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ARD-Thriller Unter Nachbarn Ein Freund, ein falscher Freund

Zwischen Fahrerflucht und Liebe: "Unter Nachbarn" ist ein spannender ARD-Psychothriller mit Charly Hübner. Darsteller und Regisseur liefern hier zuweilen großes Kino ab.

30.05.2012 18:22
Klaudia Wick
Gerettet: Vanessa (P. Schmidt-Schaller), David (M. Mehmet) Foto: SWR

Zwischen Fahrerflucht und Liebe: "Unter Nachbarn" ist ein spannender ARD-Psychothriller mit Charly Hübner. Darsteller und Regisseur liefern hier zuweilen großes Kino ab.

Sein Auto fährt noch mit Berliner Kennzeichen, seine Lust auf Kaninchenzüchtervereine ist eher begrenzt. Dennoch ist David gerne in die Provinz gezogen. Die Südwestpresse hat dem jungen Journalisten die Chance einer Festanstellung gegeben, ein Freund seines Vaters überlässt dem Neuankömmling generös seinen verwaisten 70er-Jahre-Vorstadt-Bungalow. Gleich am ersten freien Abend lernt David seinen neuen Nachbarn Robert kennen. Ein ruhiger netter, hilfsbereiter Typ, der beim Aufbau der Ikea-Schränke mit anpackt. Kann man mehr Glück haben?

Nur eine erste Station

Durchaus könnte man mehr Glück haben. Denn was sich so harmlos anlässt, ist der Beginn einer verhängnisvollen Begegnung. Was David (Maxim Mehmet) nicht sieht: Robert ist ein vereinsamter Mensch, der für eine Freundschaft viel – vielleicht sogar alles! – geben würde. Was Robert (Charly Hübner) nicht ahnt: Für David ist Robert nur ein Zufall, ein Übergang, eine erste Station. Der kontaktfreudige Journalist hat nicht vor, diesen ersten Feierabend-Begegnungen allzu viele folgen zu lassen. Denn David ist der Typ mit den vielen Optionen. Robert ist der Nachbar voller unerfüllter Sehnsüchte. Kann es komplizierter sein?

Durchaus. Das Drehbuch von Silja Clemens und Stephan Rick braucht nicht lange, um aus der Zufallsbekanntschaft eine Schicksalsgemeinschaft zu formen: Um sich für die tatkräftige Hilfe zu bedanken, schlägt David einen Kneipenabend vor. Im nahe gelegenen Club trinken sie ein paar Biere zu viel und steigen dann doch wieder in Davids Auto ein. Es folgt das Unvermeidliche: Eine dunkle Landstraße, ein unbedachter Moment, ein dumpfer Knall, ein totes Mädchen.

Was nun passiert, muss der Zuschauer glauben können, damit der Film seine Zwangsläufigkeit entwickeln kann. Robert überredet David, der gefahren ist, zur Fahrerflucht. Die Argumente sind die üblichen, aber das Motiv ist ein Besonderes: Robert wird David aus dem Schlamassel helfen und ihn so an sich binden. Er wird den Wagen verschwinden lassen, das Alibi bereitstellen, die Schuldgefühle zerstreuen. Und er wird David im Gegenzug mit seiner freundschaftlichen Umarmung einengen, einschnüren, schließlich ersticken. Als David das bemerkt, ist es längst zu spät.

Charly Hübner spielt Robert großartig doppelbödig: Er gibt ihn mit großer Freundlichkeit und doch ist einem dieser Nachbar gleich unheimlich. Aus dieser hinter Spießigkeit kaum verhohlenen Abgründigkeit bezieht der Film viel Spannung. Maxim Mehmet nimmt sich im Dienst dieser Dynamik oft zurück, phasenweise wirkt er wie das Opfer, das sich im Spinnengeflecht heillos verheddert. Je mehr er um sich schlägt, desto schlimmer wird es. Aber diese Dramaturgie ist es nicht allein: Stephan Rick inszeniert seinen Film auch mit gutem Gespür für das Erzähltempo. Manches bleibt Skizze, anderes wird früh genüsslich auserzählt.

„Unter Nachbarn“ ist Ricks erster abendfüllender Spielfilm als Regisseur, weswegen die Kino-Koproduktion in der Debütredaktion des SWR entstand. Aber Ricks Film ist kein klassisches Erstlingswerk, als Autor und Regisseur zum Beispiel der Kinderserie „Allein gegen die Zeit“ hat er sich schon Regiepraxis aneignen können. Sehr souverän bedient er sich eines Filmstoffes, der so ähnlich auch schon von Christian Petzold in „Wolfsburg“ und von Max Färberböck in „Jenseits“ erzählt wurde: Nach der Fahrerflucht verliebt sich der Fahrer in eine Angehörige seines Opfers. Der Schuld steht nun die Liebe gegenüber. Kann es dramatischer zugehen?

Zuweilen großes Kino

„Das mit dir und dieser Frau ist vorbei!“, bestimmt Robert, als er von Davids Affäre mit der Schwester des toten Mädchens erfährt. Aus dem Nachbarn, der eigentlich kein Freund werden sollte, ist nun ein Schatten geworden, der nicht mehr weichen will. Darsteller und Regisseur haben hier zuweilen großes Kino abgeliefert, auch die Autoren haben viel Energie darauf verwendet, alles Handeln ihrer Figuren und jede Wendung des Psychothrillers genau zu begründen, damit das Geschehen für den Zuschauer jederzeit glaubhaft bleibt. Diese Didaktik macht „Unter Nachbarn“ fürs Erste primetimefähig, erstickt freilich in einigen Szenen auch ein wenig das Kino im Kopf.

Unter Nachbarn, Mittwoch, 30. Mai um 20.15 Uhr, ARD

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