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Nachruf Peter-Paul Zahl Freiheit und Glück als Signatur

Peter-Paul Zahls Roman "Die Glücklichen" wurde zu einem Kultbuch des alternativen Milieus Ende der siebziger Jahre. Die Geschichte des infolge eines Justizskandals lange inhaftierten Autors aber entwickelte sich zu einem dramatischen Selbstbehauptungskampf. Ein Nachruf.

Foto: picture-alliance / dpa

Ich stelle mir die U-Bahn vor“, heißt es in einer Passage von Peter-Paul Zahls wohl bekanntestem Roman „Die Glücklichen“, den er im Untertitel einen Schelmenroman genannt hatte. Die imaginierte U-Bahn-Szene folgt eher einer egalitären Utopie, in der das Verkehrsmittel keine Arbeitsplatzinhaber an ihre Produktionsstätten befördert, sondern freie Menschen zu sich kommen lässt. Die U-Bahn als modernes Paradies, oder zumindest als ein Vehikel, mit dem man diesem näher kommen kann.


„Die Glücklichen“, 1979 erschienen, wurde schnell zum Kultbuch eines alternativen Milieus, das sich vom selbstzerstörerischen Aktionismus der RAF zu lösen begann und dabei war, in ökologisch inspirierte Projekte aufzubrechen. In seinem Roman erzählt Peter-Paul Zahl die Geschichte einer Berliner Ganovenfamilie, die trotz ihres anarchischen Habitus’ einer höheren Moral verpflichtet ist. Bestiehl nie jemanden, der von seiner Arbeitskraft lebt, lautete das einfache Gaunerethos, das noch nichts von den komplexen Strategien des Karrieremachens ahnte, in die bald wohl auch viele von Zahls Lesern verwickelt wurden.


Das Cover der „Glücklichen“ zeigt eine Berliner Hauswand, auf die eine weite Landschaft aufgemalt war, durch die utopisch anmutende Ballons schwebten. Zahls Roman zierte die Bücherregale vieler Wohngemeinschaften, oft dürfte er aus bürgerlichen Buchläden als Beute nach Hause getragen worden sein. Als Kultbuch galten die „Glücklichen“ aber nicht nur wegen der beschwingten Undergroundmoral. Die Geschichte des Autors entwickelte sich zu einem dramatischen Selbstbehauptungskampf und bald auch zu einem bundesrepublikanischen Justizskandal.


Peter-Paul Zahl, 1944 in Freiburg im Breisgau geboren und als Sohn eines Juristen und Verlegers in Ratingen aufgewachsen, gehörte im Berlin der frühen 70er Jahre einer kleinen Gruppe an, die sich Up against the wall, Motherfuckers! nannte und schwarzen GIs aus Berliner Kasernen zur Flucht nach Schweden verhalf. 1970 wurde Zahl wegen Verbreitung eines Unterstützungsplakats für die RAF zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt. Zwei Jahre später geriet er in eine Polizeikontrolle, der er sich durch Waffengebrauch und Flucht zu entziehen versuchte. Wegen gefährlicher Körperverletzung und Widerstands gegen die Staatsgewalt wurde er zunächst zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Urteil wurde 1976 in eine Haftstrafe von insgesamt 15 Jahren umgewandelt, nun wegen zweifachen versuchten Mordes.

Gegen das drastisch verschärfte Urteil, aber auch gegen die Einzelhaft Zahls gab es immer wieder Protestaktionen. Zahl wurde als politischer Häftling wahrgenommen. Man betrachtete ihn als Opfer einer durch die Hysterie der RAF-Jahre verunsicherten, aber auch verhärteten Justiz. Seine Haftbedingungen nutzte er zu intensiver literarischer Produktion. Er engagierte sich für andere Häftlinge und war im Gefangenen- und Personalrat. „Konterbande“ und der Gedichtband „Aber nein, sagte Bakunin und lachte laut“ waren kaum weniger kultverdächtig als der Roman „Die Glücklichen“, der sich auch als Chronik des sich in einen linken Separatismus verlierenden Alternativmilieus lesen lässt.
Erst 1980 kam Zahl in den Normalvollzug, von 1981 an war er Freigänger, und in der Spielzeit 1981/82 war er Regie-Volontär an Peter Steins Schaubühne. Im selben Jahr führte Claus Peymann Zahls Stück über Georg Elser am Bochumer Schauspielhaus auf.


Nach seiner vorzeitigen Haftentlassung 1982 hielt Zahl sich abwechselnd in Grenada, Nicaragua und Italien auf, später zog es ihn nach Jamaika, wo er auch diverse Kriminalromane schrieb. Zum Frieden mit dem Land, das er verlassen hatte, reichte es aber noch nicht. Weil er sich 1995 nach Jamaika eingebürgert hatte, wurde ihm 2002 die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Zahl ging juristisch dagegen vor, wurde zwei Jahre später wieder eingebürgert und hatte seither die deutsche und die jamaikanische Staatsbürgerschaft.
Peter Paul Zahl, der am Montag in Porto Antonio auf Jamaika im Alter von 66 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben ist, unterschrieb seine Briefe immer mit „Freiheit und Glück“.

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