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„2030 – Aufstand der Jungen“ Düstere Zeiten

Anschaulich inszenierte Trostlosigkeit: Der ZDF-Film „2030 – Aufstand der Jungen“ spielt das Leben in der Zukunft vor, handwerklich interessant, aber phasenweise etwas spröde anzusehen.

10.01.2011 22:14
Klaudia Wick
Das ZDF sieht die Zukunft trotz neuer Rundfunkgebühren-Pauschale düster. Foto: ZDF

Wohlfühlfernsehen ist das nicht. Weshalb sich das ZDF von dem, was es selbst mit dem Etikett „Demografie-Krimi“ versehen hat, auch keinen Publikumszuspruch im Pilcher-Format erhofft. Ganz im Sinne des Programmauftrags informiert es über die finanzielle Notlage, in der sich das Gesellschaftssystem seit langem befindet: Die wenigen Jungen zahlen für die Versorgung der vielen Alten, werden selbst aber nicht mehr von der nächsten Generation aufgefangen. Den ersten Teil dieses düsteren Gedanken hatte vor knapp vier Jahren bereits „2030 – Aufstand der Alten“ durchgespielt: Der Staat hat in naher Zukunft die Gesundheitsversorgung privatisiert und lässt zu, dass die Generation der Baby-Boomer in billigen Drittwelt-Oasen dem Tod entgegensiecht.

Nun also wird das Ganze noch einmal aus der Perspektive der Jungen durchgespielt: Tim Burdenski (Barnaby Metschurat) ist eines von zehn Milleniumsbabys, die das ZDF seit ihrer Geburt am 1. Januar 2000 in einer populären Dokusoap bei ihrem Weg ins Leben beobachtet. Eines Tages bricht der smarte Tim auf dem Berliner Gendarmenmarkt zusammen und stirbt wenig später im städtischen Krankenhaus an den Folgen einer Schusswunde. Ganz Fernsehdeutschland trauert um den netten Familienvater, nur seine Jugendfreundin Sophie glaubt nicht an Tims Tod. Gemeinsam mit der Journalistin Lena Bach (Bettina Zimmermann), die seinerzeit schon den Pflegenotstand in „2030 – Aufstand der Alten“ aufdeckte, macht sich Sophie (Lavinia Wilson) auf die Suche nach einem Toten – und findet in dem Berliner Ghetto „Höllenberg“ eine ganze Armada von Kranken und Armen, die sich dem übermächtigen finanziellen Druck ihrer Krankenversicherungen entzogen haben, indem sie in die Illegalität abgetaucht sind.

Wie schon im Dreiteiler über die Alten basieren die dramatischen und dramaturgischen Überlegungen von „2030“ auf statistischen Daten über die demografische Lage Deutschlands und ihren erwartbaren Auswirkungen auf die Sozialsysteme. Was bedeutet es, wenn es in Zukunft doppelt so viele Sechzigjährige wie Sechsjährige gibt? Was wird aus den ehemals bürgerlichen Wohnquartieren, wenn dort nur noch arme Alte wohnen? Wie entstehen neue Parameter für ein Schulsystems, das Bildung für alle nicht bezahlen kann? Wie wird sich die Genforschung auf das Krankenkassensystem auswirken? Kurz: Ist das Schicksal eines Kindes aufgrund der finanziellen Lage seiner Eltern und der Determinierung durch den Gencode für immer festgelegt?

„2030“ zeichnet das Bild einer geschlossenen Gesellschaft. Der Einzelne ist gefangen in einem Netz aus digitalen Überwachungssystemen und ökonomischen Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Man muss dieser anschaulich inszenierten Trostlosigkeit lange zusehen, bevor in die Welt von „2030“ so etwas wie ein anarchistischer Hoffnungsschimmer einzieht. Manchmal spürt man die Kraftanstrengung des Autors und Regisseurs Jörg Lühdorff, den Spannungsbogen über diese Agonie hinweg ausreichend straff zu halten. Dabei setzt Lühdorff in der Inszenierung vor allem auf technische Spielereien: die Überwachungskameras erzählen in der fiktiven Dokumentation, was nachts auf dem Gendarmenmarkt und später in der Notaufnahme geschah. Ausschnitte aus der vermeintlichen Langzeitdokumentation über die Milleniumskinder ermöglichen weitere Rückblicke in die Vergangenheit. Das alles ist auf der handwerklichen Ebene interessant anzusehen, wirkt aber phasenweise etwas spröde. Denn auch die Heldin Sophie wird von ihrer Darstellerin Lavinia Wilson nicht gerade als emotionales Wärmezentrum des Film verstanden. Der Einzige, der lächelnd mit seinen rehbraunen Knopfaugen in die Kamera schauen darf, ist Barnaby Metschurat als verschollene Tim. Und der ist ja leider tot. Oder etwa doch nicht?

2030 – Aufstand der Jungen, 11.01.11, 20.15 Uhr, ZDF

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