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Navid Kermani „Stoppt den Islamischen Staat!“

Wenn die westliche Wertgemeinschaft die Terroristen des "Islamischen Staats" aufhalten will, muss sie die Gegner unterstützen.

15.08.2014 10:37
Von Navid Kermani
Jesiden überqueren die Grenze nach Syrien. Foto: rtr

Dass die Weltgemeinschaft – nein, nicht nur die Amerikaner – den drohenden Genozid an Christen, Jesiden und anderen religiösen Minderheiten verhindern muss, scheint sich in diesen Tagen als ein zivilisatorischer Konsens herauszukristallisieren. Sowohl die amerikanische als auch die iranische Regierung liefern Waffen an die Kurden, die sich gegen den „Islamischen Staat“ stemmen, und die Erzfeinde unterstützen auch gemeinsam den designierten Premierminister Haider al-Abadi bei seinem Versuch, in Bagdad endlich eine überkonfessionelle Regierung zu bilden.

Die europäische Außenpolitik hat sich überraschend umstandslos aus den Fesseln ihrer notorischen Uneinigkeit befreit, indem sie sich selbst für bedeutungslos erklärte und den nationalen Regierungen freie Hand gab, einzugreifen oder nicht oder nur ein bisschen. In Deutschland sind sich grundverschiedene Politiker wie Gregor Gysi, Cem Özdemir und Elmar Brok einig, dass die Gegner des „Islamischen Staates“ militärische Unterstützung benötigen, wohlgemerkt auch aus Deutschland.

Dabei waren ausgerechnet die Grünen, die mit der Friedensbewegung entstanden sind, die erste Partei, die die amerikanischen Luftanschläge auf Stellungen des „Islamischen Staates“ ausdrücklich begrüßte – und zwar mit dem bemerkenswert selbstreflexiven Hinweis, dass man Terroristen nicht auf Jogamatten und in Gesprächsrunden besiegen könne, sondern „so, wie es die Amerikaner machen“.

Es gibt Gründe zu hoffen, dass die Weltgemeinschaft noch rechtzeitig genug eingreift, um humanitäre Korridore für die Flüchtlinge zu schaffen und den Fall der kurdischen Städte wie Erbil, die zu Zufluchtsstätten der verfolgten Minderheiten geworden sind, zu verhindern. Aber reicht das?

Nein, das kann nur der Anfang sein. Mit amerikanischen Luftanschlägen und Waffenlieferungen an die Kurden wird man die Offensive des „Islamischen Staates“ bremsen, womöglich aufhalten können – eine Millionenstadt wie Mossul wird man damit nicht befreien. Weder die künftige Regierung im Irak noch die Weltgemeinschaft dürfen sich damit abfinden, dass eine Terrorgruppe von hochgeschätzt zwanzigtausend Mann ein Gebiet von der Größe der Bundesrepublik beherrscht, es ethnisch und religiös brutal säubert, auch die eigene, verbliebene Bevölkerung tyrannisiert und demnächst, mit größeren Erfolgsaussichten als in Kurdistan, dauerhaft in die sunnitischen Gebiete im Norden des Libanon eindringt und mit Tripoli eine weitere Großstadt einnimmt. Dann würde von den Grenzen Irans bis an die Küste des Mittelmeers eine Pol-pot-Version des Islams herrschen.

Dass zur Zeit die nationalstaatliche Ordnung des Nahen Osten gesprengt wird, könnte, ja müsste Europa vielleicht noch hinnehmen – ist sie doch so willkürlich im 20. Jahrhundert entstanden, dass eine Neuordnung nicht zwingend schlechter sein muss. Nicht hinnehmbar ist für kein mitfühlendes Herz, dass eine einzelne Terrorgruppe wie der „Islamische Staat“ das fragile und doch so wertvolle, zivilisatorisch so reiche Gebilde unterschiedlichster Ethnien, Religionen und Sprachen vernichtet, das sich am östlichen Mittelmeer über viele tausend Jahre relativ kontinuierlich herausgebildet hat.

Der Kampf gegen einen solchen, sich islamisch begründenden Extremismus darf nicht von Amerika allein geführt werden oder von christlichen Ländern, die sich um ihre Glaubensgeschwister zu Recht sorgen. Dieser Kampf muss ein Kampf gerade der islamischen Staaten, aber auch ihrer Theologen, ihrer Intellektuellen, der Muslime insgesamt sein. Ihre eigene Tradition ist es, die von den Dschihadisten zugunsten einer imaginierten, historisch, dogmatisch und vor allem auch menschlich völlig unhaltbaren Urgeschichte für obsolet erklärt wird.

Keine andere Weltreligion verdankt dem unmittelbaren Austausch mit den Theologen, Übersetzern, Philosophen, Literaten und Wissenschaftler anderer Religionen und Völker mehr als der Islam, der in seiner formativen Zeit noch keineswegs die Mehrheitsreligion im Orient war. Seine geistige und kulturelle Blüte war niemals nur seine eigene, sondern die Blüte auch anderer, älterer Traditionen, die der Islam in seinen besten Zeiten absorbiert hat, statt sie zu verfemen.

Speziell die arabische Welt hat schon den Exodus ihrer Juden nach der Gründung des Staates Israels kulturell nie kompensieren können. Würden nun auch die übrigen Minderheiten, allen voran die Christen verschwinden oder ihre Existenz sich auf einzelnen Enklaven beschränken, wäre der Orient zivilisatorisch so ausgedörrt wie die Wüste, aus der seine Propheten kamen.

Was jetzt zu geschehen droht oder bereits geschieht, in diesen Tagen des Sommers 2014, kann in seinen Dimensionen und Auswirkungen für den Nahen Osten nur mit den Dimensionen und Auswirkungen verglichen werden, die der Erste Weltkrieg für Europa hatte – der noch größere, noch unheilvollere Folgekrieg nicht ausgeschlossen. Auch für Europa, das sich mit noch so hochgerüsteten Grenzregimen von seinem unmittelbaren Nachbarn nicht wird abschotten können, wären die Folgen spürbar, für jeden einzelnen Bürger, seinen Wohlstand, seine Sicherheit, seine Toleranz, für das Zusammenleben der unterschiedlichen Völker und Kulturen in den europäischen Städten.

Was also ist zu tun? Wer das jetzt schon genau zu wissen vorgibt, der schwindelt. Die Lage ist derart verworren, die einzelnen Konfliktherde schon so lange ineinander übergegangen, die Fronten so sehr ineinander verkeilt und die zurückliegenden, nicht mehr gutzumachenden Fehler nicht nur der amerikanischen Nahostpolitik derart massiv, dass man parallel zu der humanitären Hilfe und dem aktuellen, unumgänglichen Militäreinsatz erst einmal beginnen müsste, die verschiedenen Fäden zu entwirren, die sich zu einem biblischen Verhängnis verknotet haben.

Das Stichwort einer KSZE, das Außenminister Frank-Walter Steinmeier in die Diskussion geworfen hat, deutet schon die Dimension an, in der der Nahe Osten allein noch befriedet werden könnte. Der Irak und mehr noch Syrien müssen überhaupt erst wieder Staaten werden, die den Namen verdienen, sie müssen flächendeckend eine minimale Versorgung gewährleisten, wenigstens Ansätze von Rechtsstaatlichkeit erkennen lassen und nicht zuletzt in der Armee alle Konfessionen und Ethnien repräsentieren, um gegen fanatisierte, vielfach aus dem Ausland stammende Marodeure zu bestehen, die als Rächer einer einzelnen, unterdrückten Bevölkerungsgruppe auftreten.

Man wird Terroristen nicht mit Jogamatten unterm Arm besiegen. Aber wenn wenigstens diejenigen Staaten, die in den Konflikt direkt verwickelt sind, sich auf ihr gemeinsames Interesse an Stabilität besännen, wäre gegen zwanzigtausend noch so gnadenlose Kämpfer durchaus etwas auszurichten: die Vereinigten Staaten mit ihrem verheerenden Einmarsch in den Irak und ihrem leider ebenfalls falschen, weil verfrühten Abmarsch; Iran mit seiner schiitischen Klientelpolitik, die die sunnitische Bevölkerung ins Lager der Extremisten getrieben hat; die Golfstaaten mit ihrer milliardenschweren Unterstützung dschihadistischer Gruppierungen; die Türkei, die ihre südostliche Grenzen allzulange für den „Islamischen Staat“ offenhielt; Syrien, das einen Krieg gegen den größeren Teil der eigenen Bevölkerung führt; Russland, das zusammen mit Iran hinter dem menschenverachtenden Assad-Regime steht; und schließlich Europa, das nicht in der Lage ist, sein immenses ökonomisches, politisches und diplomatisches Potential sinnvoll in die Weltpolitik einzubringen.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem selbst den verbohrtesten Regierungen dämmern müsste, dass auch ihre Interessen von dem Ungeheuer bedroht sind, das im Great Game des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts entstand. Das Spiel muss aufhören: Stoppt den „Islamischen Staat“!

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