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Bild und die Affäre Wulff Preiswürdig oder unseriöse Kampagne?

Die Jury für den Henri-Nannen-Preis muss prüfen, wie viel eigene Recherche in der nominierten Bild-Geschichte über Christian Wulff steckt.

07.05.2012 11:18
Ulrike Simon
Ex-Bundespräsident Christian Wulff mit Frau Bettina beim Bundespresseball im November 2011. Foto: dapd

Für die Bild-Zeitung wäre es natürlich die Krönung. Erst die Festspiele zum 100. Geburtstag ihres Gründers Axel Springer, im Juni die Feier zum 60-jährigen Bestehen – und vorher noch, an diesem Freitag, der Henri-Nannen-Preis für die beste investigative Leistung des Jahres. Tatsächlich ist das Blatt wegen seiner Berichterstattung, an deren Ende Christian Wulff als Bundespräsident zurückgetreten ist, eine von drei Nominierten. Womöglich malen sich die Bild-Redakteure Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch schon aus, wie es wäre, auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses zu stehen und von der versammelten Medienbranche Applaus zu bekommen.

Für manchen ist diese Vorstellung ein Gräuel. Die Grünen-Politikerin und ehemalige Vizepräsidentin des Bundestags, Antje Vollmer, schrieb zum Beispiel in dieser Zeitung, dass sich da „etwas in der Architektonik der öffentlichen Meinungsbildung verschoben“ habe. Es sei ein Alarmsignal, ja, ein Politikum, dass eine pseudojournalistische Kampagne eines unseriösen Mediums als auszeichnungswürdig angesehen werde. In dieselbe Richtung geht eine von der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung finanzierte Studie „Bild und Wulff – ziemlich beste Partner“.

Noch ist es nicht soweit mit dem Preis. Zwar hat die Vorjury die Bild-Berichterstattung über die Wulff-Affäre als eine von sechs preisverdächtigen Arbeiten ausgewählt – wegen ihrer Fallhöhe, wie zu hören ist. Richtig ist auch, dass die Hauptjury den Bild-Beitrag neben einem Spiegel-Artikel und einer Artikelserie der Süddeutschen Zeitung (SZ) unter die letzten drei Nominierten gewählt hat – dem Vernehmen nach nicht zuletzt auf Betreiben von Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo. Wer am Ende als Sieger den Preis erhalten wird, entscheidet die Hauptjury aber erst am Tag vor der Verleihung. Journalistisch wie formal gibt es Gründe, dass die Entscheidung nicht zugunsten von Bild ausgeht.

Stern und Bild blieben dran

Der formale Grund: Die Nachricht, die letztlich zu staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und zu Wulffs Rücktritt geführt hat, dass nämlich der Produzent David Groenewold das Hotel für Wulffs Sylt-Urlaub bezahlt haben soll, erschien im Februar dieses Jahres, also nach dem Stichtag für den diesjährigen Henri-Nannen-Preis. Ähnlich ging es im vergangenen Jahr der SZ. Da ihre Enthüllung der „Formel-1-Affäre“ auf den 3. Januar 2011 datiert, blitzte sie 2011 bei der Jury ab, ist dafür aber in diesem Jahr nominiert. Die andere relevante Nachricht in der Affäre Wulff, jene nämlich, die das Ganze überhaupt erst ins Rollen gebracht hat, wurde zwar bereits am 13. Dezember und ebenfalls von Bild exklusiv gemeldet. Hier stellt sich jedoch die Frage, wie viel journalistische Eigenleistung hinter dieser Enthüllung steckt. Denn die Information, wer der Kreditgeber für Wulffs Hauskauf war, erhielt Bild am 6. Dezember 2011, und zwar direkt aus dem Bundespräsidialamt, was auch als Glücksfall gewertet werden kann. Dem vorausgegangen war die erfolgreiche Klage des Spiegels auf Einsicht in das Grundbuch der Wulff-Immobilie. Allerdings gab der Spiegel auf, nachdem aus dem Eintrag nicht hervorgegangen war, wer denn nun den Kredit für den Hauskauf gewährt hatte. Das Magazin Stern und die Bild-Zeitung blieben dran.

Als beide den Namen Geerkens hatten, konnte Bild die Chance nutzen, als Erste zu melden, dass Wulff seinerzeit womöglich bei einer Anfrage der Grünen das niedersächsische Parlament getäuscht hat: zum einen wegen des wöchentlichen Erscheinungsrhythmus des Stern, zum anderen wegen des Umstands, dass der Stern-Chefredakteur den geplanten Artikel zunächst nicht erscheinen ließ, um Details nachrecherchieren zu lassen.
Zurück zur Frage, wie viel Eigenleistung in der Bild-Enthüllung im Vergleich etwa zur ebenfalls nominierten Artikelserie über die „Formel-1-Affäre“ steckt. Mehr als 20 Seiten umfasst das „Making of“, in dem die SZ dokumentiert, gegen welche Widerstände die Reporter anzukämpfen hatten, während Bild für das „Making of“ der Wulff-Berichterstattung gerade einmal anderthalb Seiten braucht. Das alles wird die Hauptjury diskutieren und dabei abwägen müssen, woran sie eine investigative Leistung misst: an journalistischen Kriterien oder an der Außenwirkung einer Recherche.

Zerstrittene Jury

Vor einem Jahr war es der Spiegel, der beim Henri-Nannen-Preis für Furore gesorgt hat. Der Grund war ein Porträt über Horst Seehofer von René Pfister. Er hatte detailliert die Modelleisenbahn in Seehofers Keller beschrieben, kannte sie aber nur vom Hörensagen, ohne dies entsprechend zu kennzeichnen. Der Preis wurde Pfister nachträglich aberkannt, die Jury zerstritt sich. Vor zwei Jahren war es wiederum Bild mit einem Kunduz-Bericht, den die Jury nicht für preiswürdig erachtete. Ausschlaggebend waren Zweifel an der Rechercheleistung . Seither gilt: Arbeiten in der Kategorie Investigation sind mitsamt Entstehungsgeschichte einzureichen. Die Preisvergabe jedenfalls dürfte auch in diesem Jahr reichlich Gesprächsstoff für die anschließende Feier bieten.

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