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Der Fall Relotius Haltung als Stilmittel

Bei der Frage nach der Glaubwürdigkeit des Journalismus ist nicht das Genre entscheidend.

Alte Zeitungswerbung Unter den Linden
Glanz verloren: Alte Zeitungswerbung, sichtbar geworden beim Abriss eines Hauses in Berlin. Foto: epd

Wenn Ingenieure die Abgasmessung an Dieselautos manipulieren, schreiben darüber nicht Ingenieure, sondern Journalisten. Wenn Journalisten Fakten fälschen, schreiben darüber: Journalisten. Und wie selbstverständlich besteht die Kommission, die beim „Spiegel“ die Affäre um den Reporter Claas Relotius aufklären soll, aus einer Journalistin und zwei Journalisten. Eine Branche kontrolliert sich selbst.

Dafür gibt es gute Gründe, aber ein Dilemma ist es auch. Einerseits liegt es auf der Hand, dass der demokratische Staat gegenüber der Presse, die bekanntlich sein Handeln zu kontrollieren hat, auf Einflussnahme und Kontrolle weitgehend verzichtet (auch wenn er sich in der Praxis nicht immer daran hält). Professionelle, unabhängige Recherche sowie fundierte Berichterstattung und Kommentierung bilden schließlich die Voraussetzung für öffentliche Debatten, die mehr sind als der Austausch vorgefertigter Weltbilder ohne „störende“ Fakten. Das gilt in Zeiten der „sozialen“ Medien erst recht.

Andererseits folgt daraus: Wie bei keiner anderen Branche hängt die Glaubwürdigkeit der Medien vom Funktionieren ihrer Selbstkontrolle ab. Der Journalismus ist darauf angewiesen, beweisen zu können, dass er seriös arbeitet.

Das ist es, was Fälschungsskandalen wie demjenigen beim „Spiegel“ Bedeutung verleiht, weit über den Fall Relotius hinaus. Und weit hinaus auch über das Genre der Reportage (siehe FR vom 4. Januar). Deshalb greift auch der ansonsten versierte Medienkritiker Stefan Niggemeier zu kurz, wenn er betont, „wie sehr gerade das Geschichten-Erzählen ein Problem in diesem Fall ist“. Im Titel zu diesem Text geht Niggemeiers Blog „Über Medien“ sogar noch weiter und bedient sich der journalistischen Vereinfachung in einer Weise, die er bei anderen sicher sofort aufspießen würde: „Der ,Spiegel‘ und die gefährliche Kultur des Geschichten-Erzählens“.

Nein, das Fälschungsrisiko beschränkt sich nicht auf „Geschichten“, mit denen hier offensichtlich die szenisch ausgeschmückte Reportage gemeint ist, also die „szenische Rekonstruktion“, wie „Spiegel“-Reporter Dirk Kurbjuweit sie nennt. Es hat schon etwas Diskriminierendes gegenüber seriösen Reportern, wenn nun ihrem Genre eine quasi automatische Anfälligkeit für Fälschung und Lüge unterstellt wird. Zudem aber läuft diese Fixierung auf eine fragwürdige Entlastung anderer journalistischer Formen hinaus.

Über die Glaubwürdigkeit des Journalismus entscheidet nicht das Genre, sondern – um es mit einem umkämpften Begriff zu sagen – die Haltung. Nicht im Sinne vorgefertigter Ideologie, sehr wohl aber in Form kritischer Distanz zum Gegenstand der Berichterstattung. Und daran hapert es nicht nur bei der Reportage, vielleicht nicht einmal am meisten bei ihr.

Georg Restle, der Chef des WDR-Magazins „Monitor“, hat schon im Sommer vergangenen Jahres das Wort „Geschichte“ problematisiert, allerdings in ganz anderer Weise, als die jetzt aus dem Boden schießenden Kritiker der Reportage das tun. „Professionelle PR-Abteilungen und Spin-Doktoren haben ihre Versionen der Wirklichkeit längst im Netz der Welt verbreitet, bevor Journalisten sich daranmachen können, die Spreu vom Weizen zu trennen“, schrieb Restle. „Dabei geht es meist gar nicht so sehr um Fakt oder Fake, sondern um die Geschichten, die uns da erzählt werden und die wir weitererzählen sollen.“

Risiko des Politikjournalismus

Man sollte Restle nicht so missverstehen, als hielte er Journalistinnen und Journalisten für ferngesteuerte Erfüllungsgehilfen externer Meinungsvorgaben. Er verweist vielmehr auf ein Risiko, das vor allem den Politikjournalismus täglich begleitet: im täglichen Umgang mit den politischen Protagonisten die Distanz zu den Personen im Regierungs- und Parlamentsbetrieb sowie zu deren Denkroutinen zu verlieren. Das ist etwas anderes, als Fakten zu fälschen oder zu erfinden. Aber es droht der Glaubwürdigkeit des Journalismus nicht weniger zu schaden als ein Extremfall wie Claas Relotius.

Vor allem die Boulevard-Techniken der Personalisierung und der Emotionalisierung haben längst gefährliche Spuren hinterlassen, und zwar über die Genregrenzen hinaus. Und auch diese Stilmittel stehen für einen Journalismus, der „Geschichten“ erzählt, statt der Wirklichkeit hinter Personen und Gefühlen auf die Spur zu kommen.

Bernd Ulrich, Ressortleiter Politik und stellvertretender Chefredakteur der „Zeit“, hat dafür im Jahr 2016 ein lange Zeit unübertroffenes Beispiel geliefert. In einem Text über Angela Merkel schrieb er: „Als die politisch wenig versierte Physikerin vor fast drei Jahrzehnten vom eingemotteten DDR-Sozialismus direkt in die gesamtdeutsche Spitzenpolitik geschleudert wurde, fehlte es ihr vollständig an der Härte eines Helmut Kohl, Oskar Lafontaine oder eben einer Maggie Thatcher. Sie war oft unsicher, einmal weinte sie im Kabinett, einmal in einer Zeitungsredaktion, später im Auto. So ist es überliefert.“

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