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Nationalsozialismus Terror als Ablenkung von der Agonie

Die „Aktion Gewitter“ ist kaum in Erinnerung. Doch am 22. August 1944 verhafteten die Nazis systematisch vormalige Volksvertreter.

21.08.2014 15:27
Winfried Meyer
Eines der Opfer des Naziterrors: Theodor Roeingh, 1933 Zentrums-Abgeordneter. Foto: Privatbesitz

Wie „ein Blitz aus heiterem Himmel“ traf es Bruno Unger im sächsischen Olbernhau, als ihn Gestapo-Beamte am Morgen des 22. August 1944 aus dem Bett heraus festnahmen. In den Zeitungen wurde laufend über Urteile des Volksgerichtshofs gegen Verschwörer des 20. Juli berichtet und Unger fragte sich, wer ihn in den Verdacht gebracht haben könnte, er habe „mit Goerdeler usw. in Verbindung gestanden“. Anders konnte er sich seine Festnahme nicht erklären. Tatsächlich aber war die Gestapo gekommen, weil Unger vor 1933 Stadtverordneter der KPD in Olbernhau gewesen war.

Am 17. August nämlich hatten alle Gestapostellen ein geheimes Fernschreiben mit einem Befehl Heinrich Himmlers erhalten, in den frühen Morgenstunden des 22. August 1944 alle früheren Reichs- und Landtagsabgeordneten sowie Stadtverordneten der KPD und SPD im Reich festzunehmen und sie unter dem Stichwort „Aktion Gewitter“ in das nächstgelegene Konzentrationslager einzuweisen.

Gestapo-Chef Heinrich Müller hatte Himmlers Liste der Festzunehmenden noch um die ehemaligen Partei- und Gewerkschaftssekretäre der SPD ergänzt. Ausgenommen waren nur solche Personen, die inzwischen zur NSDAP übergetreten oder Gestapo-Informanten geworden, schwerkrank oder älter als siebzig Jahre waren. Mit ähnlichen Ausnahmebestimmungen ordnete Müller im Auftrage Himmlers vier Tage später an, „sämtliche ehemalige(n) Reichstags- und Landtagsabgeordneten sowie Stadtverordnete(n) der Zentrumspartei unverzüglich in Haft zu nehmen“.

Mit seinen Mutmaßungen über die Gründe der Verhaftungsaktion lag Bruno Unger nicht vollkommen daneben: Die „Sonderkommission 20. Juli“ der Gestapo hatte ermittelt, dass Sozialdemokraten und Gewerkschaftsfunktionäre in der Verschwörung gegen Hitler eine wichtige Rolle gespielt hatten und dass der frühere SPD-Reichstagsabgeordnete Julius Leber durch Einbeziehung der illegalen KPD sogar eine „rein sozialistische Lösung“ angestrebt habe.

Wenig später war auch festgestellt worden, dass sich unter den von den Verschwörern in den Wehrkreisen ernannten „Politischen Beauftragten“ etliche ehemalige Abgeordnete der katholischen Zentrumspartei befanden. Mit der Festnahme aller ehemaligen Abgeordneten dieser Parteien wollte Himmler einerseits einem weiteren Umsturzversuch vorbeugen. Andererseits wollte er mit der spektakulären Gestapo-Aktion aber auch davon ablenken, dass sein Polizeiapparat Attentat und Umsturzversuch nicht verhindert und sogar er selbst über den Rechtsanwalt Carl Langbehn Kontakte zu den Hitler-Gegnern gehabt hatte.

Deswegen schlug Himmler am 14. August bei einer Besprechung mit Hitler über Konsequenzen aus dem Umsturzversuch die „Verhaftung S.P.D. u. K.P.D. Bonzen“ vor. Der Diktator war einverstanden. Er hatte schließlich ab 1941 mehrfach in kleinem Kreise geprahlt, aus der von ihm als „Herrschaft des Untermenschentums“ und „ganz gemeine Dieberei und Plünderei“ bezeichneten Novemberrevolution von 1918 die richtige Lehre gezogen zu haben: In einer ähnlichen Krisensituation sollten alle „leitenden Männer gegnerischer Strömungen“ festgenommen und ebenso erschossen werden wie sämtliche Insassen der Konzentrationslager und alle „kriminellen Elemente“.

Stärker als an den bei seinen Tischgesprächen üblichen Verbalradikalismen Hitlers orientierte sich die von Himmler geplante Massenverhaftung aber an einer ebenfalls unter der Bezeichnung „Aktion Gewitter“ im September 1939 durchgeführten Operation: Bei Kriegsbeginn waren Tausende von Kommunisten und Sozialdemokraten festgenommen und in die Konzentrationslager eingewiesen worden. Diese der Sicherung der „inneren Front“ dienende Massenverhaftung hatte sich auf die „A-Kartei“ der Gestapo gestützt. In dieser war im Rahmen der Kriegsvorbereitungen seit 1936 eine immer wieder reduzierte Zahl potentieller Gegner ausschließlich nach ihrer vermutlichen „Gefährlichkeit in der Zukunft“ erfasst worden.

Abgeordnetenmandate der erfassten Personen waren in der „A-Kartei“ aber nicht registriert, so dass sie als Grundlage der für den 22. August 1944 angeordneten „Aktion Gewitter“ nicht in Frage kam. Stattdessen mussten die örtlichen Gestapostellen in Zusammenarbeit mit den NSDAP-Kreisleitungen selbst erst aufwendig recherchieren, wer in ihrem Zuständigkeitsbereich zwischen 1919 und 1933 Mandate für die genannten Parteien innegehabt hatte. Da viele der ehemaligen Mandatsträger den Wohnort gewechselt hatten, erstreckten sich die Festnahmen über Wochen und Monate.

Die meisten Gestapostellen sperrten deswegen die Festgenommenen zunächst in lokalen Polizeigefängnissen und provisorischen Haftstätten ein, bis die Zahl der Inhaftierten für einen Sammeltransport in das zuständige Konzentrationslager ausreichend erschien. Lediglich aus Großstädten, in deren unmittelbarer Nähe ein Konzentrationslager lag wie das Oranienburger KZ Sachsenhausen bei Berlin, wurden die Festgenommenen sofort dorthin geschafft.

Die meisten Festgenommenen waren Sozialdemokraten, da viele KPD-Funktionäre entweder ins Ausland geflohen oder aber früher bereits inhaftiert oder gar ermordet worden waren. Von im Gau Weser-Ems bei der „Aktion Gewitter“ festgenommenen 166 ehemaligen Abgeordneten hatten 112 der SPD, 43 der KPD und einer dem Zentrum angehört.

Als Mandatsträger zwischen 1919 und 1933 waren die fast ausschließlich männlichen Festgenommenen zwischen 45 und 70 Jahre alt. Ihre Festnahme löste, wie die Gestapo in Osnabrück registrierte, eine „starke Beunruhigung in der Bevölkerung“ aus. Da viele der festgenommenen Sozialdemokraten und Kommunisten Schlüsselpositionen in Betrieben gehabt hatten, bestürmten diese nun die Gestapostellen mit Anträgen auf sofortige Haftentlassung. Die Deutsche Bischofskonferenz drängte auf die Freilassung ehemaliger Zentrumspolitiker wie des früheren Oberbürgermeisters von Köln und späteren Bundeskanzlers Konrad Adenauer, und der Freiburger Erzbischof Conrad Kardinal Gröber kritisierte die Verhaftungsaktion sogar öffentlich in einem Hirtenbrief.

Propagandaminister Joseph Goebbels hielt die „Gewitter-Aktion“ für „sehr zweckentsprechend“. Da immer mehr NSDAP-Stellen aber über „keinerlei Verständnis“ für die Festnahmeaktion berichteten, hatte die Gestapo-Zentrale schon am 24. August die Entlassung der katholischen Stadtverordneten verfügt. Vier Tage später ordnete Gestapo-Chef Müller eine Überprüfung aller Festnahmen an, da „nicht die kleinen Funktionäre und Gemeinderatsmitglieder eingesperrt werden“ sollten. Nach weiteren „Beschwerden aus allen Gauen“ wies er am 30. August die örtlichen Polizeistellen an, die meisten Festgenommenen zu entlassen und behielt sich selbst die Entscheidung nur bei ehemaligen Reichs- und Landtagsabgeordneten vor.

Von den örtlichen Gestapostellen wurden nun gleichzeitig etwa vier Fünftel der bereits Festgenommenen entlassen, die restlichen in Konzentrationslager gebracht. Auch aus den Konzentrationslagern wurden zwischen Anfang September und Mitte Dezember 1944 etwa vier Fünftel der „Gewitter“-Häftlinge entlassen, während gleichzeitig weitere eingeliefert wurden.

Höchst widersprüchlich war auch die Entlassungspraxis des Reichssicherheitshauptamtes bei den ehemaligen Reichs- und Landtagsabgeordneten: Der Berliner Zentrumsabgeordnete Heinrich Krone wurde am 29. August aus der Polizeihaft in Berlin und der spätere SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher am 20. September aus dem KZ Neuengamme entlassen. Theodor Roeingh, Reichstagsabgeordneter des Zentrums aus Westfalen-Nord, dagegen wurde nach monatelanger Haft im Bielefelder Gestapo-Gefängnis noch im Januar 1945 in das KZ Sachsenhausen verschleppt, bei dessen Evakuierung er im April 1945 ums Leben kam. Insgesamt waren etwa 5000 ehemalige Abgeordnete in die Konzentrationslager eingewiesen worden, fast die Hälfte von ihnen in das in der Nähe der Reichshauptstadt Berlin gelegene KZ Sachsenhausen. Da aber viele Gestapostellen nur einen kleineren Teil der Festgenommenen überhaupt in Konzentrationslager verschleppt hatten, muss die Gesamtzahl der Opfer der „Gewitter-Aktion“ wesentlich höher gewesen sein.

In den überfüllten Konzentrationslagern fanden die „Gewitter-Aktionäre“, wie sie sich selbst mit einem Anflug von Galgenhumor bezeichneten, so lebensfeindliche Verhältnisse vor, dass für den ehemaligen SPD-Reichstagsabgeordneten Erich Rossmann dagegen „selbst Dantes Höllenvisionen verblassen“. Im KZ Sachsenhausen kamen von 15 Reichstagsabgeordneten acht und von 24 Landtagsabgeordneten mindestens sieben ebenso in der Haft ums Leben wie etliche ehemalige Berliner Stadtverordnete. Auch die nach kurzer KZ-Haft Entlassenen trugen schwere gesundheitliche Schäden davon. Erich Flatau, der letzte Vorsitzende der SPD-Fraktion in der Berliner Stadtverordnetenversammlung, kam aus der Haft im KZ Sachsenhausen vom 22. August bis zum 8. September 1944 gehbehindert, mit Herzschmerzen und Selbstmordgedanken zurück und starb schon Anfang 1946.

Er war wie alle bei der „Gewitter-Aktion“ verhafteten ehemaligen Parlamentarier ein Opfer des rücksichtslosen Beharrungswillens und des paranoiden Sicherheitswahns eines in Agonie übergehenden Terrorregimes sowie der persönlichen Machtambitionen Heinrich Himmlers geworden.

Der Autor arbeitet als Historiker am Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin.

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