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Champions League Kommentatoren Es wird viel gebrüllt

Der deutsche Fußball hat an Niveau gewonnen, die Berichterstattung bei ARD und ZDF hinkt hinterher: Béla Réthy und Marcel Reif kommentieren das Finale der Champions League – gibt es denn keinen Nachwuchs am Mikro?

25.05.2013 17:20
Marcus Bäcker
Einen „Zauberer“ nannte ihn Franz Beckenbauer, und er meinte das nicht als Kompliment: Marcel Reif. Foto: sky

Der deutsche Fußball hat an Niveau gewonnen, die Berichterstattung bei ARD und ZDF hinkt hinterher: Béla Réthy und Marcel Reif kommentieren das Finale der Champions League – gibt es denn keinen Nachwuchs am Mikro?

Heutzutage wäre man beim ZDF wahrscheinlich froh, wenn einer ihrer Fußballkommentatoren als „Zauberer“ verspottet werden würde. Was allen voran Béla Réthy während der Champions-League-Übertragungen in den sozialen Netzwerken über sich ergehen lassen musste, war deutlich schmerzhafter. „Da ist Lahm! Da ist Robben! Da ist der Pfosten! Da ist die Guillotine! Da ist der Kopf von Béla Réthy!“, twitterte etwa ein „Herr Doktor“ ebenso blutrünstig wie entnervt.

Es war ein tatsächlich heftiger Shitstorm, der im Netz tobte. Doch auch das ZDF meldete sich bei Twitter zu Wort. „Er ist der Beste!“, nahm der Sender seinen Kommentator in Schutz und scheint seinen eigenen Worten im Übrigen durchaus zu glauben: Das Champions-League-Finale wird kein anderer kommentieren als – Béla Réthy.

Tweets über "#uclfinal"

Zumindest im ZDF ist das so. Wer sich indes für die Alternative, den Bezahlsender Sky, entscheidet, bekommt es just mit dem Mann zu tun, den Franz Beckenbauer 1985 im „Aktuellen Sportstudio“ indigniert als „Zauberer“ verschmähte: Marcel Reif. Der Bitte des Kaisers, den damaligen Nachwuchsmann des ZDF vom Fußballgeschehen ab sofort fernzuhalten, wurde bekanntlich nicht entsprochen. Reif blieb, wechselte später erst zu RTL und dann zum Bezahlfernsehen, erhielt den Grimme- und den Deutschen Fernsehpreis und polarisiert auch 28 Jahre nach dem Zauberer-Eklat immer noch ganz furchtbar: Die einen rühmen seinen Fußballsachverstand und seine originellen Formulierungen, die anderen beschimpfen ihn als eitel, selbstverliebt und geschwätzig. Unbestritten ist: Reifs Art, ein Spiel zu lesen und das Publikum an seinen Erkenntnissen teilhaben zu lassen, hat einige Sky-Kollegen beeinflusst, und zwar nicht die schlechtesten. Generell kommt er deutlich besser weg als Béla Réthy.

Sehnsucht nach Taktikanalysen

Und welcher Nachwuchskommentator der öffentlich-rechtlichen Sender wäre nicht froh, von einer Fußballlichtgestalt à la Beckenbauer überhaupt wahrgenommen zu werden?

Tatsächlich muss man sich mittlerweile sogar fragen, ob es überhaupt Kommentatorennachwuchs bei ARD und ZDF gibt. Wer zuletzt mit einem unverwechselbaren Profil und profunden Spielanalysen auf sich aufmerksam gemacht hat? Gute Frage. In der „Sportschau“ scheint sich die Steffen-Simon-Schule durchgesetzt zu haben, es wird sehr viel gebrüllt. Es ist auch durchaus schon passiert, dass vom Kommentator öffentlich bedauert wurde, wenn ein Stürmer ein Tor nicht schoss oder es vom Schiedsrichter nicht gegeben wurde. Journalistische Objektivität? Ach, geh weg. Der Zuschauer erwartet Emotionen, „ein Feuerwerk am Po“, wie Béla Réthy aus Turin zu berichten wusste. Zumindest glaubt man das bei den Sendern wohl.

Andererseits scheint die Sehnsucht vieler Fußballfans nach kenntnisreichen Taktikanalysen nicht ganz unbemerkt geblieben zu sein. Im „Aktuellen Sportstudio“ gibt es deshalb jetzt einen, sagen wir mal, sehr pointierten Blick auf die taktischen Feinheiten des Abendspiels. Bei der Champions League hat man das Analytische direkt ins Internet abgeschoben und lässt das Anspruchsvolle von den Kollegen der Website spielverlagerung.de erledigen. Die eigenen Mitarbeiten haben offenbar anderes zu tun – oder sind vielleicht auch nicht entsprechend ausgebildet worden.

„Bloß nicht überfordern“

Und so erfährt der Zuschauer von den Kommentatoren zumeist nur das Offensichtliche, wenn überhaupt. Am letzten Spieltag der vergangenen Bundesligasaison wurde ein und dieselbe Szene in der ARD als nicht elfmeterwürdig und im ZDF als klarer Elfmeter gewertet – trotz aller technischen Hilfsmittel. Besonders ärgerlich wird es bei Live-Übertragungen, wenn eine Zeitlupe unübersehbar offenbart, dass der vermeintliche Fachmann falsch lag, und dieser keine Anstalten macht, seinen Fehler zu korrigieren. Er bleibt einfach bei seiner Meinung. Ein Einzelfall? Ganz und gar nicht.

So geht es offensichtlich weiter darum, wer am emotionalsten kommentieren, am hingebungsvollsten „Tor“ brüllen, die besonders menschelnden Geschichten abseits des eigentlichen Spiels ausbreiten kann. Auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hält man die Zuschauer ja gerne mal für eher simpel gestrickt. „Bloß nicht überfordern“, lautet die Devise. Der deutsche Fußball hat an Niveau gewonnen, die Berichterstattung bei ARD und ZDF hinkt hinterher. Ein Götze, Müller oder Reus wurde beim Kommentatorennachwuchs bislang noch nicht gesichtet. Ein Zauberer leider auch nicht.

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