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Nationalstolz und Rassismus Liebe, Hass und der Krieg der Gefühle

Alexander Gauland, Angela Merkel und all die anderen: Ein Gespräch in der Hitze.

Merkel
„Aber sie hat auch die Gefühle der Deutschen bewegt. Ganz ohne ,Love‘ und ,Hate‘.“ Angela Merkel mit Gästen im Kanzleramt. Foto: afp

Die beiden mögen einander. Früher liebten sie sich. Wenn sie jetzt miteinander sprechen, packen sie ihre Sätze in Watte. Sie fürchten, einander zu verletzen. Sie gehen durch Berlin. Nebeneinander her. Er würde sie gerne umarmen und küssen und ... Aber er traut sich nicht. Jetzt sitzen sie, es ist nach sieben, aber noch immer sehr warm, oben vor den Ein- und Ausgängen zum Tempodrom auf einer der Steinbänke, blicken hinunter auf den Sportplatz und hinüber zum einzig übrig gebliebenen Seiteneingang des einst riesigen Anhalter Bahnhofs.

Sie ... Die Liebesrede von Gauland, die war doch widerlich, dieses „Sie lieben dieses Land nicht. Sie lieben nicht das deutsche Volk ... Sie lieben die Fremden, nicht uns, nicht die Deutschen, denen dieses Land gehört“.
Er Was findest du so widerlich daran?

Sie Jeden einzelnen Satz. Er will mir vorschreiben, wen ich zu lieben habe. Das ist doch verrückt. Wenn es etwas gibt, das man nicht herbeizwingen kann, dann ist das doch Liebe.
Er Ich weiß.

Sie Lenk’ nicht ab. 
Er Er fordert die Liebe nicht ein. Er sagt nur seinen Anhängern, dass die anderen Parteien sie und ihr Land nicht lieben.

Sie „Denen dieses Land gehört...“ Das ist doch völliger Blödsinn. Wem gehört Deutschland? Doch nicht denen, die da am Brandenburger Tor vor ihm stehen. Denen doch gerade nicht.
Er Genau das meint er. Sein Satz erinnert sie daran. Er schürt ihre Wut damit.

Sie Aber es sind doch nicht die Fremden, die ihnen ihr Deutschland wegnehmen. Das sind doch ganz andere. 
Er Darum geht es nicht. Das Gefühl, etwas nicht zu haben, das man eigentlich haben sollte, ist wichtig. Denn dieses Gefühl hat jeder. Zu Recht und zu Unrecht. Daran lässt sich anknüpfen. Das erzeugt Wärme und Wut.

Sie Das ist es ja, das ich so widerlich finde. Weißt du noch, Gustav Heinemann, der, als er gefragt wurde, ob er diesen Staat denn nicht liebe, antwortete: „Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig!“ Das ist Liebe. Ein Land, ein Volk – wie soll man das lieben? Eine Landschaft mag man lieben, eine Frau, einen Mann. Zwei Frauen, zwei Männer, drei, vier, aber 80 Millionen? Das ist doch verlogen bis ins Mark. Ich verstehe nicht, wie du das verteidigen kannst.
Er Wenn du ihr sagst, dass du sie liebst und sie lächelt freundlich, dann weißt du, sie ist nicht scharf auf dich. Sie bedarf, ganz offensichtlich, nicht deiner Liebe. Wir wissen nicht, wie viele da vor Gauland standen und seine Liebeserklärung an sie als peinlich empfanden. Am Mitschnitt ist interessant, dass diese Stelle dort vor dem Publikum wenig Effekt gemacht zu haben scheint. Aber wer weiß, wie es da drinnen aussieht?

Sie Du meinst, in jedem Fall hatte Gauland das Bedürfnis, von Liebe zu sprechen?
Er Ich glaube, er traf damit einen Nerv. Er ist ja ein Hassprediger. Auch in dieser Rede. Er beschwört die Liebe für das eigene Volk, um die „Ausweisung“ der anderen einzufordern.

Sie Die Rede von der Liebe ist etwas Neues.
Er Kennst du den Film „Die Nacht des Jägers“?

Sie Von Charles Laughton? 
Er Robert Mitchum spielt einen Killer, der sich auf die Fingergelenke der einen Hand „Love“ und auf die der anderen „Hate“ hat tätowieren lassen. So funktioniert Gaulands Rede. Den einen zeigt er die Linke mit „Hate“ und den anderen die Rechte mit „Love“. 

Sie Das ist doch unerträglich. „Hass“ und „Liebe“. Nichts als Gefühle. Er mobilisiert Gefühle statt den Verstand. Er macht das Land damit kaputt. Das er doch vorgibt zu lieben. Das weiß er doch. Er macht das doch absichtlich.
Er Wenn dein Heinemann sagte, er könne diesen Staat nicht lieben, dann würde Gauland dir dasselbe sagen. Auch er liebt diesen Staat nicht. Er liebt aber, sagt er, das Land und das Volk.

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