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Der Spiegel Spiegels neues Zuhause

Der Spiegel-Verlag ist in einen Glaspalast in der Hamburger Hafencity umgezogen. Das neue Haus beeindruckt mit den Ausmaßen einer Konzernzentrale - und mit Altbekanntem im Obergeschoss.

28.10.2011 20:58
Ulrike Simon
Das neue Spiegel-Haus in der Hafencity Foto: Der Spiegel

Wenn sich am 7. November die Großen aus Politik, Wirtschaft und Kultur und fast die gesamte Medienbranche an der Ericusspitze in der Hafencity versammelt, um den Spiegel-Neubau zu feiern, könnte es im Atrium eng werden. So aber wirkt diese 670 Quadratmeter umfassende Leere einschüchternd. Der Blick wandert die 52 Meter hoch bis zum Glasdach über dem 13. Stockwerk. Ging man früher zur Brandstwiete, wusste man, man geht zum Spiegel, dem gedruckten Magazin, das in einem mittelständischen Verlag in Hamburg erscheint. Daran, dass das Manager Magazin im schwarzen IBM-Gebäude dahinter ebenso wie Spiegel Online auf der anderen Seite der Willy-Brandt-Straße und Spiegel TV ein paar Hundert Meter weiter, im Chilehaus, ebenfalls zur Spiegel-Gruppe gehören, dachte man nicht. Jetzt aber fühlt man sich in diesem von Brücken und Treppen durchzogenen Glaspalast wie in einem Konzern. Einem, der seine 1100 Mitarbeiter unter einem Dach vereinen wollte.

Schon stellt sich die Frage: wie lange noch? Ganz oben drängen sich 85 der 125 Online-Redakteure im Großraumbüro. In den vergangenen Monaten wurden 15 neue eingestellt, das Wachstum dürfte anhalten und schon jetzt ist man an die räumlichen Grenzen gelangt. Mittendrin steht Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron und sagt, die Frage nach einem Ausbau habe er Verlagsleiter Matthias Schmolz schon gestellt. Schmolz steht daneben und sagt, eine Antwort darauf habe er nicht.

Es wird schon wieder eng

Spiegel Online wächst, wie das gesamte Digitalgeschäft der Gruppe, dynamisch. Im Gegensatz zu Spiegel TV, das einen weiteren Rückschlag erleidet und das Jahr mit roten Zahlen abschließen wird. Wegen der Einstellung von „Kerner“ bei Sat.1 stehen Entlassungen an. Die meisten der 40 Mitarbeiter, die beim Tochterunternehmen Spiegel TV Infotainment beschäftigt sind (und an dem Kerner mit 12 Prozent beteiligt ist), werden gehen müssen, und das, nachdem schon das Aus für die Oliver-Pocher-Sendung und der Wegfall von ZDF-Serien zu Kündigungen, Umsatz- und Gewinneinbußen geführt hatten. Unterm Strich bewegen sich der Gesamtumsatz mit 325 Millionen Euro und die erneut zweistellige Rendite auf beruhigendem Niveau, wobei Geschäftsführer Ove Saffe als Folge einer sich möglicherweise zuspitzenden Wirtschaftskrise 2012 Erlösrückgänge fürchtet.

Doch zurück zum Spiegel-Neubau, den sich der Bauherr und Vermieter Robert Vogel geschätzte 110 Millionen Euro kosten ließ: Hat man sich mit der Opulenz des Atriums abgefunden, nimmt man rechts vom Eingang die an der Wand hängende, in Metall gefasste Unterschrift von Rudolf Augstein wahr, darüber sein Zitat: „Sagen was ist.“ Es ist der einzige Hinweis auf den Spiegel-Gründer. Kein Bild, auch sonst keine Form der Heldenverehrung, nur dieser Satz „Sagen was ist“, den er 1961 schrieb, in einer Titelgeschichte über Franz Josef Strauß, mit dem Zusatz: „Das ist die einzige Möglichkeit für den Journalisten, die Welt zu verändern.“ 1961 war das, damals saß der 1947 in Hannover gegründete Spiegel im Pressehaus am Speersort, wo heute Die Zeit und Brand Eins zu finden sind. Erst 1969 zog der Spiegel in das Hochhaus an der Brandstwiete, das von Georg Mascolos Chefbüro im zwölften Stock aus klein und schäbig wirkt. Dies umso mehr im Vergleich zur Elbphilharmonie auf der West-Seite, wobei Mascolo sich beeindruckter zeigt von den Sonnenuntergängen, die er seit dem Umzug Ende September erlebt hat.

Die alte Kantine

Und dann ist da noch die alte Spiegel-Kantine, die mit ihren roten, orangefarbenen und lila Quadern, Kugeln und Pyramiden immer ganz schwindelig machte und dafür geliebt wurde. Sie einfach so ins neue Gebäude zu verpflanzen, wäre eine Vergewaltigung ihres Gestalters, Verner Panton, gewesen, sagt Peter Ippolito. Der Architekt hat immerhin einen Teil als Snackbar in den fünften Stock hinübergerettet. Die neue Kantine im Erdgeschoss dagegen ist hell, an der Decke hängen Tausende, löchrig-schimmernde Silbertaler, die den Geräuschpegel dämmen. Im Sommer sollen die Spiegel-Mitarbeiter auch draußen auf dem Vorplatz bedient werden.

Auch sonst hat sich der Arbeitsalltag verändert. Alles ist einsehbar, es gibt kein Verstecken mehr, wer sich zu lange nicht bewegt, bei dem schaltet sich das Licht von selber aus. Dafür lassen sich in dem nach ökologischen Maßstäben konzipierten Haus, das über Geothermie temperiert wird, die Fenster öffnen, was im alten Gebäude, von dem keiner weiß, was aus ihm wird, unmöglich war. Und noch etwas hat sich geändert. Die Dokumentation, bisher im Flachbau neben dem Spiegel, wurde auseinandergerissen und den Ressorts zugeordnet auf mehrere Etagen verteilt. Alles funktional also, ohne Wildwuchs. Der aber fehlt noch, um von einem lebendigen Haus zu reden.

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