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ARD-Serie Die „Lindenstraße“ verabschiedet sich

Mit der „Lindenstraße“ soll es nach Jahrzehnten zu Ende gehen. Einst sorgte die TV-Serie mit aktuellen Themen für Furore, doch zum Schluss ging sie zwischen der Konkurrenz unter.

Lindenstraße
Ein Bild aus frühen Tagen: Familie Beimer, hier noch unzertrennlich. Foto: WDR/dpa

Erst die Kanzlerin, jetzt die „Lindenstraße“. Deutschland verliert seine Konstanten. Irgendwie reagierte am Freitag jeder auf die Nachricht, dass die ARD-Serie eingestellt wird. Es ging von „Habe ich nie geguckt, aber ist trotzdem schade“ bis zu echter Trauer und der Frage, wie man diese merkwürdige Zeitspanne am Sonntagabend, wo das Wochenende zum letzten Mal aufglüht, nun künftig füllen soll.

Die „Lindenstraße“ hat unser Leben begleitet. Kinder wurden geboren, Menschen starben – zuletzt Vater Hans Beimer (ob Joachim Luger, der auf eigenen Wunsch ausschied, schon etwas vom Ende geahnt hatte?), Ehen wurden geschieden, zu Silvester auf der Straße getanzt. Und Til Schweiger machte nach seinem frühen Ausstieg Karriere.

Das griechische Lokal wurde komplett renoviert, und Familien zogen innerhalb der Straße um. Wir haben Kinder aufwachsen sehen, zum Beispiel Moritz A. Sachs als Klausi Beimer, der von der ersten Folge an dabei ist. Sachs (und damit auch Klausi) nahm zuletzt 34 Kilogramm ab – und viele Menschen nahmen Anteil, als wäre er ein Verwandter.

Zugegeben: Schon länger wurde über die Einstellung der Sendung gemunkelt, aber immer wieder von offizieller Seite dementiert. Dass nun ganz offen Kostengründe und schwache Einschaltquoten als Begründung für die Einstellung genannt werden, ist schon überraschend. Vor allem, wenn die ARD-Verantwortlichen die Serie eine „Ikone“ nennen. Wer schafft schon freiwillig eine Ikone ab? Und das auch noch bei den Öffentlich-Rechtlichen, die doch einen Auftrag haben?

Natürlich hat die Serie im Laufe der Jahrzehnte an Bedeutung verloren. In den ersten Jahren machte die „Lindenstraße“ noch Furore, wenn sie aktuelle Themen aufgriff. 1988 etwa, als CSU-Politiker Peter Gauweiler forderte, das Bundesseuchengesetz auf Aids-Kranke anzuwenden. Serienfigur Chris Barnsteg (Darstellerin Stephanie Mühle ist längst verstorben) sagte damals: „Gauweiler und Co. – das sind doch alles Faschisten!“

Unvergessen auch die ersten homosexuellen Küsse in einer deutschen Vorabendserie. Das war 1987 und dann noch einmal 1990. An beiden war Georg Uecker als Carsten Flöter beteiligt. Er gehört immer noch zum festen Ensemble.

Für Schlagzeilen und „Ehebrecher“-Vorwürfe gegen Darsteller Joachim Luger führte die Trennung von Ehefrau Helga Beimer (Marie-Luise Marjan) Ende der Achtziger. Das Auseinanderbrechen der scheinbar so heilen, klassischen Familie mit Mutter, Vater und Kindern schockte viele Zuschauer. Doch im Grunde war es das ewige Thema der Serie: der Kampf um die Familie, um die Beziehung, die Möglichkeit des Scheiterns und des Neuanfangs.

Aktuelle Themen wurden auch später immer wieder in die Handlung eingebaut, doch Moscheebau, Flüchtlingsdramen und Samenraub schlugen keine großen Wellen – sondern gingen im Meer der immer größer und lauter werdenden TV-Konkurrenz unter.

Dabei war gerade in den vergangenen Jahren noch einmal ein Qualitätssprung zu verspüren, vielleicht durch die Übernahme der Leitung durch Hana Geißendörfer, der Tochter von „Lindenstraßen“-Erfinder Hans W. Geißendörfer. Es gab bessere Schauspielleistungen und bessere Geschichten.

Es hat aber alles nichts genützt. Was wird nun aus den Darstellern, deren Gesichter untrennbar mit der Serie verbunden sind? Hans Beimer hat sich schon in die Bühnenarbeit gerettet, Klausi Beimer ist Regieassistent, Helga Beimer spielt eine kurze Gastrolle in „Rote Rosen“. Die „Lindenstraße“ sei ein „Spiegelbild der Geschichte und Entwicklung unserer Republik“, so die ARD. Bis 2020 haben wir noch Zeit, Abschied zu nehmen von den Nachbarn in der „Lindenstraße“. Die Kanzlerin will noch etwas länger bleiben.

Steht die Frage im Raum, was dann kommt und was aus der 150 Meter langen Außenkulisse und den 100 000 Requisiten der „Lindenstraße“ auf dem WDR-Gelände in Köln-Bocklemünd wird. Vielleicht ein Museum für deutsche Konstanten.

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