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Aserbaidschan nach dem ESC Die Kameras sind weg, die Albträume bleiben

Der Fall der Journalistin Khadija Ismayilova zeigt: Trotz des Eurovision Song Contest hat sich in Aserbaidschan wenig verbessert. Die Karawane ist weitergezogen und hat Baku schon fast vergessen.

01.08.2012 17:19
Elmar Kraushaar
Kritisch: Khadija Ismayilova. Foto: dapd/Joern Haufe

Die Karawane ist weitergezogen. Veranstalter, Journalisten und Fans haben längst Malmö im Blick, den Austragungsort für den Eurovision Song Contest 2013. Baku ist fast schon vergessen. Dabei hatte der letzte ESC in der aserbaidschanischen Hauptstadt wochenlang für Schlagzeilen gesorgt, negative vor allem. Menschenrechtsverletzungen, Korruption, keine freie Presse – damit hatte Ministerpräsident Ilham Aliyev nicht gerechnet, der Unsummen bezahlte, um mit einem spektakulären Festival das Image seines Landes aufzubessern.

„Diese Imageschlacht hat er verloren“, sagt Khadija Ismayilova. Die regimekritische Journalistin aus Baku weiß, wovon sie redet. Mit ihren Reportagen für Radio Liberty hat sie dafür gesorgt, dass Informationen ins Land kamen, die in den ansonsten gleichgeschalteten Medien nicht zu erfahren waren.

Alle Fäden in einer Hand

„Der ESC war die Show einer einzigen Familie, der Familie Aliyev. Sie hielten alle Fäden in der Hand.“ Dabei hätten sich, erzählt Ismayilova weiter, die Menschen so sehr über den Gewinn des ESC gefreut: „Sie hatten so wenige Siege zu feiern in ihrer jüngsten Geschichte.“ Aber jetzt, wo alles vorbei ist, bekämen sie erst eine Ahnung davon, wie teuer die ganze Show war, und wie wenig sie davon gehabt haben: „Die Vorbereitungen, die Durchführung – alles war monopolisiert, zentralisiert. Damit Geld verdient hat nur der Aliyev-Clan, den Menschen wurde nicht einmal die Gelegenheit gegeben, auch etwas davon zu haben.“

Hat sich überhaupt etwas geändert, seitdem die internationalen Medien abgerückt sind? Ismayilovas Antwort bei einem Besuch in Berlin ist deutlich: „Nein, überhaupt nichts. Die Drohungen gegen Menschenrechtsaktivisten und unliebsame Journalisten gehen weiter, die Einschüchterungsversuche, die Verhaftungen.“ Der prominenteste Fall ist der des Journalisten und Menschenrechtlers Hilal Mammadow. Der 52-Jährige ist seit dem 21. Juni in Haft, zunächst wurde ihm Drogenbesitz zur Last gelegt, jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen Spionage im Auftrag Irans. Mammadow ist Chefredakteur von Tolishi Sado, einer in der Minderheitensprache Talisch erscheinenden Tageszeitung. „Außerdem“, erzählt Ismayilova, „hatte er kurz vor seiner Verhaftung ein Rap-Video mit dem Titel ,Wer bist du, geh schon, fort mit dir’ auf Youtube hochgeladen. Der Clip wurde millionenfach geklickt und von der russischen Opposition genutzt, um Putin anzugreifen.“

Khadija Ismayilova wurde selbst zum Opfer von Einschüchterungen. Ihr Fall erregte weltweites Aufsehen im März dieses Jahres. Man hatte versucht, sie mit intimen Fotos und einem Sex-Video zu erpressen. In ihre Wohnung war eingebrochen worden, überall wurden Kameras installiert, und sie wurde bei jeder Gelegenheit gefilmt, auch beim Sex mit ihrem Freund. Man werde sie „extrem bloßstellen“, sollte sie ihre journalistische Arbeit nicht einstellen, lautete die Drohung. Ismayilova blieb hart, einige Tage später kursierte ein kompromittierendes Video im Netz.

Natürlich hat die Journalistin auch Anzeige gegen Unbekannt erstattet, aber ihr Vertrauen in die heimische Justiz ist gleich Null. „Als ich ihnen für ihre Untersuchungen die Adressen meiner Familie und Freunde gab, haben sie die umgehend veröffentlicht, um auch ihnen zu schaden.“ Jetzt hofft sie auf den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg, falls in Baku die Ermittlungen im Sande verlaufen.

Leibwächter an ihrer Seite

„Mir gefällt es überhaupt nicht, in eigener Sache unterwegs zu sein, schließlich bin ich Journalistin und eigentlich Anwalt für die Probleme anderer“, sagt die Journalistin. Aber so wie sie derzeit lebt, kann ihr Leben nicht weitergehen. „Mein Alltag hat sich dramatisch verändert.“ Sie habe Albträume, wache ständig auf und sehe überall nur Kameras. „Ich habe überhaupt kein Privatleben mehr, ein Leibwächter ist ständig an meiner Seite, mir könnte ja was passieren, das dann als Selbstmord dargestellt wird. Aber ich bin nicht selbstmordgefährdet, den Gefallen tue ich ihnen nicht.“

Trotz aller widrigen Umstände setzt die 35-Jährige ihre journalistische Arbeit fort so gut es geht. „Sie haben mich in den intimsten Momenten gezeigt – was können sie noch zeigen?“ Und fährt fort: „Je mehr sie dir genommen haben, um so weniger hast du zu verlieren.“

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