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ARD-Film "In aller Stille" Die Angst vor der Angst

Es geht um die ganz alltägliche Gewalt an Kindern, und um die Frage, wie so etwas anfängt. Die Antwort nach neunzig Minuten Film ist ernüchternd. Es braucht nicht viel. „In aller Stille“ ist ein großartiger Film von Regisseur Rainer Kaufmann mit einer großartigen Nina Kunzendorf

03.11.2010 14:06
Björn Wirth
Polizistin Anja Amberger (Nina Kunzendorf). Foto: ERika Bauri/BR

Die Angst vor der Angst„In aller Stille“ ist ein großartiger Film über die alltägliche Gewalt an KindernVon

Die Mutter steht mit dem Kind beim Bäcker, um ein Brot und vier Stück Apfelstrudel zu holen. Das Kind will aber unbedingt ein Marzipanschwein, jetzt und unbedingt. „Gib endlich Ruhe“, sagt die Mutter, „bitte, bitte“, sagt der Sohn und quengelt umso heftiger. So geht das noch eine Weile weiter, bis die Mutter endlich nachgibt. „Und noch ein Marzipanschwein bitte.“ Draußen vor dem Laden schüttelt die Mutter das Kind. „Ich kann es nicht leiden, wenn du so bist“, schreit sie es an.

An dieser Stelle ist der Film gerade einmal eine Viertelstunde alt und hat sein Thema dennoch schon deutlich ausgebreitet. Es geht um die ganz alltägliche Gewalt an Kindern, und um die Frage, wie so etwas anfängt. Die Antwort nach neunzig Minuten Film ist ernüchternd. Es braucht nicht viel. „In aller Stille“ heißt dieser großartige Film von Regisseur Rainer Kaufmann mit einer großartigen Nina Kunzendorf und weiteren großartigen Schauspielern.

Anja (Nina Kunzendorf) ist Polizistin irgendwo in Bayern. Eines Nachts wird sie mit ihrem Kollegen (Maximilian Brückner) zu einer Familie gerufen. Die Nachbarin (Johanna Bittenbinder) hat beobachtet, wie ein kleines Kind stundenlang in der Kälte im Garten vor dem Haus stehen musste. Nur ein paar Minuten, sagt der Vater. Er ist eben ein bisschen streng, sagt seine Frau. Na und? Wenig später ist der Dreijährige verschwunden.

In diesem Film von Rainer Kaufmann sind alle Beteiligten nicht unbedingt in bester seelischer Verfassung, nicht nur die Familie mit dem verschwundenen Sohn. Im Kindergarten sind sie überfordert, weil unterbesetzt, und auch die Kommissarin beherrscht ihre Aggressivität nur einigermaßen. Auf der Arbeit zu viel Arbeit, zu Hause läuft die Scheidung, die Tochter pubertiert, der Sohn nervt beim Bäcker und anderswo. Da rutscht einer schon mal die Hand aus.

Außerdem schleppt diese Anja ein ähnliches Schicksal aus der eigenen Kindheit mit sich herum. Die Eltern waren streng und mit den Erziehungsmethoden nicht eben zimperlich, noch heute ist das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter alles andere als herzlich. Diese emotionalen Defizite versucht die Kommissarin mit Härte gegen sich und andere zu kompensieren und macht dabei auch vor der eigenen Familie nicht Halt. Dabei ist es vor allem die Angst vor der Angst, die sie verfolgt.

„In aller Stille“ verströmt von der ersten Sekunde an eine beunruhigende, verstörende Atmosphäre. Diese beklemmende Grundstimmung wird von der Kamera verstärkt, sie geht jede Bewegung mit, zoomt heran und entfernt sich wieder und gönnt dem Zuschauer bis zum bitteren Ende keinen Moment der Erholung. Regisseur Rainer Kaufmann kennt ebenfalls keine Gnade. Er lässt die Schauspieler konsequent bayerisch reden, was zumindest dem nichtbayerischen Publikum ein Höchstmaß an Konzentration abverlangt. Zudem inszeniert er den Film mit vielen Leerstellen, hier wird nicht alles in Bild und Ton erklärt, hier muss der Zuschauer für sich mit- und weiterdenken.

Das ist in Fernsehzeiten wie diesen natürlich eine Zumutung. Dieser Film lässt sich nicht bei Knabberwerk von der Couch aus wegsehen, er bietet am Ende zwar eine Lösung, Erlösung aber gibt es nicht. Quote bringt so etwas nur selten, aber das muss und kann die ARD aushalten. Und zum Ausgleich winkt gewiss ein Grimme-Preis. Schon, weil Nina Kunzendorf mitspielt.

In aller Stille, 20.15 Uhr, ARD

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