera unter die Menschen, freut sich mit ihnen, ist begeistert, berührt. Fernsehen lebt, ist entspannt und authentisch.

ARD und ZDF haben von dieser Frischluftkur kaum profitiert. Innovativen Projekte wie das Politmagazins „Bambule“ (ZDFneo), „Kulturpalast“ (ZDFkultur) oder „in.puncto“ (ARD Plus) blieb die Übernahme in die Hauptprogrammen verwehrt. Wo kämen wir denn da hin?, blockiert die Anti-Frischluft-Fraktion: Das haben wir noch nie so gemacht.

Trotz der von den Ministerpräsidenten verordneten Programmvermehrung hat sich das Image der Öffentlich-Rechtlichen kaum bis gar nicht verschoben. Die Medienpolitiker pochen zwar auf einen publikumsstrategischen Durchbruch, aber die ARD-Intendanten, die sich heute in Schwerin versammeln, sind untereinander verzankt. Das macht muffig und nicht kreativ.

Mangel an Ideen

Im Grunde weiß jeder: Sechs Digitalkanäle, die kaum einer guckt, weil sie zu 80 Prozent nur Wiederholungen abspulen, sind rausgeschmissenes Geld. Es stimmt, wenn die ARD-Vorsitzende Monika Piel verkündet, für einen eigenen Jugendkanal habe die ARD nicht genügend Gebührengeld. Aber es stimmt nur, weil die beiden großen Systeme sich nicht dazu durchringen können, alles, was im Sammelsurium ihrer Digitalkanäle ein junges Publikum ansprechen könnte, auf einem Kanal zu bündeln.

Nur ein von ARD und ZDF gemeinsam verantwortetes Jugendprogramm kann Profil gewinnen und Publikum binden. Stoff gibt es genug – trotz Gebührengejammer. Doch dazu braucht man Mumm und nicht versammelte Mutlosigkeit.

Bei der ARD herrscht Markenpiraterie statt Programmstrategie. Die Umbenennung von ARD Extra in Tagesschau24 läuft unter „Imagetransfer“, aber enttäuscht durch einen gefährlichen Mangel an eigenen Ideen. Das Abspulen von „Tagesschau“-Sendungen aus dem Internet ist kein Informationsprogramm, das erklärt, kommentiert und Hintergrund bietet. Dabei verfügen ARD und ZDF – wenn sie ihr lähmendes Prinzip „Jeder macht seins“ über Bord werfen könnten – über ein grandioses Potential für einen Nachrichtenkanal nach dem Vorbild von CNN.

Davon könnte auch die Deutsche Welle profitieren, die inzwischen mehr spart als sendet. Gegen das zu erwartende Protestgeschrei von n-tv und N24 ist schon im Vorfeld der vermittelnde Einsatz der Ministerpräsidenten gefragt.

Weiter: Zu viel Konkurrenz sorgt für Quotenkeller

Bleiben von sechs Digitalprogrammen also noch zwei: ein Jugend- und ein Informationskanal. Das reicht, denn auch der kulturverliebte Zuschauer braucht nicht drei konkurrierende Kulturprogramme – Arte, 3Sat und ZDFkultur – die sich gegenseitig die Zuschauer abspenstig machen. Das endet für alle im Quotenkeller.

Was immer noch fehlt, ist ein Ausstellungsplatz für die Königsdisziplin des Fernsehjournalismus – die politische Dokumentation. Zwar nennt Phoenix sich auch „Dokumentationskanal“, aber es ist nur eine Nachspielstation für die Meisterstücke, die ARD und ZDF häufig auf gruseligen Sendeplätzen versenken.

Dokumentationen wie „Der Frühling der Piraten“ über Anspruch und Wirklichkeit der jungen Partei oder die „Liga der Milliardäre“ über das Fußballgeschäft in der Ukraine – Beispiele aus den vergangenen Tagen – gehören ins Schaufenster des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zwischen 20.15 und 22.00 Uhr. Als Premierenkanal für Dokumentationen könnte Phoenix zum Markenartikel im Supermarkt der Medien werden und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk von dem häufigen Vorwurf entlasten, den besten Journalismus nur zur Geisterstunde zu pflegen.

Gefährlicher Knacks

Die ARD rühmt sich zwar, einen durchgehenden Sendeplatz für die „Tagesthemen“ gefunden zu haben. Wer’s glaubt, wird selig. Der unumstößliche 22.15-Uhr-Platz gilt nur die halbe Woche von Montag bis Donnerstag, nicht an Feiertagen, nicht bei Fußball, Karneval und anderen Volksbelustigungen, überschlägig gerechnet also nur für das halbe Jahr. Da bekommt die Grundversorgung mit Information einen gefährlichen Knacks.

Ein fester Termin für die „Tagesthemen“ an 365 Tagen im Jahr auf Phoenix oder einen neuen Informationskanal wäre profilbildend für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und hätte einen hohen Zuschauernutzen. Für das Erste bekommt die ARD das auch in den nächsten 20 Jahren nicht hin.

Und zum Schluss: Wackelt der Tisch nun? Oder klopft es? Den Öffentlich-Rechtlichen steht das Experiment noch bevor.

Ernst Elitz war „heute-journal“-Moderator, Fernsehchefredakteur und Gründungsintendant des Deutschlandradios. Er lehrt an der FU Berlin Kultur- und Medienmanagement.

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