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Der Freitag New Kids on the Blog

Die Wochenzeitung Freitag drückt auf die Reset-Taste und startet als Meinungsmedium neu. Von Harry Nutt

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Triumvirat für den Freitag: Philip Grassmann, Jakob Augstein, Jörn Kabisch. Foto: Der Freitag

Adriane und Katrin sind dabei. Hellblau unterlegt erscheinen ihre Beiträge als Blogkommentar. Aus der freitag.de/community hervorgegangen, stehen ihre Texte nun in der Printausgabe des neu gestalteten Freitag, der die Unterzeile Ost-West-Wochenzeitung abgelegt hat und als Meinungsmedium reüssiert. Relaunch mag man nicht nennen, was der neue Verleger Jakob Augstein, sein Chefredakteur Philip Grassmann und die rund 20-köpfige Redaktion am Donnerstag an den Kiosk gebracht haben.

Die branchenüblichen Grenzen zwischen Redaktion, Leserschaft und Netz-Gemeinschaft sollen durchlässiger gemacht werden. Die Kiosk-Ausgabe ist so gesehen nur das zwischenzeitlich materialisierte Produkt eines Meinungsaustauschs in permanenter Bewegung. "Wir sitzen sozusagen mit unseren Lesern im Kreis", sagt Augstein, der das einstige DDR-Intelligenzblatt vor gut einem halben Jahr gekauft hat. "Wir erzählen ihnen etwas. Das ist unser Job. Das können wir als Journalisten. Aber dann hören wir ihnen zu. Und dann arbeiten wir weiter."

Journalisten werden zu Informationsmanagern. So heißt das im Konzept-Jargon, dem zufolge der Freitag als vollständig integrierte Medienmarke daherkommen soll, "deren Print- und Online-Auftritt eng miteinander verzahnt sind". Das Crossover zwischen Internet und bedrucktem Papier als basisdemokratisch orientierte Professionalisierungsstrategie. Adriane und Katrin bekommen übrigens Geld. Für ihre gedruckten Blog-Beiträge erhalten sie ein Honorar wie andere freie Autoren auch.

Der Freitag hat sich keineswegs einer Komplettoperation unterzogen. Graphisch ist der Relaunch beinahe behutsam ausgefallen. Stammleser dürften sich schnell zurechtfinden und treffen auf bewährte Autoren. Georg Seeßlen, eigenwilliges Urgestein der deutschen Filmpublizistik, schreibt den Aufmacher zur Berlinale, und der ungarische Schriftsteller György Dalos erinnert sich an seinen Wechsel von Budapest nach Wien in den achtziger Jahren. Ein Glanzstück der ersten Ausgabe ist ferner ein Porträt der Schauspielerin Tilda Swinton, die in diesem Jahr die Berlinale-Jury leitet. Der Text ist eine Übernahme aus der englischen Zeitungen Guardian, mit der der Freitag eine enge Kooperation eingegangen ist. Vernetzung ist auch auf verlegerischer Seite das Gebot der Stunde.

Für Jakob Augstein (41) war die Entscheidung, den Freitag zu übernehmen, ein mutig-trotziger Schritt. Als Sohn des legendären Zeitungsgründers Rudolf Augstein und Mitgesellschafter des Spiegel war er es schließlich leid, sich weiter in den Hamburger Machtkampf um den Spiegel zu verstricken.

Als Mitstreiter holte er sich Philip Grassmann, einen früheren Weggefährten von der Süddeutschen Zeitung, um sich am Hegelplatz 1, in Nachbarschaft zur Berliner Humboldt-Universität, seinen Reim auf den journalistischen Strukturwandel zu machen. Geblieben ist ein Großteil der alten Freitag-Redaktion, neu hinzu gekommen sind anerkannte Kollegen, zum Beispiel von der taz.

Der Zeitungsmix ist eigensinnig und sympathisch. An die Stelle aufdringlicher Journalistennähe zur Politik setzt man bevorzugt die Alltagsperspektive. Wie sieht die Kapitalismuskritik nun auf der Straße aus? Das Wochenthema widmet sich dem zunehmenden Einfluss des Internet auf die Politik. Im Vergleich zur tragenden Rolle der Netzwerker in den USA sieht Freitag-Autor Jens Berger hierzulande Defizite. "Das Netz will partizipieren, kann es aber nicht. Das deutsche Politiksystem ist nicht internetkompatibel", lautet das apodiktische Urteil. Damit sich das ändert, gibt es nun den neuen Freitag. Dass die elektronische Revolution noch einmal von einem Produkt der Print-Publizistik aus gedacht wird, ist die gute Botschaft an diesem Freitag.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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